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Bei Brüchen und Bänderrissen
Bekommt man heute eigentlich noch einen Gips?

Immer raffiniertere Verfahren treten bei der Therapie von Brüchen an die Stelle des guten alten Gipsverbandes. Trotzdem kann die moderne Medizin einstweilen nicht auf ihn verzichten. Von Wolfram Goertz

Sie standen an den Hängen und seufzten. Zum dritten Mal erhob sich über ihren Köpfen an diesem Tag ein Helikopter von der Piste, ließ den Schnee fliegen und brachte einen verunglückten Skifahrer ins Tal - ins Unfallkrankenhaus. "Der Arme", murmelten sie an den Hängen, "bestimmt ein kapitaler Bruch".

Zur Winterzeit wird mancher Mensch zum Kamikaze-Rennfahrer und riskiert an roten und schwarzen Pisten nicht weniger als sein Leben. Wer mal in einem österreichischen Bezirkskrankenhaus Mäuschen gespielt hat, der erlebte Ambulanzen und Operationssäle, die wahren Lazaretten glichen. Viele der Patienten können allerdings guter Hoffnung sein: Die moderne Unfallchirurgie hat sich glänzend fortentwickelt, sie kann Brüche besser denn je versorgen und verfügt gleichsam über riesige Werkzeugkästen mit Nägeln, Nähten, Platten, Schienen, Verbänden, Stiften, Harzen, Pfannen, Polsterungen und weiteren Ersatzteilen, um den Körper und seine Extremitäten ins Lot zu bringen.

Der Gips ist bis heute das weithin sichtbare Zeichen eines Bruchs - oft bejammert, gern bemalt, nicht selten verflucht. Dabei hat die Medizin von Anfang an die Vor- und Nachteile des Gipsverbandes gesehen. Liest man in einem historischen Lehrbuch über den Verband als solchen, dem von Haertel/Löffler von 1922, so staunt man, welche Prinzipien und Techniken sich geändert haben, welche nicht. In jedem Fall haben die beiden Hallenser Chirurgen schon damals die Probleme beschrieben, die mit einer Ruhigstellung eines Arms oder eines Beins verbunden sind. Deshalb haben Chirurgen und Orthopäden seit je versucht, diese Fixation von Beinen oder Armen anatomisch und zeitlich möglichst auf ein Minimum zu begrenzen. Das Ergebnis durch die Zeiten: Heute wird der Gips in jeder Hinsicht deutlich kürzer gebraucht als früher. Unersetzlich ist er nicht, aber oft gibt es (bessere) Alternativen für ihn. Ist er ein Auslaufmodell?

Tim Lögters, Professor für Unfall- und Handchirurgie an der Uniklinik Düsseldorf (UKD), sieht das so: "Von einem stillen Abschied vom klassischen Gips kann man insofern sprechen, als wir in der Unfallchirurgie viele moderne Verfahren bei der Versorgung einer Fraktur haben, die den Gips ersetzen. Natürlich kommen wir in manchen Situationen um einen Gips weiterhin nicht herum, aber sehr wichtig ist es doch, dass der Patient schnell wieder mobil wird." Ihm pflichtet Bettina Westhoff, Professorin für Kinderorthopädie am UKD, bei: "Die sogenannte frühfunktionelle Behandlung ist für uns ganz wichtig; sie erreichen wir etwa durch sogenannte Funktions-Orthesen."

Diese "Frühmobilisation" (Westhoff) ist nicht deshalb wichtig, weil ein Krankenhaus ein Bett rasch wieder für einen anderen Patienten zur Verfügung stellen will. Ruhigstellung bietet nämlich etliche Nachteile. Lögters: "Wer jemals gesehen hat, wie Muskeln etwa am Unterschenkel verkümmern, wenn das Bein lang in einem Gips gesteckt hat, wird dieses Ziel der schnellen Mobilisierung unbedingt für sinnvoll halten."

Diese sogenannte Muskel-Atrophie ist in der Tat das sichtbarste Problem, wenn ein Gipsverband lange getragen wird. Wer nach mehreren Wochen muskulärer Ohnmacht seinen Gips am Bein entfernt bekommt, hat neben dem geruchlichen vor allem ein motorisches Problem: Die beiden Beine sehen nicht mehr seitengleich aus, auf der vergipsten Seite sind die Muskeln verkümmert. Sie wurden nicht gebraucht. Und Stillstand führt zwingend zur Atrophie.

Dabei ist diese Verschmächtigung von Muskeln nicht das einzige Problem. Früher wurden Brüche oft langstreckig versorgt - auch über angrenzende Gelenke hinaus. Längst weiß man, dass diese Ruhigstellung von Gelenken ein weiteres Problem darstellt. Ein gesundes Gelenk, das nicht benutzt wird, kann schon nach sechs Wochen versteifen. In dieser Zeit kommt es zu einem biochemisch bedingten Umbau von Fasern, zu Verklebungen an der Gelenkkapsel; der Anteil des Bindegewebes wird größer, der Knorpel weniger belastbar. Hier ist eine zum Teil langwierige Physiotherapie erforderlich, damit die alte Beweglichkeit allmählich wiederhergestellt wird.

Der dritte Preis, den der Patient möglicherweise durch die erzwungene Unbeweglichkeit zahlen muss, ist der heikelste: "Es besteht die Gefahr einer Thrombose", sagt Lögters. Wenn ein Unterschenkel über mehrere Wochen nicht bewegt werden kann, fällt für diese Zeit auch die Muskelpumpe aus, mit deren Hilfe das venöse Blut Richtung Herz zurückfließt. Kommt es nun durch Ruhigstellung zur Veränderung des Kreislaufs, dann können bei manchen Patienten Blutgerinnsel entstehen, die sich unbemerkt zu einer Beinvenenthrombose auswachsen und später in die Lungengefäße gespült werden - mit der Gefahr einer tödlichen Lungenembolie.

Trotzdem: Der Gips ist nicht nur preiswert (und hierbei etwa Kunsthoffharzen überlegen), er bleibt in einigen Bereichen auch unentbehrlich. Kinderorthopädin Westhoff weist darauf hin, dass er beim kindlichen Klumpfuß weiterhin wichtig ist: Zuerst wird der Fuß manuell in die richtige Position gebracht - "und dieses Ergebnis wird dann mit dem Gips fixiert". Passt, wackelt nicht und hat nur wenig Luft.

Über solche Verfahren entscheidet keine Klinik nach eigenem Gutdünken . "In der heutigen Unfallchirurgie", sagt Lögters, "werden auch modernste Verfahren überall nach verbindlichen Leitlinien angewendet." Für komplexe Fälle gebe es spezialisierte Zentren. Für alle Notfälle an Hängen und Pisten ist also gesorgt - inclusive Helikopter.

Quelle: RP
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