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Vegan-Koch Attila Hildmann
"Uns ist die Ausgewogenheit abhanden gekommen"

Sechs fleischfreie Alternativen
Sechs fleischfreie Alternativen FOTO: Thinkstockphotos, Valess, Vegetaria
Düsseldorf . Wurst und verarbeitetes Fleisch sind laut WHO krebserregend. Vegan-Papst Attila Hildmann kritisiert Fleischkonsum schon lange – wir haben ihn gefragt, was man überhaupt noch bedenkenlos essen kann.  Von Susanne Hamann

Was sagen Sie zu der aktuellen Warnung der WHO zu Fleisch?

Hildmann: Der Zusammenhang zwischen einem erhöhten Krebsrisiko und dem Konsum von Fleisch ist schon sehr lange bekannt und durch unzählige Studien wissenschaftlich untermauert. Schön zu sehen, wie es jetzt durch die WHO-Studie in der breiten Öffentlichkeit diskutiert wird. Der Nobelpreisträger Harald zur Hausen verwies schon vor Jahren auf seine Studienergebnisse, die eine Verbindung zwischen Konsum von rotem Fleisch und Darmkrebs zeigen. 

Attila Hildmann ist Autor veganer Kochbücher. Sein Buch "Vegan for fit - Die 30 Tage Challenge" wurde zum internationalen Bestseller. Hildmann, der früher selbst großer Fleischesser war und nach eigener Aussage kaum Sport trieb, entschied im Jahr 2000, komplett auf Fleisch zu verzichten. Anlass war der Herzinfarkt seines Vaters, den Hildmann auf die gesundheitlichen Folgen eines zu hohen Fleischkonsums zurückführte. Sein zweites Buch "Vegan for fun" wurde vom Vegetarierbund zum Kochbuch des Jahres gekürt. FOTO: Justyna Krzyzanowska

Welche Wurst- und Fleischsorten und welche Menge genau zu Krebs führen kann, lässt sich nicht ermitteln: In Studien zeigt sich immer wieder, dass Menschen, die viel Fleisch essen, grundsätzlich ungesünder leben. Was glauben Sie, woher dieser Zusammenhang kommt?

Hildmann: Das Problem ist, dass Fleisch im Übermaß produziert wird. Deswegen essen die Menschen oft dreimal am Tag eine Mahlzeit mit Fleisch. Die Zeiten, in denen es nur den Sonntagsbraten gab, sind schon lange vorbei. Die Ausgewogenheit ist uns abhanden gekommen. Hauptsache billig und viel, das ist es, was der Verbraucher möchte. Und das geht nicht nur zu Lasten der Tiere, die oft in ihrem eigenen Mist in Ställen ohne Sonne stehen müssen, sondern auch zu Lasten der menschlichen Gesundheit. 

Sicher überlegen viele Menschen nun, ob sie auf Fleisch verzichten sollen. Gleichzeitig stehen aber auch Tofu, Brötchen und sogar Gemüse immer wieder im Verdacht, gesundheitsgefährdend zu sein. Was kann man denn eigentlich noch guten Gewissens essen?

Hildmann: Tofu wird seit Jahrtausenden konsumiert, ohne merkliche Nebenwirkungen. Es enthält viel Calcium und alle essentiellen Aminosäuren. Oft werden dazu Studien publiziert, in denen es um Phytoöstrogenen geht, die zum Beispiel für Frauen in den Wechseljahren hilfreich sein können. Dass Gemüse "gesundheitsgefährdend" ist, höre ich zum ersten Mal. Vielleicht, wenn man es zusammen mit einer Salami isst.

In Sachen Obst und Gemüse geht es zum Beispiel um Spritzmittel und Düngerrückstände. 

Hildmann: Deswegen lernt man am besten, mit frischen Zutaten aus Bioanbau selbst zu kochen. So lässt man sich automatisch auch nicht mehr von einer geldgierigen Industrie an der Nase herumführen. Zurück zu den Wurzeln, zurück zu echten, authentischen Produkten, von denen nicht nur wenige Lebensmittelkonzerne profitieren, sondern man selbst und die Bauern, die es für uns anbauen! 

Gerade Vegan-Anfänger dürften doch häufiger zu Fleischersatzprodukten greifen. Welche empfehlen Sie? Oder gibt es keinen speziellen Unterschied zwischen Seitan, Tofu und Tempeh?

Hildmann: Das kommt auf den Biss an. Es gibt eine riesige Auswahl an Ersatzprodukten für die Menschen, die aus gesundheitlichen wie ethischen Gründen keine Tiermuskelfaser mehr essen möchten. Seitan, das Eiweiß des Weizens, hat als Veganburger einen tollen Biss, und Tofu eignet sich super für Rührei oder Bolognese

Was raten Sie Menschen, die sich nach der WHO-Warnung für eine vegane Lebensweise entscheiden wollen - aber Angst haben, als militant abgestempelt zu werden?

Hildmann: Man sollte genug Selbstbewusstsein haben, um sich nicht gleich von missionierenden Veganern einschüchtern zu lassen. Man hat doch selbst einen Verstand und sieht jetzt auch durch die WHO-Studie die Dinge klarer. Ich hab ganz sicher nicht vor 15 Jahren mit veganer Ernährung angefangen, weil ich beim Vegan-Stammtisch mit anderen Jutelatschen-Veganern im Kreis sitzen wollte, und mich über Tofuschnitzel zu unterhalten oder darüber, wie blöd Fleischesser sind. Ich habe es begonnen, weil es eine immense Relevanz dafür gibt, unsere Ernährungsgewohnheiten zu überdenken: Klimawandel, Gesundheit, Massentierhaltung, Regenwaldabholzung – um nur ein paar Stichworte zu nennen.

Das Interview führte Susanne Hamann 

 
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