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Interview mit Kochbuchautorin Jasmin Hekmati
Diese vierköpfige Familie ernährt sich rein vegan

Jasmin Hekmati: Interview zu "Die vegane Familie"
Jasmin Hekmati erklärt, wie man sich und die ganze Familie vegan ernähren kann. FOTO: Jasmin Hekmati
Düsseldorf. Vegan kochen für die ganze Familie? Mit allen Nährstoffen, die Kinder brauchen? Geht das? TV-Journalistin und Kochbuchautorin Jasmin Hekmati sagt: Es geht. Doch man muss auf einiges achten, und begegnet vielen Kritikern.

Warum war es Ihnen so wichtig, auch Ihre Kinder vegan zu ernähren?

Jasmin Hekmati Mein Mann und ich sind der festen Überzeugung, dass eine gut gemachte vegane Ernährung die gesündeste und beste Art ist, unsere Kinder zu versorgen – und wie alle Eltern wollen wir nur das Beste für unsere Kinder. Wir tun alles dafür, damit sie sich so gut entwickeln, wie wir eben beeinflussen können - und dazu gehört neben ihrem körperlichen Wachstum natürlich auch, dass sie die Werte kennenlernen, die wir für wichtig halten. Wir glauben einfach, dass wir kein Recht dazu haben, Tiere für unseren Genuss leiden zu lassen. Ganz besonders nicht in der Welt, in der wir hier und heute in Europa leben, wo wir quasi an jeder Ecke eine Vielfalt an gesunden und wohlschmeckenden pflanzlichen Lebensmitteln bekommen können. Es ist doch sogar so, dass viele der so genannten Zivilisationskrankheiten mit dem Verzehr von Fleisch, Eiern und Milchprodukten zusammenhängen. Dazu kommen dann noch resistente Keime, die dank Massentierhaltung zu einer immer größeren Bedrohung für die Volksgesundheit werden und all die anderen negativen Folgen für Mensch und Umwelt. Natürlich müssen Eltern sich informieren und erst einmal lernen, worauf sie achten müssen, wenn sie ihre Kinder vegan großziehen wollen. Genau diese Basics will ich in meinem Buch vermitteln – und natürlich wie lecker veganes Essen großen und kleinen Genießern schmecken kann.  

Wie hat Ihr Umfeld darauf reagiert?

Hekmati Eure armen Kinder! Diesen Satz mussten wir uns vor allem am Anfang sehr oft anhören. Die meisten Menschen haben erst mal sehr skeptisch reagiert, zum Teil leider sogar aggressiv. Vielleicht auch, weil sie sich durch unsere Entscheidung in ihrem eigenen Lebensstil angegriffen fühlten. Oft fehlen aber auch einfach ernährungswissenschaftliche Grundlagen. Überholte Lehrmeinungen – zum Beispiel, dass man Fleisch braucht, um seinen Eisenbedarf zu decken – sind immer noch sehr weit verbreitet. Aber wir haben auch sehr ermutigende Erfahrungen gemacht, vor allem in unserer Familie, die sich zum größten Teil auf unsere Überzeugungen einlässt und uns sogar vegan bekocht.

Wie funktioniert das in der Kita oder wenn die Kinder eingeladen sind?

Hekmati Was unsere Kinder angeht, sind wir auch nicht dogmatisch. Es ist ok, wenn sie unterwegs oder in der Kita auch mal vegetarisch essen. Und wenn sie zum Geburtstag eingeladen sind, dürfen sie auch ein Stück vom Kuchen haben. Wenn wir allerdings wissen, dass wir bei einer Einladung nicht mit veganem oder wenigstens vegetarischem Essen für unsere Kinder rechnen können, bereiten wir selbst etwas Leckeres vor, das wir mitbringen und natürlich gerne auch mit anderen Gästen teilen. Wir wollen, dass unsere Kinder unseren Lebensstil nicht als Einschränkung empfinden, sondern aus Überzeugung und Freude mitmachen.

Welche Vitamine müssen Sie als Erwachsene zusätzlich nehmen, welche Nahrungsergänzungsmittel bekommen Ihre Kinder? 

Hekmati Bei vielen Vitaminen und anderen Nährstoffen sind wir und unsere Kinder viel besser versorgt als die deutschen Durchschnittsesser. Dafür müssen wir auf andere besonders achten, vor allem auf das Vitamin B12. Deshalb wählen wir für unsere Kinder angereicherte Pflanzenmilchsorten und Joghurts, die es übrigens in jedem Supermarkt zu kaufen gibt. Sicherheitshalber lutschen wir außerdem zweimal in der Woche Vitamin B12-Tabletten mit Kirscharoma, die unseren Kindern so gut schmecken, dass sie sie am liebsten täglich hätten. Und in der dunklen Jahreszeit nehmen wir Vitamin D ein, da die Sonneneinstrahlung in unseren Breiten von Oktober bis April nicht stark genug ist, um die körpereigene Produktion ausreichend zu stimulieren. Dies wäre übrigens auch für sehr viele "Normalesser" empfehlenswert – Vitamin D-Mangel ist unabhängig von der Ernährungsweise in Deutschland sehr weit verbreitet und kann wirklich negative Folgen haben.

Außerdem benutzen wir für die kalte Küche Leinöl mit DHA aus Algenöl. Das ist die langkettige Omega-3-Fettsäure, die ansonsten vor allem in Fisch steckt. Darüber hinaus brauchen wir keine Nahrungsergänzungsmittel. Wir achten allerdings darauf, dass wir und vor allem unsere Kinder regelmäßig Lebensmittel essen, die viel Calcium, Vitamin B2, Eisen, Zink und Jod enthalten. Diese Nährstoffe stecken alle auch in pflanzlichen Lebensmitteln – man muss nur wissen, in welchen und wie man sie am besten kombiniert.

Wie häufig lassen Sie Ihre Blutwerte kontrollieren?

Hekmati Ein bis zweimal im Jahr – und bis jetzt waren immer alle Werte im grasgrünen Bereich.  

Was machen Sie, wenn Ihre Kinder Lust auf eine Scheibe Wurst verspüren?

Hekmati Bei uns zu Hause gibt es hin und wieder Wurst, aber eben nicht aus Tieren. Ernährung ist ja vor allem eine Frage der Gewohnheit – und das ist die Riesenchance für Eltern! Wir können die Vorlieben unserer Kinder prägen und ihnen beibringen, dass Getränke nicht pappsüß sein müssen, dass auch Vollkornbrot lecker ist und dass Wurst vor allem nach den Gewürzen schmeckt, die drin sind und nicht nach totem Tier. Wenn Kinder sich gar nicht erst an Fleisch gewöhnen, verlangen sie auch nicht danach – oder höchstens dann, wenn andere ihnen etwas voressen und sie aus Neugier oder Gruppenzwang mitmachen wollen. Zum Glück ist die Umgebung, was das angeht, heute viel toleranter und unterstützender als früher. In der Kita meiner Kinder gibt es viele, die sich beim Mittagessen stolz zur Veggie-Gruppe zählen.

Wie erklären Sie einem Kind, warum vegane Ernährung das richtige es, wenn es feststellt, dass viele Freunde Fleisch essen?

Hekmati Es ist in der Tat nicht immer leicht zu erklären, warum so viele Leute etwas tun, das wir für falsch halten. Vor allem da unser Sohn, der inzwischen fast vier ist, es selbst auch nicht in Ordnung findet, dass Tiere leiden, weil Menschen gerne Fleisch essen. Aber es gibt leider viele Widersprüche, mit denen Kinder im Laufe des Großwerdens zurechtkommen müssen und über die man mit ihnen immer wieder sprechen muss. Wir bringen ihnen ja zum Beispiel auch bei, dass man nur bei Grün über die Ampel geht, dass man andere nicht haut und dass man ganz generell andere Menschen und seine Umwelt mit Respekt behandelt. Dennoch erleben sie tagtäglich, dass es sehr viele Menschen gibt, die sich ganz anders verhalten.

Was antworten Sie Kritikern, die sagen "Kinder brauchen Fleisch und Fisch für Ihr Wachstum"?

Hekmati Diese Frage ist glücklicherweise viel leichter zu beantworten und lautet ganz schlicht, dass es nicht stimmt. Es gibt keine Nährstoffe in Fleisch und Fisch, die nicht auch in pflanzlichen Lebensmitteln ausreichend stecken würden. Die einzige Ausnahme ist – nach heutigem Stand der Wissenschaft – das Vitamin B12. Aber selbst da wird geforscht und vermutet, dass es Pflanzen gibt, die es in ausreichender Menge liefern könnten. Tatsächlich ist es doch umgekehrt: Fleisch und Fisch enthalten viele Stoffe, deren Schädlichkeit für den Menschen wissenschaftlich erwiesen ist. Beim Fisch sind es vor allem die Umweltgifte.

Längst raten Mediziner und Ernährungswissenschaftler vor allem Schwangeren und Kindern dazu, wegen der Schwermetallbelastung höchstens zweimal in der Woche Fisch zu essen, obwohl die enthaltenen Omega 3-Fettsäuren so gesund sind. Aber die kann man – ich habe es ja oben erwähnt – auch aus Algen gewinnen, und das ganz ohne jede Belastung. Nordamerikanische und australische Fachgesellschaften, ob sie sich nun mit Ernährungswissenschaft beschäftigen oder mit Kindermedizin, haben inzwischen offiziell erklärt, dass vegane Ernährungsweisen für jeden Lebens- und Entwicklungsstand des Menschen geeignet sind - also vom Embryo bis zum Greis - und sogar das Potential haben, uns vor Krankheiten zu schützen.

Für mein Buch habe ich mit dem anerkannten Ernährungswissenschaftler Dr. Markus Keller zusammengearbeitet und im Rahmen meiner Recherchen auch Interviews mit Medizinern geführt. Ob es jetzt Prof. Dr. Koletzko aus München war, der als eine führende Autorität der Kinderheilkunde und Ernährungsmedizin angesehen wird, oder Prof. Dr. Johannes Wechsler, dem Präsidenten des Bundes Deutscher Ernährungsmediziner (BDEM), sie alle haben mir gesagt: Wenn sie richtig zusammengestellt wird, ist eine vegane Ernährungsweise auch für Kinder sehr gesund.

Es gab unlängst ein interessantes Urteil in Italien: Eine vegane Mutter muss ihrem Sohn, den sie bislang auch vegan ernährte, nun per richterlichem Beschluss Fleisch braten. Was halten Sie davon?

Hekmati Einen solchen Beschluss kann ich nicht nachvollziehen - sowohl vor dem Hintergrund der elterlichen Freiheit als auch angesichts der wissenschaftlichen Erkenntnisse. Es handelt sich ja wohl in erster Linie um einen Streit zwischen den geschiedenen Eltern, in dem der Vater einen Gutachter gefunden hat, der seine Auffassung unterstützt. Wahrscheinlich müsste die Mutter in der nächsten Instanz einen Gutachter finden, der ihre Position teilt. Um das Kindswohl kann es da jedenfalls nicht wirklich gehen. Was passiert, wenn dieses Urteil Schule macht? Die Gerichte könnten sich wohl kaum noch um andere Fälle kümmern, denn wie viele Eltern fügen ihren Kindern Schaden zu, indem sie ihnen ungesundes Essen mit viel zu viel Fleisch, tierischen Fetten und Zucker und dafür viel zu wenig Gemüse geben? Wenn es uns um die Gesundheit der Kinder ginge, müsste man einen Großteil der Eltern per richterlichen Beschluss zu einer anderen Ernährung zwingen, so weit verbreitet sind ernährungsbedingte Krankheiten selbst bei Kindern inzwischen. Das Urteil ist absurd und zeigt eigentlich nur, welche irrationalen Reflexe es gegen eine Ernährungsweise gibt, die zugegebenermaßen vieles in Frage stellt, das unsere Gesellschaft als gegeben verinnerlicht hat.

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