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"Black out" und "Wilde Wutz"
Kleine Brauereien bieten Bier mit Charakter

Brauhäuser in Köln
Brauhäuser in Köln FOTO: KölnTourismus GmbH / Andreas Möltgen
Sie heißen "Braustelle", "Brauprojekt 777" oder "Ale-Mania": Kleine Brauereien produzieren besondere Biere. Diese "Craft"-Biere überraschen mit neuen und kräftigen Aromen. Von Martina Stöcker

Letztens sind bei Peter Esser zwei Gäste vom Stuhl gefallen. Die beiden hatten sich in der Kneipe "Braustelle" in Köln-Ehrenfeld 14 Flaschen eines Imperial Stouts gegönnt und hatten nicht mit dem Alkohol-Gehalt gerechnet. "Sie meinten, es wäre ein normales Dunkelbier", erklärt Braumeister Peter Esser. Doch das Stout, das sechs Monate in einem Jamaica-Rum-Fass reift, hat zwölf Prozent Alkohol - so viel wie Wein - und trägt seinen Namen deshalb zu Recht: "Black Out".

Die Hausbrauerei Zum Schlüssel in Düsseldorf FOTO: rpo, Urs Lamm

Esser produziert in seiner kleinen Brauerei Biere, die seine Gäste überraschen. Das liegt nicht nur am Alkoholgehalt. "Cherry on Top" zum Beispiel ist ein Sour Ale (6,8 Prozent) mit Himbeeren und Kirschen vergoren und reift im Sauternes-Fass. Das "Wilde Wutz" ist ein Blend aus mehreren Bieren, im Barrique gereift mit 7,5 Prozent Alkohol.

Esser braut auch Kölsch, Weizen und Alt neben den besonderen, so genannten "Craft"-Bieren. Dieser Trend (Craft heißt übersetzt Handwerk) kommt aus den USA und steht für geschmacksintensive Sorten, die mit viel Kunstfertigkeit gebraut werden. Seit einigen Jahren engagieren sich auch immer mehr deutsche Brauer für besondere Hopfen- und Malzsorten, ungewöhnliche Zutaten und modifizierte Reifeprozesse. Kritiker könnten einwenden, dass das alles mit Bier, so wie es die Deutschen mit ihrem Reinheitsgebot hochhalten, nicht viel zu tun habe.

Diese Biere werden in Krefeld gebraut FOTO: Bastian Königs

Dem widerspricht aber Fritz Wülfing aus Bonn. "Das deutsche Reinheitsgebot kam erst 1906, und bis dahin wurde in Deutschland zum Beispiel viel mit Koriander gebraut", sagt der Macher hinter dem Label "Ale-Mania". Diese alten Stile möchte er gerne wiederbeleben und bekannter machen, denn auch Stöffchen wie das Gose gehöre zur Trinkkultur im Land. Allerdings hat es ihm wie fast allen in der Szene auch das Indian Pale Ale (IPA) angetan. "Das ist so aromatisch, super-intensiv und etwas stärker, aber trotzdem noch gut zu trinken", betont Wülfing. Und es ist nicht so leicht zu brauen, auch darin liegt die Herausforderung. Der Angestellte der Telekom hat mit dem Brauen als Hobby angefangen, bald will er sich mit einer kleinen Brauerei selbstständig machen.

Das "Brauprojekt 777" aus Voerde hat sich auch schon professionalisiert. Zwei der vier Gründer Arne Hendschke, Torsten Mömken, Christian Preuwe und Tim Schade arbeiten nun hauptberuflich am Sudkessel und im Vertrieb. Angefangen hat es als Hobby, angetrieben durch die Leidenschaft für Bier. Sie bastelten sich selbst eine Brauanlage und kreieren nun saisonale Biere wie ein Kürbis-Ale oder ein Birnen-Bier, aromatisieren das Weihnachtsbier mit Piment und Ingwer oder verwenden wie im "Single Hop" nur eine einzige Hopfensorte. Das Birnen-Bier zum Beispiel schmeckt nicht süß, denn der Fruchtzucker wird zu Alkohol und Kohlensäure. Beim "Brauprojekt" wird getrunken, was da ist - und nicht immer ist alles da. "Das Brauen dauert mitunter Wochen, wir wollen, dass sich die Menschen wie bei der Fruchtfolge auf unsere saisonalen Biere freuen", sagt Torsten Mömken. Und wenn der angesetzte Sud verkauft sei, sei er weg. Die Vier stellen aber fest, wie offen und experimentierfreudig die Menschen sind, sowohl beim Geschmack als auch bei der Verfügbarkeit.

Bier - Kulturgut in Tschechien FOTO: dpa, NZ

Die Nachfrage nach den neuen Bieren ist groß. Auf den "Craft"-Trend sind mittlerweile auch große Brauereien aufmerksam geworden und mischen im Markt mit. So steckt hinter "Braufactum" die Radeberger Gruppe. Den kleineren Brauern ist vor der Konkurrenz nicht bange. "Alles, was dieses Thema in der Öffentlichkeit fördert, kann uns recht sein", sagt Wülfing. Denn nur wenn sich auch die Vertriebswege weiter verbessern, werden mehr Leute mitbekommen, wie viele Geschmacksnuancen in Bier stecken können. Kulinarisch sei eine Entwicklung wie beim Wein möglich. Auch bei der Lagerung mancher Sorten gebe es kaum Unterschiede. "Ein Imperial Stout kann ich mir wegen des hohen Alkoholgehalts 25 Jahre in den Keller legen", sagt Wülfing. Es muss ja nicht immer zum Blackout kommen.

Quelle: RP
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