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Gesund bleiben und abnehmen
Paleo oder vegan - was wirklich funktioniert

So funktioniert die Paleo-Diät
So funktioniert die Paleo-Diät
Düsseldorf . So seltsam es klingt: Vegane Ernährung, also der vollständige Verzicht auf alle tierischen Produkte, und das Gegenteil, der vermehrte Konsum von Fleisch (bekannt als Paleo-Diät) sind derzeit die beiden Ernährungsweisen, die am meisten im Trend liegen. Wir haben eine Ernährungsexpertin gefragt, welche der beiden Varianten eigentlich die gesündere ist - und wovon man wirklich abnimmt. Von Susanne Hamann

Frau Professor Rademacher, aktuell sind ja zwei Ernährungsweisen im Trend, die unterschiedlicher nicht sein könnten, nämlich Paleo und vegan. Kann man denn Ernährungswissenschaftlich gesehen sagen, dass eine der Varianten gesünder ist?

Rademacher: Vergleichen geht eigentlich nicht - vegane Ernährung ist keine Diät im Sinne von Gewicht reduzieren – vegan ist umfassender – vegan ist eine Lebensform, die Lebensmittelauswahl ist nur ein Teil. Die Paleo-Diät sieht sich als Ernährungskonzept im Einklang mit den Genen, lehnt sich an die Ernährung in der Steinzeit an und zielt heute auf Körpergewicht, Fitness und Gesundheit. Für beide Ernährungsformen gibt es also unterschiedliche Beweggründe, ökologische, ethische, soziale, persönliche. Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht gibt es bei beiden Konzepten  Stolperfallen. Empfehlen im eigentlichen Sinne, würde ich aus gesundheitlichen Gründen keine der beiden Diäten für jedermann.

Und würden Sie von einer abraten?

Rademacher: Das kommt auf den einzelnen Fall an. Vegane Ernährung ist zum Beispiel nicht für Kinder geeignet, denn für sie ist die Nährstoffzufuhr nicht optimal. Bei Paleo ist das genauso. Außerdem geht vegan nur für Erwachsene, die bereit sind, sich intensiv um ihre Ernährung zu kümmern.

Welche Probleme können denn auftreten?

Rademacher: Bei veganer Ernährung besteht die Gefahr eines Defizits an Vitamin B12 und an Eisen,- die beide wichtig für die Blutbildung sind. Auch Jod wird ohne Tierisches nicht genügend geliefert. Bei beiden Diätformen muss außerdem darauf geachtet werden, dass genügend Kalzium aufgenommen wird, denn das ist wichtig für die Knochenbildung.

Es gibt doch auch viele Studien, die besagen, dass ein hoher Fleischkonsum zu gesundheitlichen Problemen führt, Herzerkrankungen zum Beispiel. Haben Sie denn solche Bedenken bei der  Paleo-Diät?

Rademacher: Diese Studien beziehen sich auf gemischte Kost mit hohem Anteil an Fleisch und verarbeiteten Produkten aus Fleisch. Das kann man so nicht einfach übertragen. Aber: Bei der Paleo-Diät ist durch Fleisch und Ei die Proteinzufuhr insgesamt sehr hoch, sicherlich weit höher als notwendig. Das kann Probleme für die Niere bringen und belastet den Stoffwechsel.

Und was empfehlen Sie dann Menschen, die die Paleo-Diät machen wollen?

Rademacher: Wichtig ist, dass man möglichst nur Fleisch ist, das wenig Fett hat. Das widerspricht auch nicht dem Grundgedanken, denn im Paläolithikum, also in der Steinzeit, aus der die Diät ja abgeleitet sein soll, da gab es auch nur fettarmes Fleisch. Da in der Paleo-Diät vorgegeben ist, Fleisch pur zu essen, also nicht verarbeitet oder in Fertiggerichten, spart man gleichzeitig Fett und Salz. In manchen Ansätzen wird Fleisch roh gegessen, das macht aber keinen Sinn, denn das Erhitzen macht die Inhaltsstoffe besser nutzbar und unerwünschte Keime sind auch besser vermeidbar.

Sehen Sie noch andere Probleme mit der Paleo-Diät?

Rademacher:  Mir fehlen bei Paleo ganz eindeutig die Ballaststoffe und die komplexe Kohlenhydrate, denn Getreide und daraus hergestelltes Brot oder Reis, Hirse und so weiter kommen ja quasi gar nicht vor, die sind aber wichtig für die Verdauung und für den Stoffwechsel. Außerdem könnte wie gesagt, auch bei Paleo Kalzium kritisch werden, weil Milchprodukte nicht erlaubt sind. Und Wildkräuter und Gemüse sind als Kalziumlieferanten nicht so ergiebig. Sonst kommt auf den Einzelfall an. Wer Gicht hat beispielsweise, sollte lieber eine andere Diät wählen, und auch jemand mit Nierenerkrankungen ist nicht für Paleo geeignet.

Das klingt doch alles recht negativ. Halten Sie denn überhaupt etwas von solchen Ernährungstrends?

Rademacher: Nunja, solche Konzepte sind leicht erlernbar, weil sie Dinge einfach ausschließen, und somit ganz klare Regeln setzen. Für die Gesundheit ist das aber nicht so einfach. Bei der veganen Ernährung fehlen viele Nährstoffe in den erlaubten Nahrungsmitteln. Man muss deshalb Nahrung sehr bewusst kombinieren, feiner mischen und abstimmen, und das muss man lernen, das kann man nicht einfach so. Trotz dieser Anstrengung gelingt es oft nicht ausreichend B12 zuzuführen. Deshalb akzeptieren Veganer selbst Nahrungsergänzungsmittel, also auch etwas "künstliches". Das widerspricht aus meiner Sicht dem Grundgedanken. Vitamin B12 in der Zahnpasta ist für mich keine Lösung.

Nun gut, ein Veganer würde jetzt vermutlich sagen, dass er das auf sich nimmt, weil sonst Tiere leiden müssen und es insgesamt gesehen besser für die Umwelt ist.

Rademacher: Um Einfluss auf Tierhaltung und Umwelt zu nehmen, gibt es mehr an Handlungsmöglichkeiten als "kein Fleisch" oder "viel Fleisch". Aus meiner Sicht ist die bewusste Auswahl der Lebensmittel ein ganz wesentlicher Schritt. Dazu gehören tierische Lebensmittel aus vertretbaren Haltungsformen, weg von billigen Preisen für Lebensmittel und Vermeiden von Lebensmittelabfällen. Das gilt für Paleo und für vegan.

Mal die gesundheitlichen Aspekte beiseite, kann man mit diesen Methoden denn wirklich abnehmen?

Rademacher: Also eine Gewichtsreduktion ist natürlich prinzipiell bei beiden Ernährungsformen möglich. Letztendlich ist die Chance bei beiden Formen groß, dass die Nahrung weniger liefert, als der Körper täglich an Energie verbraucht. Dann purzeln die Pfunde.

Und was für eine Ernährungsweise würden Sie empfehlen?

Rademacher: Also am sinnvollsten ist eine einfache, genussvolle und wertschätzende Ernährung, die auf Mischkost basiert. Fleisch und Geflügel aus vertretbarer Haltung können dabei sein, müssen aber nicht. Ovo-Lacto-vegetarisch geht auch. Es sollten nicht große Mengen sein, sondern lieber drei Mahlzeiten am Tag von denen jede mit Genuss gegessen wird. Für Kinder sind auch Zwischenmahlzeiten gut. Wie gesagt, es kommt auf die Qualität der Lebensmittel und auf die passenden Mengen an. Dann wird es insgesamt auch nicht teurer, als wenn man viel vom Billigen kauft. Und in jedem Fall sollten so wenig Abfälle wie möglich entstehen, egal, ob von der Pflanze oder vom Tier.

Und davon soll man auch abnehmen?

Rademacher: Wenn man wirklich bei diesen drei Mahlzeiten bleibt, und nicht zwischendurch snackt oder durch süße Getränke zusätzlich Kalorien aufnimmt, schon. Aber vor allem geht es dabei um eine ausgewogene Ernährung. Ein Muster liefert der Ernährungskreis der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Darin werden zwei Drittel pflanzliche Anteile, also Getreide und Gemüse empfohlen, und ein Drittel tierische Produkte. Das beinhaltet sowohl Fleisch oder Fisch, Milch, Ei und auch Fette und Öle.

Das Gespräch führte Susanne Hamann.

 
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