| 11.21 Uhr

Beratung und Tipps
So wird die Pflege Angehöriger nicht zur Belastung

Elternpflege: So werden Sie unterstützt
Elternpflege: So werden Sie unterstützt FOTO: AP, AP
Köln. Waschen, die Windeln wechseln und beim Duschen helfen: Einige Aufgaben in der Pflege kosten Überwindung. Für diese Emotionen brauchen sich Angehörige nicht zu schämen. Wichtig ist, mit Profis darüber zu reden - und sich verschiedene Trick abzuschauen.

Mehr als zweieinhalb Millionen Menschen in Deutschland sind auf Pflege angewiesen. Laut Statistischem Bundesamt wird die Hälfte davon daheim versorgt: nicht von Profis, sondern meist von ihren Ehepartnern oder Kindern. Einen erwachsenen Menschen zu pflegen, ist eine gewaltige Aufgabe. Und es führt oft an Grenzen. Braucht etwa die eigene Mutter Hilfe auf der Toilette, kann es zu Ekel kommen. Eine Empfindung, die für die pflegenden Angehörigen erschreckend sein kann und die droht, sie zu überfordern.

"Die Ekelfähigkeit von Menschen ist angeboren. Die genauen Auslöser von Ekelgefühlen werden jedoch gelernt und sind kulturell bedingt", sagt die Psychologin Prof. Susanne Zank. Die Gerontologin beschäftigt sich an der Universität Köln wissenschaftlich mit dem Thema Pflege. Sie weiß, dass viele Betreuer ganz praktische Probleme haben: "Viele empfinden den Umgang mit Ausscheidungen und ähnlichem als schlimm." Besonders, wenn der Gepflegte an Demenz leidet, ist die Belastung groß, denn eine gesundheitliche Besserung ist dann nicht mehr zu erwarten.

Die Rollenumkehr belastet

Amelie Jansen vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) weiß, dass selbst professionell tätige Pfleger an ihre Grenzen stoßen, wenn es um die Intimsphäre geht: "Viele sagen über ihre Arbeit: "Ich weiß nicht, ob ich das auch bei meinen Eltern könnte"." Psychologin Zank hat dafür eine Erklärung: "Belastend ist vor allem die veränderte Beziehung", sagt sie.

Es findet eine Rollenumkehr statt: Während früher die Eltern die Kinder versorgten, ist es jetzt genau andersherum. Klingt wie ein einfacher Tausch, ist aber allein schon wegen des Körpergewichts eines pflegebedürftigen Erwachsenen eine völlig andere Situation. Braucht er Windeln, sind auch das ganz andere Dimensionen als bei einem Kleinkind.

Austausch und Anerkennung sind wichtig

"Besser wird die Situation, wenn man sich austauschen kann", sagt Susanne Zank. Denn nicht nur der Ekel bei Pflegenden, sondern auch die Scham des Hilfsbedürftigen spielt ein Rolle. Das sensible Thema kommt allerdings vielen nicht leicht über die Lippen. Das weiß auch die Berliner Psychologin Imke Wolf. Sie ist die Leiterin der Internet-Beratung pflegen-und-leben, die sich gezielt an pflegende Angehörige wendet.

Der Kontakt erfolgt schriftlich und anonym, das macht es vielen Betroffenen leichter. "Schon das Reflektieren beim Aufschreiben hilft", sagt Psychologin Wolf. Die Anfragen werden von Fachleuten bearbeitet, die den Angehörigen Unterstützung bei der Suche nach seelischer Entlastung bieten und auch auf Hilfsangebote in der Nähe verweisen. "Pflegende brauchen für ihre geleistete Arbeit Anerkennung: durch Familie, Freunde und andere. Und es ist wichtig, sich jemandem anzuvertrauen."

Auch die Gerontologin Susanne Zank weiß, dass man unbearbeitete Gefühle wie Wut und Trauer, die auch aufgrund von Ekel entstehen können, nicht ignorieren darf. "Studien haben gezeigt, dass die Rate an Depressivität bei pflegenden Angehörigen größer ist als in der Allgemeinbevölkerung." Die Kölner Psychologin hält daher auch psychotherapeutische Angebote für Pflegende sowie Selbsthilfegruppen für sinnvoll. Fündig wird man in der Regel bei den Pflege- und Krankenkassen sowie bei karitativen Einrichtungen und Wohlfahrtsverbänden.

Pflege: Profis können mithelfen

Für pflegende Angehörige sollte die Beauftragung von Profis kein Tabu sein. "Man kann zum Beispiel einen Pflegedienst nur für die Körperpflege morgens und abends engagieren", sagt Krankenpflegerin Amelie Jansen. Das verschafft den Familienangehörigen eine Pause und hat noch weitere Vorteile: "Wenn man dem Pflegedienst zusieht und nachfragt, kann man viel lernen."

Dabei, aber auch bei Pflegekursen, kann der Laie viele praktische Tipps sammeln, die den Alltag spürbar erleichtern. "Der Pflegende sollte immer beschreiben, was als nächstes passiert", rät Jansen. Hinsichtlich der Intimsphäre sind professionelle Pfleger auf Sensibilität geschult. Da gilt etwa, nur so wenig Kleidung wie möglich auszuziehen und den Gepflegten alles allein machen zu lassen, was noch klappt. Sichtschutz ist ebenfalls wichtig, also beispielsweise die Tür beim Toilettengang zu schließen.

"Vielen pflegenden Menschen helfen auch Handschuhe und Schutzkleidung, auch wenn sie noch so dünn ist", sagt Krankenpflegerin Jansen. Sie empfiehlt, sich im Fachhandel, etwa in einem Sanitätshaus, in Ruhe umzusehen und auszuprobieren, welche Hilfsmittel Erleichterung bringen.

Eine kurze Auszeit nehmen

Trotz allen Hilfsmitteln kann Pflegenden doch einmal alles über den Kopf wachsen. Dann hilft nur eins: raus aus der Situation. Für ein paar Minuten das Zimmer verlassen, frische Luft schnappen, durchatmen. Gefährlich wird es, wenn die Emotionen des Pflegenden zu Aggressivität führen, daher hilft es, solch einen Notfallplan einstudiert zu haben.

Neben der Arbeitsbelastung kann die familiäre Pflege aber auch Positives bereithalten: "Angehörige sagen, dass sie persönlich gereift seien", sagt Prof. Zank. Diese Aspekte hervorzuheben und nicht nur den Pflegefall zu sehen, ist für den Alltag wichtig. Denn gerade die emotionale Nähe im Kreis der Familie ist das entscheidende Plus der Pflege durch Angehörige.

(dpa)
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Häusliche Pflege: Das sollten Sie beachten


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.