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Wassercheck aus dem Fraunhofer-Institut
Jede sechste Wasserprobe liegt über dem Grenzwert

Heilwasser, Tafelwasser – Was ist was?
Heilwasser, Tafelwasser – Was ist was?
Stuttgart/Bad Elster. Trinkwasser ist eines der am strengsten kontrollierten Lebensmittel in Deutschland. Doch nun schlägt das Fraunhofer-Institut Alarm. Jede sechste kontrollierte Trinkwasserprobe aus dem Hahn liegt über den zulässigen Grenzwerten. Lesen Sie hier, welche Stoffe das Grundnahrungsmittel belasten und was das für unsere Gesundheit bedeutet. Von Tanja Walter

Trinkwasser läuft hierzulande in Genussqualität aus dem Hahn und wird als Quellwaser in Flaschen abgefüllt. Es ist Grundnahrungsmittel Nummer eins und wird deshalb strengstens kontrolliert. Kopfzerbrechen bereitet aber nun den Experten vom Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik IGB das Wasser, das 1500 Privatleute aus ihrem Hahn zapften und zum Test dort einsandten. Jede sechste Probe liege über den gesetzlich erlaubten Grenzwerten, so das Ergebnis.

Besonders auffällig waren hohe Werte von Schwermetallen wie Nickel, Blei, Kupfer, Eisen oder Mangan. Nach Einschätzung des Instituts werden diese Elemente vor allem aus Hausleitungen und Armaturen in das Trinkwasser ausgeschwemmt, wenn das Material mit dem Wasser reagiert. Häufig gebe es in Häusern Kupfer- oder teils sogar noch Bleirohre oder verzinkte Rohre mit Cadmiumanteil. Aus diesen könnten sich solche Schwermetalle lösen und so die Trinkwasserqualität beeinflussen. Konkret war in beinahe jeder zehnten Probe der Grenzwert für Nickel überschritten. Eigentlich sollte man das Wasser bedenkenlos trinken können, denn es kommt einwandfrei am Hausanschluss an. Doch dann tun sich vielerorts durch schadhafte Wasserleitungen und Armaturen Probleme auf.

Kritik vom Bundesumweltamt

Das Bundesumweltamt jedoch relativiert die Testergebnisse. Da die Proben durch Privatleute entnommen und eingesandt wurden, sei nicht klar, ob diese überhaupt vergleichbar seien. Alleine wie sie entnommen wurden, habe Einfluss auf Messergebnisse. "Darum findet die Entnahme normalerweise durch geschulte Personen statt", sagt Dr. Hans-Jürgen Grummt vom Fachbereich Trinkwasserhygiene des Umweltbundesamtes. Zudem sei die Ermittlung eines Wochenmittelwertes notwendig. Nach Informationen des Fraunhofer-Instituts haben die Privatpersonen mit dem Wasser-Check-Kid auch eine Beschreibung bekommen, wie genau die Probe zu entnehmen sei.

Kritisch sieht man im Umweltbundesamt außerdem, dass das Fraunhofer-Institut mit einem Unternehmen zusammenarbeitet, das einen Wasser-Check für Privathaushalte anbietet. Es sei zudem sei fragwürdig, ob eine solche Untersuchung den Check eines akkreditierten Labors ersetze, die sich aus der Trinkwasserverordnung ableite. Dieser schließe auch eine mikrobiologische Untersuchung ein.

Dennoch räumt auch der Experte aus dem Umweltbundesamt ein, dass die Ergebnisse aus dem Wasser-Check des Forschungs-Instituts einen ersten Anhaltspunkt bezüglich möglicher Belastungen geben könnten. Auch von dort aus warnt man vor Belastungen, die durch alte Bleiwasserrohre entstehen könnten. Seit Dezember 2013 dürfte es sie eigentlich nicht mehr geben, denn sie sind nicht mehr erlaubt und mussten ausgetauscht werden. Dennoch sind sie in Haushalten zu finden, die vor 1973 errichtet wurden. Riskant sind sie vor allem dann, wenn das Wasser längere Zeit in den Rohren steht, so der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfaches (DVGW). Dann nämlich reichert es sich mit dem Schwermetall an und sollte nicht mehr genutzt werden.

Das ist gesundheitlich bedenklich

Als gesundheitlich bedenklich gilt vor allem die schleichende Belastung durch regelmäßige Aufnahme kleiner Bleimengen, die man nicht merke. Schon geringe Dosen wirken sich negativ aus, weil sie Einfluss "auf die Blutbildung und Intelligenzentwicklung bei Ungeborenen, Säuglingen und Kleinkindern" nehmen, bringt der DVGW zum Ausdruck. Vor allem das kindliche Nervensystem reagiere sehr sensibel auf Blei. Beim Erwachsenen wird Blei ausgeschieden oder in den Knochen eingelagert. Es kann zur Beeinträchtigung verschiedener Organsysteme wie zum Beispiel den Nieren, dem Nervensystem und der Blutbildung führen.

"Ein stark erhöhter Kupfergehalt von Trinkwasser wird mit Leberschäden, sogenannten frühkindlichen Leberzirrhosen, bei Säuglingen in Verbindung gebracht", hält das Bundesinstitut für Risikobewertung fest. Klinisch untersuchte Fälle wurden auf Konzentrationen von mehr als zehn Milligramm Kupfer pro Liter Wasser zurückgeführt. Zwei Milligramm pro Liter gelten hingegen als unbedenklicher Richtwert.

Als eher tolerierbar und zumindest toxikologisch unbedenklicher gelten bei Eisen und Mangan kleine Abweichungen vom Grenzwert, wenn diese nicht dauerhaft bestehen. Vor allem ein zu hoher Eisengehalt ist geschmacklich feststellbar und beeinträchtigt so sehr, dass das Wasser für die Trinkwassernutzung ohnehin unattraktiv wird.

Auf zu hohe Nickelanteile im Wasser reagieren vor allem Menschen mit einer Nickelallergie unmittelbar. Daneben kann jedoch auch die dauerhafte Inhalation des Stoffes schwerwiegendere Folgen haben. Sie kann Lungenkrebs oder ein Tumorwachstum in der Nase auslösen.

Hohe Nitratwerte belasten Wasser

Als sehr viel problematischer sieht das Umweltbundesamt die drastische Überschreitung der erlaubten Nitratgrenzwerte im Bereich der Hausbrunnen an, die zur privaten Nutzung Grundwasser aus den Tiefen nach oben befördern. Auch auf diese weist das Fraunhofer-Institut hin. Die analysierten Proben von dort zeigten in 15,9 Prozent der Fälle erhöhte Werte. Problematisch ist die Nitratbelastung vor allem dort, weil Wasser aus Hausbrunnen nicht zuvor durch die Wasserversorger aufbereitet wird und der pH-Wert besonders sauer ist, also unter einem Wert von "7" liegt. "Denn im sauren Milieu löst sich Kupfer besonders leicht aus der Leitung", sagt der Experte vom Fachbereich Trinkwasserhygiene des Umweltbundesamtes.

Zum Trinken wird es zwar auch genutzt, doch wäre es dafür nicht geeignet. Denn ein Liter Trinkwasser darf maximal 50 Milligramm Nitrat enthalten, so bestimmt es die Trinkwasserverordnung. Diese Grenzwerte bestehen, weil der Stoff beim Menschen krebsauslösend wirken kann. Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung sieht die Aufnahme von größeren Mengen darum als problematisch an. 

Untersuchungen des Umweltbundesamtes jedoch haben ähnlich wie die des Fraunhofer-Instituts ergeben, dass dieser Wert häufig überschritten wird. Rund 50 Prozent aller Grundwasser-Messstellen in Deutschland zeigten Nitrat-Konzentration, die über zehn Milligramm pro Liter liegt. Ein Fachbericht des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (Lanuv) belegt ebenfalls die starke Nitratbelastung des Grundwassers. In 15 Prozent der Fälle, so das Umweltbundesamt, seien die Werte im Grundwasser oberhalb der geltenden Grenzwerte.

Das betrifft laut Grummt vor allem ländliche Gebiete, in denen die landwirtschaftliche Nutzung naturgemäß stärker ist. Die Untersuchung des Lanuv zeigt vor allem in den Kreisen Kleve, Viersen, Neuss, Düren und Wesel eine jenseits von 180 Milligramm pro Liter. Der Grenzwert von 50 Milligramm ist dort weit überschritten. Wie hoch die Nitrat-Belastung an einzelnen Orten genau ist, sehen Sie auf dieser Übersicht.

Das erweist sich als Problem, denn Trinkwasser wird in Deutschland zu 70 Prozent aus Grundwasser hergestellt. Die Belastung ist laut Umweltbundesamt derart hoch, weil die Bauern stickstoffhaltigen Dünger auf ihren Feldern ausbringen. Zusammen mit Gülle aus Mastställen und Biogasanlagen sei das zu viel für die Pflanzen. Was sie nicht aufnehmen können, sickert in den Boden und landet im Grundwasser. "Auch die Wasserverbände schlagen Alarm, weil die Nitratkonzentration durch Bioanlagen ansteigt. Das ist vor allem in Nordrhein-Westfalen und Niedersachen ein Thema", sagt Gummert. Außerdem werde es vor allem in Ballungsgebieten immer aufwändiger, Pestizid- und Arzneimittelrückstände aus dem Wasser zu entfernen.

Warum Leitungswasser dennoch unbedenklich ist

Das Wasser aus dem Hahn ist deshalb unbedenklich zu genießen, weil die Wasserversorger belastetes Grundwasser technisch aufwändig reinigen und es zudem mit unbelastetem Wasser mischen. Gesundheitliche Nachteile erleidet der Verbraucher demnach also nicht, allerdings finanzielle. Denn die Grundwasseraufbereitung ist kostspielig und wird über die Wasserrechnung an den Endnutzer weitergegeben. Trotz anders lautender Testergebnisse sagt Wasserexperte Grummt: "Aus unserer Sicht gibt es keinen Grund, Mineralwaser zu kaufen."

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