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Foodart
Mit Essen spielt man doch

Foodart: Mit Essen spielt man doch
Aus Käse, Beeren und Nüssen besteht dieses Werk "Moby-Dick". FOTO: Kunstmannverlag | Ida Skivenes
Düsseldorf. Den Satz hat Ida Skivenes als Kind von ihren Eltern unzählige Male gehört: Spiel nicht mit dem Essen. Doch irgendwie, sagt die Norwegerin, habe der Appell nicht gefruchtet. Heute ist die "Spielerei mit dem Essen" zu ihrem Beruf geworden. Von Leslie Brook

Beinahe jeden Tag lässt sich die 31-Jährige neue Bilder und Szenen einfallen, die sie aus Gemüse, Nüssen und Obst anrichtet; inzwischen arbeitet sie sogar als Food-Artistin für große Unternehmen. Die kleinen Kunstwerke aus Pfannkuchen, Haferflocken oder Toastscheiben haben bei Instagram mehr als 275 000 Abonnenten, außerdem betreibt die Essensartistin mit dem Künstlernamen Ida Frosk (Frosk heißt Frosch auf Norwegisch und war früher ihr Spitzname) einen Blog: idafrosk.blogspot.de,

Food Art ist Gebrauchskunst. Ihren Ursprung hat sie in Japan. Aus essbaren Zutaten werden Gemälde, Landschaften, Figuren oder Tiere nachempfunden – der Kreativität sind dabei wie so oft keine Grenzen gesetzt. Alles was Ida Skivenes entwirft, soll auch gegessen werden. "Mit Essen spielen bedeutet nicht, es zu verschwenden", stellt sie klar. Ihre Lieblingsmahlzeit sei das Frühstück, vielleicht auch, weil sie mit ihren Kreationen die Menschen dann gleich nach dem Aufstehen zum Lachen bringen kann. Etwa mit der Pfannkuchengiraffe, die durch die Bräunung in der Pfanne bereits einige dunkle Flecken hat; richtig gefaltet, ergibt sich ein Kopf mit Hals und Hörnern.

Süß: ein fröhlicher Hund. FOTO: Kunstmannverlag | Ida Skivenes

Auf ihrem allerersten Präsentierteller waren zwei Scheiben Brot zu sehen, die wie ein Bär und ein Fuchs geformt waren. "Ich träumte davon, irgendwann einmal so ein süßes Frühstück serviert zu bekommen", sagt die frühere Statistikerin, die weder einen künstlerischen noch einen kulinarischen Hintergrund hat. Dann hat sie es einfach selbst ausprobiert und dabei herausgefunden, dass sie wohl ein Talent dazu hat, aus Lebensmitteln kleine Kunstwerke zu erschaffen. Anfangs sei es ein Hobby gewesen, dem sie vor der Arbeit nachging. Irgendwann aber kam sie immer später ins Büro, denn ihre Einfälle wurden zunehmend anspruchsvoller, und die Umsetzung beanspruchte mehr und mehr Zeit. Dann nahm sie sich eine einjährige Auszeit vom Job – aus der sie nicht mehr zurückkam.

Die Zutaten sortiert die Norwegerin, die in Berlin lebt, gerne nach Farben – Rot wie Radieschen, Grün wie Gurken, Gelb wie Mais, Orange wie Cheddar, Braun wie Pilze, Weiß wie Hüttenkäse, Schwarz wie Oliven, Blau oder Lila wie Heidelbeeren. Es gebe einige klassische Frühstückszutaten, die immer wieder vorkommen. Für die Augen von Tieren eignen sich zum Beispiel Rosinen, Weintrauben oder Blaubeeren; für Ohren, aber auch für Flügel bieten sich halbierte Erdbeeren an.

"Der Schrei". FOTO: Kunstmannverlag | Ida Skivenes

Inspiration bekommt Skivenes etwa im Museum, beim Zoobesuch, aber auch beim Spaziergang durch den Regen oder bei der Lektüre von Märchenbüchern. So findet sich eine Reproduktion von Edvard Munchs "Der Schrei" aus Sellerie oder Vincent van Goghs Sonnenblumen aus getrockneten Aprikosen und Feige in ihrem Kochbuch. Die japanische Brücke aus Claude Monets Seerosen besteht in ihrer Version aus einer geschnitzten Spalte eines grünen Apfels. Aus Reisbrei lässt sich der Taj Mahal nachgießen. Viele Kreationen sind zwar Frühstücksgerichte, man kann sie sich aber auch als Zwischenmahlzeit oder Abendessen vorstellen.

Auf "verrücktes Mittagessen" für Kinder (Funky Lunch) hingegen ist der Brite Mark Northeast spezialisiert. Auch bei ihm ergab sich die Food Art aus einem Zufall heraus: Der Vater wollte seinen Sohn zum Lachen bringen und gleichzeitig seinen Appetit anregen, denn mit "einfachen" Sandwiches war der fünfjährige Oscar nicht zu begeistern. Also schnitt sein Vater, ein Webdesigner aus West Sussex, aus einer Scheibe Brot die Form einer Rakete aus, ein paar Käsekrümel wurden zum Sternenhimmel. Und Oscar begann zu essen. Es folgten Raupen aus Sandwiches oder eine Eisenbahn aus Toast, Gurken und Möhren. Sein Essen ist alles andere als brotlose Kunst: Denn bei all seinen Gerichten ist eine Scheibe Brot fester Bestandteil. Seine positiven Erfahrungen brachten ihn auf die Idee für ein Kinder-Kochbuch und ein Catering-Unternehmen, das Kindergeburtstagspartys beliefert.

"Komposition mit Rot". FOTO: Kunstmannverlag | Ida Skivenes

Auch Lee Samantha will andere Eltern zu kreativem, aber gesundem Essen für ihre Kinder anleiten. Die Mutter aus Malaysia wollte ihre Tochter dazu ermutigen, auch mal Gemüse zu essen. Das gelang besser mit Brokkoli-Monstern oder Salat-Prinzessinnen als mit Gemüse-Pfannen. Inzwischen ist sie eine der bekanntesten Food-Artistinnen mit mehr als 500.000 Abonnenten bei Instagram. Der dreifache Vater Beau Coffron aus San Francisco nennt sich "Lunchbox Dad", seine Käse-Tiger oder Triceratops-Toasts verpackt er schul- oder kindergartentauglich in Brotdosen. Manchmal sieht die Kunst aus Essen so schön aus, dass es zur Kunst der Überwindung wird, sie aufzuessen.

Edvard Munchs "Der Schrei" aus Sellerie, ein Mondrian-Gemälde aus Käsescheiben: Die Food-Artistin Ida Skivenes verwandelt Lebensmittel in kleine Kunstwerke.

 

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