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Raw Till Four
Obst in rauen Mengen – Diät-Hype mit Gefahren

Raw Till Four: Obst in rauen Mengen – Diät-Hype mit Gefahren
Tag für Tag nehmen Raw Till Four-Anhänger solche Mengen Obst zu sich. FOTO: Instagram/bananagirl
Düsseldorf. Verzicht auf Fleisch, Rohkost knabbern und ein immer voller Obstkorb. Das hört sich gut an und findet als neue Super-Diät immer mehr Anhänger. "Raw Till Four" nennt sich der Diät-Hype, der Ernährungsinteressierte, Abnehmwillige und Vegetarier gleichermaßen anspricht. Doch was auf den ersten Blick gesund erscheint, birgt ernsthafte Gesundheitsgefahren. Von Tanja Walter

Der Tag der Australierin Freelee beginnt nicht wie bei den meisten mit einem Kaffee und Müsli, Milch oder Brot. Wenn sich die spindeldürre junge Frau in Adelaide aus ihren Federn gepellt hat, dann steigt sie erst einmal für rund eine Stunde aufs Fahrrad. Erst dann folgt ein Frühstück, bei dem die Küche kalt bleibt. Kein dampfendes Getränk oder warmer Toast, stattdessen sieht der Speiseplan der Australierin sage und schreibe zehn Bananen-Smoothies vor, die sie sich milchlos mit Unmengen der süßen, gebogenen Früchte, Wasser, Kokosnusswasser und Stevia-Tabletten zubereitet.

Viraler Diät-Wahn

Damit folgt Freelee einem Ernährungsprinzip, das nicht etwa Ernährungswissenschaftler oder Mediziner entwickelt haben, sondern das sie selbst erfunden hat. "Raw Till Four" heißt diese Diät, die in keinem Buch nachzulesen ist. Allein via Youtube, Instagram, Facebook und Twitter hat sie sich verbreitet wie ein Lauffeuer und auch in Deutschland viele begeisterte Anhänger – vornehmlich junge Frauen – gefunden.

Die Erfinderin, die in den sozialen Netzwerken als "The Banana Girl" bekannt ist, berichtet in ihrem Blog über ihre Erfahrungen mit einer Ernährungsweise, die vom Aufstehen bis 16 Uhr ausschließlich auf Rohkost – Obst und Gemüse in ungekochtem Zustand – setzt. Teils werden sie zu Smoothies püriert oder mit anderen Zutaten vermengt, teils jedoch als sogenanntes Monomeal – also pur und ungemischt – gegessen. Wer sich auf ein würziges Mittagessen freut, der wird enttäuscht, denn die Raw Till Four-Diät schlägt stattdessen fünf ganze Mangos vor, nicht mehr und nicht weniger.

Was eine gesunde Vitaminspritze sein kann, wird allerdings bei der Raw Till Four-Diät zum eintönigen Ersatz für eine sonst warme Mahlzeit am Mittag.

 

A small nutrient rich meal on the #rawtill4 lifestyle #nocalorierestriction #stopthestarvation #carbthefuckup 😎

Ein von Rawtill4 #BananaGirl 💪 (@freeleethebananagirl) gepostetes Foto am

Denn es ist vor allem Obst in rauen Mengen, das da bis zum Nachmittag in den Magen wandert. Dabei strebt die selbsternannte Ernährungsratgeberin ein Verhältnis von 90 Prozent Kohlenhydraten an, fünf Prozent Fett und fünf Prozent Eiweiß. Einige Raw Till Four-Anhänger wenden das Prinzip jedoch auch in der Verteilung 80/10/10 an.

Das Diät-Prinzip: Rohkost bis 16 Uhr

Der Australierin geht es angeblich nicht um das Zählen von Kalorien. Schon das Frühstück sieht häufig eine Kalorienmenge von 1000 Kilokalorien vor, ähnlich wie der Mittagssnack. Erst am Nachmittag dann gibt es etwas Warmes, das dann nur noch möglichst wenige Kalorien beinhalten soll. Der Diätplanab 16 Uhr beinhaltet Reis, Kartoffeln oder Quinoa mit Gemüse, das allerdings möglichst ohne Fett zubereitet werden soll. Wichtige Ballast- und Nährstofflieferanten wie Kichererbsen, Linsen und Bohnen hingegen sind ebenso wenig gestattet wie Nüsse.

Auf diese Art und Weise verschlingen Anhänger dieser Self-made-Diät vor allem Berge von Birnen, Trauben, Drachenfrüchten, Ananas und Orangen. In einem Video erzählt Bananagirl, dass sie in einer Woche sieben Kisten Bananen isst. Das bringt manchen an seine Grenzen. Während die einen begeistert von ihren Erfolgen berichten, erzählen andere von ihrem Scheitern in Anbetracht der Mengen Obst, die sie vertilgen sollen und der einseitigen Ernährungsweise. So hat die Schweizerin Jennifer Schreiber in einem Blog ihre Erfahrungen aufgeschrieben. AnTag eins nach der Ernährungsumstellung offenbart sie dort: "Ich muss sagen, dass ich gnadenlos gescheitert bin. Ich habe keine Ahnung, wie ich so viel Obst und Gemüse essen soll, dass ich auf meine 2000 Kalorien komme." 

Weil sie es für nicht machbar hält, Obstmengen wie 18 Äpfel in einer Mahlzeit zu sich zunehmen, kommt sie auf die Idee, stattdessen auf Saft zu setzen. Allerdings zeigt das unangenehme Nebenwirkungen: "Der erste Liter Saft bekam mir noch, nach dem zweiten bekam ich leichten Durchfall, was durch den hohen Gehalt an Fruchtzucker bedingt ist." Der nämlich wirkt abführen. Zudem fehlen Faserstoffe, die in den normal verspeisten Früchten, enthalten sind und die als Ballaststoffe den Darm passieren.

Nebenwirkungen der Überdosis Fruchtzucker

Gefährlich am Fruchtzucker: Er kommt mit einem guten Ruf daher und wird von vielen als "natürlich" dem Kristallzucker vorgezogen. Tatsächlich aber ist Fruchtzucker ebenso schädlich, wie andere Zuckerarten.

Bis zu den 1980 Jahren empfahl man besonders Diabetikern zu Fruchtzucker als Süßungsalternative. Denn der wird nicht über Insulin abgebaut, sondern direkt in der Leber. Dort verstoffwechseln ihn die Leberzellen. Dann aber fanden Wissenschaftler heraus, dass auch das seinen Preis hat. Die das Entgiftungsorgan des Körpers kann nämlich nur eine gewisse Menge an Fruchtzucker durchschleusen und verarbeiten. Dazu benötigt die Leber bestimmte Transportmechanismen im Darm. Wird zu viel Fruktose aufgenommen, kapituliert vor allem bei Menschen mit einer Fruchtzuckerunverträglichkeit der Darm vor der Zuckerschwemme.

Die Fruktose landet unverdaut im Dünndarm, wo sich anstelle der sonst Verdauungshilfe leistenden Enzyme nun Bakterien über sie hermachen. Der Effekt ist für den Obstesser selbst und auch seine Umwelt unangenehm, denn die bakteriengesteuerte Verdauung mündet in der Bildung jeder Menge Gas. Das drückt im Innern, führt oft zu Bauchschmerzen und geht in Blähungen ab. Die Betroffenen leiden zudem häufig unter Durchfällen.

Nicht nur deshalb werfen einige die Flinte ins Korn zurück. Andere fürchten um ihre Zahnsubstanz in Anbetracht der überwiegend zuckersüßen Speisen. Auch Abgeschlagenheit und Antriebslosigkeit nach den ersten Tagen Diät bewegt viele zum Abbruch. Selbst die Diäterfinderin berichtet darüber, dass sie seit der Ernährungsumstellung viel mehr schlafe. Sie empfiehlt darum statt der im Durchschnitt ausreichenden acht nächtlichen Schlafstunden gleich zwischen neun und zwölf Stunden.

Was bei "Raw Till Four" zu kurz kommt

Zurückführen lässt sich die ausgeprägte Schlappheit auf ein Fehlen wichtiger Nährstoffe. Denn während andere erfolgreiche Ernährungskonzepte auf die Ausgewogenheit von Ballast- und Mineralstoffen, Vitaminen, Spurenelementen, mehrfach gesättigten Fettsäuren und Eiweiß achten, kommt das alles beim Monomeal zu kurz. Der Verzicht auf tierische Produkte, Fisch, Eier und Milchprodukte schließt deren Aufnahme größten Teils aus. Da auch Hülsenfrüchte, Nüsse und Tofu nicht auf dem Speiseplan vertreten sind, gibt es auch keine pflanzlichen Eiweißquellen, die den Organismus damit versorgen könnten.

Riskant ist außerdem die dauernde Aufnahme großer Fruchtzuckermengen. Sie können zu erheblichen Schäden an der Leber führen. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass die Leber ein Überangebot an Zucker irgendwann nicht mehr ins Blut abgeben kann, sondern sie in freie Fettsäuren umwandelt und im Organ einlagert. Auf diese Art und Weise verfettet es, wie sonst häufig bei Alkoholikern. Mediziner nennen das die "nicht Alkohol indizierte Fettleber". Sie kann nach Informationen der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin nicht nur Diabetes verursachen, sondern auch die Ursache für Herzinfarkt oder Schlaganfall sein. Zehn bis 30 Prozent der Betroffenen bekommen eine Leberzirrhose.

Tierversuche konnten nachweisen, dass ein zu viel an Fruktose zudem den Harnsäurespiegel in die Höhe treibt. Das wiederum kann zur unheilbaren Stoffwechselerkrankung Gicht führen, in Folge derer sich Harnsäurekristalle in Gelenken, Sehnen und Schleimbeuteln ablagern und dort sehr schmerzhafte und wiederkehrende Gelenkentzündungen verursachen können. Bleibt diese Erkrankung unbehandelt drohen sogar Nierenschäden.

Das empfehlen Ernährungsexperten

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt statt täglicher Aufnahme von Obst in Kilomengen lediglich zwei Portionen pro Tag und daneben drei Portionen Gemüse. Dieses Maß wird bei Raw Till Four deutlich überschritten, ebenso wie die Zuckermenge, die Ernährungsexperten für täglich angemessen halten. Bananagirl selbst gibt an, mit ihrem Speiseprinzip sowohl Magersucht als auch Bulimie überwunden zu haben. In Anbetracht der Ernährungsfakten sollte jeder sich selbst vor dem Start der wundersamen Diät fragen, ob Obst in Kistenmaß und die Dokumentation flacher Bäuche auf Instagram nicht Form einer neuen Essstörung sein könnten.

 
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