| 13.33 Uhr

Obst-to-go
Fruchtsnacks in Tüten – hip, aber auch gesund?

Fruchtsnacks in Tüten – hip, aber auch gesund?
Musbecher, Quetschpäckchen und Fruchthappen sind praktisch zum mitnehmen, aber nur bedingt ein Ersatz für Obst. FOTO: Shutterstock/Lyudmila Suvorova
Viersen/Köln. Ob im Quetschbeutel, als gelierter Fruchtwürfel oder Smoothie aus dem Kühlregal – Obst-to-go ist hip und kommt bei vielen besser an, als neben Kollegen und Mitschülern in frisches Obst zu beißen. Stylisch verpackt verspricht es, ein gesunder Snack für die Büropause zu sein. Wir haben uns die Obstalternativen angesehen und sagen ihnen, ob sie es wirklich sind. Von Tanja Walter

Fruchtsnacks in Tüten sind angesagt. Als Mus oder Smoothie abgefüllt, gefriergetrocknet oder als Fruchtriegel verpackt wollen sie uns vom Trauma braun-zerquetschter Bananen und in Taschen zerdrückter Nektarinen erlösen. Denn sie sind clean, klein und schnell eingesteckt und trotzdem – so steht es auf den Verpackungen – kleine Vitaminbomben. Doch kann man mit ihnen tatsächlich Obstportionen ersetzen? Wir haben drei Ernährungsexpertinnen dazu gefragt: Nicole Quarda-Balz, Oecotrophologin und Ernährungsberaterin aus Viersen, Gabriele Graf, Oecotrophologin und bei der Verbraucherzentrale NRW zuständig für den Themenbereich "Gesunde Ernährung" und Silke Restemeyer von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung.

  1. Frucht-Quetschpäckchen

    Mitnehmen lässt sich eine Zwischenmahlzeit Obst im Aluminiumquetsch-Päckchen. Einige der Produkte sind schon für Kleinkinder ausgewiesen. Es gibt sie in den unterschiedlichsten Geschmacksrichtungen mit Apfel, Banane, Erdbeer, Himbeer, Aprikose oder Ananas.

    Das steckt drin: Neben purem Fruchtmus enthalten manche Sorten zusätzlich Vitamin C, Fruchtzucker oder Fruchtkonzentrate.

    Das sagen die Ernährungsexperten: Vitamine stecken nachweislich drin. Allerdings beziehen sich Angaben dazu meist nur auf das hauptsächlich darin enthaltene Obst. In der Regel sind es vor allem Apfel und Banane, die das Päckchen füllen. Sie sind preiswert und gut zu verarbeiten, sagen Verbraucherschützerin Gabriele Graf und Ernährungsberaterin Nicole Quarda-Balz. Weitere angegebene Früchte sind oft im Verhältnis in sehr geringer Menge beigefügt.

    Die Gestaltung der Verpackung suggeriere jedoch, dass es ein gleichwertiger Bestandteil sei. "In einem Beispiel gab die Zutatenliste einen Anteil von 46 Prozent Apfel an, 34 Prozent Birnenmus und lediglich vier Prozent Blaubeere", moniert Gabriele Graf. In einem anderen Produkt seien auf der Verpackung Goji-Beeren abgebildet gewesen. Vom Superfood waren jedoch nur geringste Mengen enthalten.

    Weiteres Manko: Meist wird das Fruchtmus im Herstellungsprozess erhitzt. Dabei bleiben zwar wichtige Nährstoffe erhalten, empfindliche Vitamine aber werden zerstört und darum später künstlich wieder zugesetzt. Dazu zählt unter anderem auch das Vitamin C, das auch als Konservierungsstoff genutzt wird.

    Vorsicht auch mit Angaben wie "ohne Kristallzucker" oder "enthält natürlichen Fruchtzucker". Statt des üblichen Haushaltszuckers steckt in den kleinen Aluminiumbeuteln oft Apfel- oder Traubensaftkonzentrat. "Und das beinhaltet vor allem Fruchtzucker", sagt die Viersener Oecotrophologin. Was viele aufgrund der Menge nicht denken würden: In einem Quetschpäckchen stecken so pro 100 Gramm schnell 16 bis 18 Gramm Zucker. Würde man einen knackigen Apfel im Original genießen, käme man auf lediglich zehn Gramm Fruchtzucker. Besonders bei Kindern, die ihren Geschmack erst noch ausbilden, kann das nach Einschätzung der Expertin gravierende Auswirkungen haben. Sie bekämen einen falschen Eindruck vermittelt, denn ein normaler Apfel schmecke einfach nicht so süß wie ein bearbeitetes Fruchtmus.

    Fazit: Eine der beiden von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfohlenen Obstportionen am Tag lässt sich gelegentlich auch einmal über Fruchtmus-Päckchen konsumieren. Es ist in jedem Fall eine gute Alternative zu kalorien- und fettreichen Naschereinen wie Schokolade und Chips. Die Ernährungsexpertinnen geben jedoch einem frischen Stück Obst immer den Vorzug. Denn ein Päckchen Quetschobst hat so viel Zucker wie in einem Glas Limonade oder zwei Milchschnitten enthalten ist. Vor allem für Kinder besteht die Gefahr, bleibende Zahnschäden zu erleiden. Denn ähnlich wie auch bei mit Saft gefüllten Nuckelfläschen geht von der Saugöffnung die Gefahr einer "Nuckelkaries aus". Besonders die Schneidezähne werden beim Verzehr vom süßen Obst umspült. Entschärfen kann man die Säureattacke auf die Beißerchen durch ein paar Schlucke Wasser zur Neutralisation danach.
     
  2. Smoothies aus dem Kühlregal

    Frisch zubereitete Smoothies sind gesund und können auch schon mal eine Mahlzeit ersetzen. Genau hinschauen sollte man hingegen bei Fertig-Smoothies aus dem Kühlregal.

    Das steckt drin: Neben Fruchtpüree enthalten Smoothies in einigen Fällen Milch, Joghurt oder auch Getreideflocken, denn die bringen Ballaststoffe in das samtige Obstgetränk. Die Zusammensetzung ist deshalb vielfältig, weil sie nicht geregelt ist. Neben Fruchtmark und –püree können auch Fruchtsäfte und –konzentrat drin stecken.

    Das sagen die Ernährungsexperten: "Manche Smoothies bestehen zu 50 Prozent aus Saft", sagt Verbraucherschützerin Graf. Je höher dieser Anteil ist, desto weniger gesunde Inhaltsstoffe wie Vitamine, Mineralstoffe, sekundäre Pflanzenstoffe und Ballaststoffe stecken darin. Erst Recht, wenn statt Fruchtsaft nur Konzentrat verwendet wurde. Sämig wird er dann nicht durch Fruchtbestandteile, sondern Verdickungsmittel. Außerdem sollte man auf Rat der Ernährungsprofis die Zutatenliste checken. Sind Vitamine und Aromastoffe zugesetzt, sollte man besonders abwägen.

    Kritisch sehen die Ernährungsfachleute auch Verpackungsaufdrucke wie "nur mit der Süße aus Früchten", denn auch das täuscht den Verbraucher über Fakten hinweg: Fruchtsüße besteht aus Fructose und Glucose. "Von der Zusammensetzung her ist das Haushaltszucker gleichzusetzen", sagt Nicole Quader-Balz. Meist wird er aus gentechnisch veränderter Mais- oder Weizenstärke hergestellt, der Enzyme zugesetzt werden. Mit dem, was man sich gemeinhin unter Fruchtzucker vorstellt, hat das wenig zu tun. Ein weiterer entscheidender Nachteil: Insulin ist für die Aufnahme der Fructose ins Blut nicht nötig. Dadurch aber bleibt auch das Sättigungsgefühl aus, denn das in der Bauchspeicheldrüse produzierte Hormon reguliert normalerweise das "Ich-bin-statt-Gefühl", so belegt es eine Studie aus dem Jahr 2013.

    Fazit: Die Verbraucherzentrale empfiehlt, auf das Verhältnis zwischen Saft und Fruchtpüree zu achten. Stimmt der Anteil an Fruchtmus, kann es hin und wieder als Ersatz für Obst einspringen. Doch Vorsicht: Der Kalorienanteil ist erheblich. Er entspricht dem einer Zwischenmahlzeit und ist auch kein Durstlöscher", sagt Silke Restemeyer von der DGE.
     
  3. Knuspriges und softesTrockenobst

    Das ist drin: Die Zutatenliste von Trockenobst, das auch gefriergetrocknet sein kann, ist überschaubar und einfach: Es hält oft neben Obst noch Schwefeldioxid.

    Das sagen die Ernährungsexperten: Trockenobst an sich ist eine leckere und gesunde Alternative, die auch in die Pausenbox darf. Um es weich oder manchmal auch knusprig zu trocknen, wird es auf 40 bis 70 Grad erhitzt. Auf diese Art und Weise entzieht man der Frucht ihren Wasseranteil. In Aprikosen oder Pflaumen sind beispielweise 80 Prozent des Wassers verschwunden. Besonders knusprig wird das Obst, wenn noch mehr Wasser entzogen wird. Bei Apfelchips ist das zum Beispiel so. 

    Vorsichtig sein sollte man mit der Menge. Denn durch den Entzug von Wasser konzentrieren sich zwar die Nährstoffe und Vitamine, aber auch der Zucker. Das kann bei Menschen mit Fruchtzuckerunverträglichkeit zu Blähungen und Bauchschmerzen führen. Hier lesen Sie mehr über die Häufigkeit dieser Unverträglichkeit. Außerdem macht es das Trockenobst zur Kalorienbombe. "Eine Portion Obst kann durch 25 Gramm Trockenobst ersetzt werden", sagt Silke Restemeyer von der DGE. Nach drei bis vier Aprikosen sollte darum Schluss sein mit der Nascherei. Nicole Quarda-Balz empfiehlt außerdem dazu reichlich zu trinken, weil das Trockenobst viele Ballaststoffe mitbringt, die im Darm aufquellen.

    Durch den Zusatz von Schwefeloxid behalten die getrockneten Früchte eine ansehnliche Farbe. Nicht jedem bekommt dieser Zusatz aber. Schwefel gilt laut Quader-Balz als einer der häufigsten Unverträglichkeitsauslöser in Lebensmitteln. Bei empfindlichen Menschen kann es zu Nesselsucht führen, Kreislaufprobleme verursachen oder die Darmschleimhaut reizen. Bei Asthmatikern kann es bronchialverengend wirken.

    Fazit: Das softe bis knusprige Obst darf ruhig ab und zu in die Pausendose, denn es enthält viele Vitamine und Mineralstoffe und ist garantiert quetschunempfindlich. Allerdings sollte man mit der Menge zurückhaltend sein und beim Kauf eher zu ungeschwefelten Produkten greifen.
     
  4. Fruchthappen aus der Tüte

    Geleeartige Obststückchen statt Gummibärchen, das hört sich nach gutem Gewissen an. 

    Das steckt drin: Neben Fruchtmus oder –püree enthalten die kleinen Naschereien aus der Tüte das Geliermittel Pektin und manchmal auch Fruchtsaft sowie Aroma.

    Das sagen die Ernährungsexperten: "Man kann diese Fruchtsnacks ernährungsphysiologisch beinahe mit Gummibärchen gleich setzen", so die Viersener Oecotrophologin. Der Grund dafür liegt in dem hohen Zuckeranteil, den das eine wie andere Produkt mitbringen.

    Augenwischerei ist meist ähnlich wie bei den Quetschpäckchen der jeweilige Obstanteil. Auch hier stecken meist günstige Fruchtsorten im kleinen Kauquadrat. Manche Produkte weisen ein Verhältnis von 240 Gramm Apfel und 15,4 Gramm Erdbeeren aus.

    Weiterer Stolperstein ist auch hier die Beigabe von Aromen: Ist auf der Verpackung zum Beispiel Erdbeeraroma ausgewiesen, kann sich der Verbraucher zumindest darauf verlassen, dass 95 Prozent des Aromas tatsächlich aus der Frucht stammt. Aufdrucke wie "natürliches Aroma" hingegen sagen laut Quader-Balz lediglich aus, dass es aus irgendeinem natürlichen Produkt stammt. "Das können sogar Schimmelpilze sein", so die Oecotrophologin. Wer das nicht nur fies findet, sondern darauf zudem allergisch reagiert, der hat ein Problem, weil es die Deklaration nicht Preis gibt.

    Fazit: Die kleinen Fruchthappen sind kein Ersatz für Obst, sondern höchstens eine etwas gesündere Alternative zu Gummibärchen. Wer sich Chips und Schokolade abgewöhnen möchte, der kann bedenkenlos zu dieser kalorienärmeren Nascherei greifen. Den Biss in Apfel oder Birne aber ersetzen sie nicht, "denn je mehr Lebensmittel bearbeitet werden, desto mehr nimmt zum Beispiel ihr Vitamingehalt ab", hält Restemeyer fest.
     
  5. Fruchtriegel für die Hosentasche

    Im Unterschied zu bauchigen Birnen und kugeligen Nektarinen passen die flachen Riegel in jede Hosentasche. Doch dass sie mit einer frischen Portion Obst mithalten können, bezweifeln die Experten.

    Das steckt drin: Die bräunliche Fruchtmasse zwischen den Oblaten besteht aus getrocknetem Obst, Saftkonzentrat und manchmal auch Honig.

    Das sagen die Ernährungsexperten: Die Riegel enthalten zwar einige Vitamine und Mineralstoffe, bestehen aber zu 95 Prozent aus Zucker. Auch wenn Honigbeigaben das Gewissen beruhigen: Auch Honig steht als alternatives Süßungsmittel auf gleicher Stufe mit herkömmlichen Haushaltszucker. Ein 25-Gramm-Riegel kann je nach Hersteller fast zur Hälfte aus Zucker bestehen. Zum Vergleich: Die gleiche Menge frischer Birne beinhaltet hingegen nur 2,5 Gramm Zucker.

    Fazit: Auch wenn diese Riegel zum Teil von Babykost-Herstellern angeboten werden: Sie sind kein Obstersatz, sondern eine Süßigkeit.
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Fruchtsnacks in Tüten – hip, aber auch gesund?


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.