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Gesundheit
An nächtlichem Harndrang ist nicht nur die Blase schuld

5 Fragen zur Inkontinenz
5 Fragen zur Inkontinenz FOTO: dpa, Martin Gerten
Düsseldorf. Wer nachts mehr als zwei Mal auf die Toilette muss, leidet unter einer sogenannten Nykturie. Den Arzt führt die Suche nach der Ursache zuweilen zu anderen Organen. Von Wolfram Goertz

Die Entscheidung, wie oft sie nachts auf die Toilette müssen, haben viele Menschen in ihrer eigenen Hand - und zwar in derjenigen, mit der sie sich aus einer Flasche ein Glas einschenken. Wer abends den Flüssigkeitsbedarf des ganzen Tages ausgleichen will oder einfach aus Lust und Durst ein paar große Bierchen zischt, bei dem meldet sich nachts logischerweise die Blase, und zwar mehrfach.

Wer häufig aus dem Schlaf erwacht und aufs Töpfchen muss, aber zuvor nur wenig getrunken hat, sollte seinen Hausarzt konsultieren - und dazu auch Zeit mitbringen. Denn die Diagnostik der sogenannten Nykturie (des häufigen nächtlichen Harndrangs) ist umfangreich und erstreckt sich mitnichten auf den urologischen Kernbereich. Von Nykturie spricht man, wenn man nachts mehr als zwei Mal aus dem Bett auf die Toilette muss.

Dass eine vergrößerte Prostata Probleme machen kann, weil beim Urinieren Restharn verbleibt, ist den betroffenen Männern fast immer bekannt. Schwangere wissen, warum sie ganztags von Harndrang geplagt werden. Diabetiker, die aber nicht selten noch unidentifiziert sind, leiden oft unter verstärktem Durst und müssen auch nachts häufiger aufs WC. Für Menschen, die sich mit einer überaktiven Blase oder einem Harnwegsinfekt herumschlagen, gilt das ebenso.

Überraschend ist aber, auf welche Organe sich beim Arzt die gewissenhafte Untersuchung einer Nykturie noch erstrecken kann.

Was unsere Blase leistet

In der Regel beträgt das Fassungsvermögen der Harnblase etwas weniger als einen halben Liter. Dabei gibt es jedoch eine enorme Spannweite; es gibt Menschen, bei denen schon ein maximales Füllungsvolumen von einem Liter gemessen wurde. Da der Mensch mit einem automatischen Regelkreis zwischen Harnblase, Rückenmark, Gehirn und Blasenmuskeln ausgestattet ist, der einem Rauchmelder ähnelt, schlägt das System bei einem Zuviel an Urin Alarm. Spezielle Sensoren in der Blasenwand registrieren eine zu starke Dehnung und schicken einen Nervenimpuls zum Rückenmark und von dort ins Gehirn. Von dort erfolgt das Kommando: auf die Toilette!

Die labile Blase älteren Baujahrs

Die Hauptursache für eine Nykturie ist zweifellos das fortgeschrittene Alter. Mit den Jahren kommt es zu merklichen Veränderungen im Harntrakt, auch zu einer verminderten Blasenkapazität und Fähigkeit, den Urin einzuhalten, und auch zu einer Zunahme des Restharnvolumens. Zudem kann die alternde Niere den Urin nicht mehr so effektiv konzentrieren wie in jüngeren Jahren. Weiterhin gibt es auch Veränderungen in der Blasenmuskulatur, die harntreibend wirken.

Die häufigen nächtlichen Toilettengänge berühren bei älteren Menschen aber auch andere Aspekte. Sie sollten unbedingt sicherstellen, dass ihr Weg zur Toilette auch im Dunkeln unfallfrei zu bewerkstelligen ist; Oberschenkelhalsbrüche sind eine gefürchtete Komplikation bei nächtlichem Harndrang von Senioren.

Doch auch jüngere Menschen kann ein Sturz ereilen, und zwar bei der sogenannten Miktionssynkope. Man kennt sie von Bootsleuten, die an der Reling ihrem Geschäft nachgehen, ins Wasser stürzen und ertrinken. Was passiert da? Bei einer Miktionssynkope löst die schnelle Entleerung einer übervollen Blase ein promptes Signal im sogenannten Vagusnerv aus, welches das Herz langsamer schlagen lässt. Das geht mit einem Abfall des Blutdrucks einher; das Gehirn wird nicht mehr genügend mit Sauerstoff versorgt, der Körpermuskulatur schwindet die Spannung - und es kommt zum Sturz. Auch deshalb ist der Wunsch der Dame des Hauses, dass der Herr sitzend pinkeln möge, nicht nur hygienisch, sondern für ihn womöglich lebensrettend.

Wenn das Herz schlapp macht

Der Hausarzt wird sich - das ist für ihn ohnedies Standard - auch mit der Herzfunktion eines Nykturie-Patienten befassen. Schlägt es nicht mehr besonders gut oder nur noch stark eingeschränkt, muss man von einer Herzinsuffizienz (Herzschwäche) sprechen. Hierbei tritt eine Nykturie oft auf. Wegen der mangelhaften Pumpfunktion des Herzens lagert der Körper tagsüber Wasser in den Beinen ein, sogenannte Ödeme. Die werden nachts, wenn der Patient in der Waagerechten liegt, wieder ausgeschwemmt, was zu verstärktem Harndrang führt. Der ist aber nicht das einzige Symptom; Leistungsschwäche und Atemnot sind meist typisch für eine Herzinsuffizienz. Festgestellt wird sie durch das EKG, mehr noch durch eine Ultraschalluntersuchung des Herzens, die Echokardiografie.

Tückische Aussetzer im Schlaf

Auch bei einer anderen Krankheit ist häufiger nächtlicher Harndrang beinahe die Regel: beim sogenannten obstruktiven Schlafapnoe-Syndrom. Hierbei kommt es zu Blockierungen des Atemwegs und zu Atempausen, die sich als Aussetzer äußern; ihnen folgt ein sehr markanter Schnarcher als die Aufwachreaktion des Gehirns, das eine Sauerstoff-Unterversorgung bemerkt hat. Bei diesen Intervallen, die sich beim Apnoiker oft in der Nacht wiederholen, entsteht dem Körper enormer Stress, der nicht nur Folgen fürs Herz hat: Durch die Freisetzung von Stresshormonen werden die Niere und der Harndrang angeregt; das kennen wir alle aus Prüfungssituationen. Wird das Schlafapnoe-Syndrom behandelt, verabschieden sich meist auch die lästigen Phasen des Harndrangs in der Nacht.

Treibende Medikamente

Der gewissenhafte Hausarzt wird bei der Überlegung, was den Harndrang seines Patienten auslöst, natürlich kontrollieren, welche Medikamente er bekommt. Und sollte sich herausstellen, dass unter den Tabletten zur Behandlung eines Bluthochdrucks auch eine zur Entwässerung (Diuretikum) dabei ist, wird er mit dem Patienten den Zeitpunkt der Einnahme besprechen. Je früher das Medikament morgens genommen wird, desto günstiger kann sich das auf die Problematik des nächtlichen Harndrangs auswirken. Aber auch andere pharmakologische Substanzen können das Urinvolumen steigern: Neben den sogenannten Kalzium-Antagonisten (ebenfalls zur Therapie der arteriellen Hypertonie) sind das manche Antidepressiva und auch Antibiotika (Tetrazykline).

Auch die Niere kann es sein

Bei einem Patienten mit nächtlichem Harndrang wird der Hausarzt auch Urin und die Nierenfunktion analysieren. Aus den Messwerten lassen sich Rückschlüsse ziehen. Kann es eine Proteinurie sein, bei der übermäßig viel Eiweiß in den Urin gelangt? Oder er wird nach einem Hormonmangel forschen: Vielleicht wird des Nachts nicht genügend ADH (Antidiuretisches Hormon) gebildet? In diesem Fall kommt es zu einer ungewöhnlich starken Urinproduktion im Schlaf.

Nächtlicher Harndrang ist eine Störung, die sich sehr gut behandeln lässt - mit und ohne Medikamente, mit speziellem Training, manchmal auch mit einer Operation, die für Urologen Routine ist. Am Anfang steht aber das Trinktagebuch. Es zeigt dem Arzt, wie oft sein Patient aufs Töpfchen muss im Vergleich zu dem, wie viel er trinkt. Danach sind alle schlauer.

Quelle: RP
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