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Brauchtumsforscherin im Gespräch
"Der schönste Martinsumzug findet in Loikum statt"

Loikum am Niederrhein: Ist das der schönste Martinszug?
Düsseldorf . Am Samstag ist nicht nur Karnevalsbeginn, sondern auch St. Martin. Was die beiden Feste miteinander zu tun haben und warum der Martinszug in Loikum besonders schön ist, erklärt Brauchtumsforscherin Dagmar Hänel.  Von Susanne Hamann

Frau Hänel, am Samstag, dem 11. November, ist St. Martin und zugleich Karneval. Ist das Zufall oder hat es einen Grund, dass diese Ereignisse auf einen Tag fallen?

Dagmar Hänel Das ist natürlich kein Zufall. Hintergrund ist, dass es in der Vormoderne eine adventliche Fastenzeit gab. Die begann am 12. November. Deshalb wurde am 11. November noch einmal ausgelassen gefeiert, ein Schwein geschlachtet und getrunken. Es ist also ein Fest gewesen, um in das Fasten einzusteigen. So wie bis heute an den Karnevalstagen ab Weiberfastnacht noch einmal gefeiert wird, bevor die sechswöchige Fastenzeit vor Ostern beginnt. Gleichzeitig wurde am 11. November vor vielen Jahren Martin beerdigt, und deshalb wird ihm bis heute an diesem Tag gedacht. 

Worum geht es beim Brauchtum?

Hänel Bräuche sind immer eine symbolische Handlung, die eine tiefere gesellschaftliche Bedeutung haben. Die Martinsumzüge sind ein Solidarbrauch. Dabei geht es um Zwischenmenschlichkeit. Natürlich hat es auch eine christliche Bedeutung, aber eigentlich geht es um mehr als das.

Dagmar Hänel ist Leiterin der Abteilung Volkskunde des LVR-Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte. FOTO: LVR-Zentrum für Medien und Bild

Aber eigentlich geht es um den heiligen Martin.

Hänel Aus christlicher Perspektive ja. Ich bin kein Theologe, aber unabhängig davon, was an der Geschichte wahr ist, wird sie in etwa so erzählt: Ein römischer Soldat namens Martin ist im Winter mit dem Pferd unterwegs und begegnet einem Bettler, der furchtbar friert. Obwohl es kalt ist, gibt er dem Bettler einen Teil seines Mantels. In dieser Nacht erscheint dem Soldaten im Traum Christus. Er sagt, er selbst sei der Bettler gewesen. Am nächsten Morgen wusste Martin, dass er sein Leben ändern wollte und wurde Christ. 

Und was hat das mit den heutigen Umzügen zu tun?

Hänel Es soll daran erinnern, dass jeder auch eine Verantwortung für andere hat, insbesondere für die Schwächeren. Man merkt das auch an Liedern wie "Laterne, Laterne", in denen es um eine Lichtsymbolik geht, also darum, das Licht in die Welt hinauszubringen. Das ist im Christentum und gerade im Winter von besonderer Bedeutung. 

Sie haben viel zu Martinsumzügen geforscht. Gibt es einen in NRW, der besonders heraus sticht?

Hänel Der schönste Martinsumzug findet in Hamminkeln-Loikum statt. Das ist natürlich eine sehr persönliche Einschätzung. Aber ich habe dort sehr viel Zeit verbracht, um das Brauchtum zu erforschen. Es ist ein kleines Dorf von 800 Leuten, für die dieser Brauch eine große Bedeutung hat. Deswegen schmücken sie das Dorf und die Fenster mit Lichtern, Windlichtern, Lampions und beleuchteten Scherenschnitten, und dann gehen 2000 Leute im Martinszug durch das Dorf und vollziehen gemeinsam diesen Brauch. Das Blasorchester Loikum spielt, der Darsteller des Heiligen Martin kommt aus diesem Dorf und die lokale Feuerwehr läuft mit. Es ist wirklich eine ganz besondere Stimmung. 

Aber ist das nicht überall in NRW so?

Hänel Ich habe in Bonn mal einen Umzug von einer Kita gesehen. Dort sind rund 30 Kinder mitgegangen. Es gab keinen Martin. Nur die Eltern sind mitgelaufen. Und es wurde auch nicht gesungen, sondern Musik aus einem Kassettenspieler gespielt. Das ist schon etwas ganz anderes. 

Können Sie noch eine andere Empfehlung abgeben, wo man für einen schönen Martinsumzug hinfahren sollte?

Hänel Meiner Meinung nach sollte man am besten im eigenen Viertel mitlaufen. Denn bei diesem Brauch geht es sehr stark um das Thema Gemeinschaft, Solidarität und Integration. Das erlebt man nicht, wenn man woanders hinfährt, dann hat es lediglich einen touristischen Charakter. 

Kennen Sie die Umzüge in Düsseldorf?

Hänel Nein, ich kenne sie nicht. Aber ich weiß, dass die Martinsumzüge im 19. Jahrhundert in Düsseldorf entstanden sind. 

Gibt es einen Brauch rund um St. Martin, den man früher hatte und an den wir uns wieder erinnern sollten?

Hänel Früher sind an St. Martin die Tagelöhner durch das Land gelaufen, haben an Türen geklopft, etwas gesungen oder vorgetragen und haben dafür Geld oder Essen bekommen. Man nannte das Heischen. Es war ganz normal und ein Solidarbrauch, bei dem es darum ging, sich an die eigene Verantwortung innerhalb der Gesellschaft zu erinnern und jenen zu helfen, die weniger haben als man selbst. Ich glaube, dieses Gedankengut wieder aufzugreifen, würde sehr gut passen. 

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