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Offener Brief
Liebe Veganer!

Veganismus - wie einige Radikale eine gute Idee gefährden
FOTO: Shutterstock.com/ Miriam Doerr
Düsseldorf. Wie einige Radikale eine eigentlich gute Idee gefährden – und was sich dagegen machen lässt. Von Sebastian Dalkowski

Das wichtigste ist es, diesen Brief zu Ende zu lesen. Vom ersten bis zum letzten Satz. Nicht bloß einen Absatz rauspicken oder ein paar Formulierungen und dann sagen: "Die Fleischlobby hat mal wieder zugeschlagen." Missverständnisse lassen sich nicht vermeiden, Missverständnisse aufgrund von selektivem Lesen schon. Wer das beherzigt, der wird erkennen, dass in diesem Brief nicht steht: Der Veganismus ist eine bescheuerte Idee und alle Veganer sind bescheuert.

Denn was ich sagen will, ist etwas anderes.

Okay?

Dann los.

Vor einigen Wochen interviewte ich eine frühere Veganerin über die Gründe ihrer Abkehr. Ich tat dies nicht, weil ich gegen Veganismus bin, sondern einfach, weil ich zuvor so viel von Menschen gelesen hatte, die Veganer geworden waren – da interessierte es mich einfach, warum jemand vom Veganer wieder zum Fleischesser wurde.

Die Frau hatte schon immer Schwierigkeiten mit der Ernährung gehabt, vor Fleisch mit Knochen und Sehnen hatte sie sich bereits als Kind geekelt. Irgendwann entdeckte sie die Makrobiotik für sich, die neben pflanzlicher Kost auch Fisch erlaubte. Als sie auf den Fisch irgendwann auch keine Lust mehr hatte, ließ sie ihn weg – ernährte sich fortan also vegan. Die ersten Jahre fühlte sie sich gut. Sie las Bücher, in denen stand, wie schädlich tierische Lebensmittel sind, und fühlte sich in ihrer Ernährung bestätigt. Bis sie sich immer schlapper und gereizter fühlte. Der Vitamin-B12-Mangel hatte eingesetzt. So wie sie es erwartet hatte. Denn das ist der Mangel, der bei Veganern fast zwangsläufig auftritt, da das Vitamin in Pflanzen kaum vorkommt. Sie kaufte sich in der Apotheke Ampullen und spritzte sich B12. Schnell ging es ihr wieder besser. Lesen Sie hier, was die Ex-Veganerin zu den Reaktionen im Netz auf ihr Interview sagt.

Dann landete das Interview bei Facebook

Bis neue Probleme auftraten. Ihre Zähne wurden immer empfindlicher, das Essen lag ihr schwer im Magen, sie war unterzuckert. Zuerst suchte sie die Schuld bei sich, dann aber schlussfolgerte sie: Das liegt an meiner Ernährung. Mein Körper möchte die Pflanzen einfach nicht. Vor neun Jahren begann sie wieder, Fleisch zu essen, und als sie dann auch noch das Getreide wegließ, klappte es auch wieder mit der Verdauung. Als letztes fragte ich sie: "Was empfehlen Sie Leuten, die Veganer werden wollen?" Sie antwortete: "Sie sollen es machen, aber ganz stark auf die Signale ihres Körpers achten und sich Wissen aneignen."

Nirgendwo in diesem Interview stand, dass vegane Ernährung für die Allgemeinheit gefährlich ist. Nirgendwo riet diese Frau von veganer Ernährung ab. Sie sagte bloß, dass es bei ihr nicht funktioniert hatte.

Und doch.

Sobald der Artikel im Internet, und das heißt heute Facebook, gelandet war, ging es ab. Veganer schimpften auf den Artikel. Sie schimpften auf die Frau. Sie schimpften auf mich.

Eine Auswahl.

"Journalismus zum in die tonne treten."

"Die Frau hat leider Gottes wohl eine Essstörung."

"Ich denke sogar das Ganze ist ein kompletter Fake. Da will jemand nur Reaktionen provozieren."

"Da hilft jetzt nur noch ein Gestaendnis"

"Die hat kein Ernährungsproblem,...! Das Problem lässt sich auch mit B12 nicht lösen"

"Und jetzt ratet mal von welcher lobby das wohl gesteuert wurde?!"

"Ich will es erst gar nicht lesen. Es riecht schon sehr streng nach Haufen Scheisse"

"Ist ein Versuch der fleischlobby aber wir haben Herz und klären weiter auf...."

Sie wollten der Frau nicht einmal zugestehen, dass sie Veganerin gewesen war – denn ihre Ernährung hatte gesundheitliche Gründe, keine ethischen. Tiere zu töten, um sie zu essen, fand sie nie verwerflich. "Ändern Sie bitte Titel und Text ab. Diese Frau war keine Veganerin", forderte ein User. Ständig kreisten die Diskussionen genau um diese Frage. Als ob der Grund für ihre vegane Ernährung Schuld daran war, dass ihr Körper sie ablehnte.

Einmal verwies ich darauf, dass sowohl Wikipedia als auch der Vegetarierbund in ihrer Definition ethische Gründe nicht zur Voraussetzung für Veganismus machen. Woraufhin mir jemand antwortete: "Vor nicht allzulanger Zeit war Veganismus anders bei wikipedia definiert. Die Definition war einleuchtend, logisch und wahrheitsgemäß. Bis sie abgeändert wurde."

Ein Administrator legte mir nahe, die Gruppe zu verlassen

In der Diskussion wurde ich auf eine vegane Facebook-Gruppe mit 11.000 Mitgliedern aufmerksam gemacht, eine von vielen veganen Gruppen bei Facebook (dazu gehört auch "Vegan Heimwerken" und "Vegane Singles Deutschland"). Ich trat bei. Auch dort sprachen sie über das Interview. Nach einer Weile bemerkte jemand, dass ich, der Autor, der Gruppe beigetreten war, und forderte mich auf, ein Statement abzugeben, warum ich dieses Interview geführt hatte. Was ich tat. Selbstverständlich führte das zu weiteren nicht eben seriösen Reaktion.

Die nächste Auswahl.

"Wenn deine Arbeit der Sachlichkeit verpflichtet ist, wovon ich ausgehe, solltest du unsere Sache auch positiv darstellen. Wenn du das tust, bin ich der erste, der dich als einen der letzten freien Journalisten begrüßt."

"Raus mit ihm, sage ich, und zwar so schnell wie moeglich."

"Ich nehme kein Blatt vor dem Mund, deswegen bedank ich mich ganz herzlich beim riesen Arschloch Sebastian, dafür, dass er den deutschen Fleischessern neuen Mut gebracht hat und ein gutes Gewissen, (...) du bist einfach nur Abschaum."

"Was mich am meisten ankotzt: Kein wenig Einsicht, keine Entschuldigung, Nichts! Während dessen kursiert sein mit Lügen vollgepacktes Schwachmaten-Interview durch die virtuelle Welt der hirngeschädigten Speziesisten"

"Das Thema sollten wir aus Respekt vor den Tieren abschliessen!"

Einer der Administratoren legte mir nahe, die Gruppe zu verlassen. Wegen der Unruhe, die ich in die Gruppe gebracht hatte und so. Ich lehnte ab. Was mir die Gelegenheit eröffnete zu verfolgen, worüber in der Gruppe noch so gesprochen wurde. Sie sprachen über Kochrezepte, neue Produkte im Supermarkt, Tierquälerei. Aber eben auch über: Darf man Zecken töten, nachdem man sie aus der Haut gedreht hat? Wie kann man Ameisen umsiedeln? Gibt es veganes Reiten?

Ja, gibt es. Unter Umständen. "Allerdings KANN es vegan sein, wenn man wirklich auf das Pferd eingeht und z.B. auf die Zeichen von Schmerz eingeht." Eine Userin gestand, dass sie regelmäßig ritt. Sie sei eigentlich bettlägrig wegen ständiger Entzündungen, bloß das Reiten schlage bei ihr an. Das fand eine andere Veganerin ungeheuer egoistisch: "Ändere deine Meinung und deine Therapeuten. Es gibt zum Beispiel Yoga was gut für den Rücken ist wenn man es richtig macht. Ich kann auch literatur empfehlen." Radikale Veganer können die hartherzigsten Menschen der Welt sein, weil sie denken: Wer nicht auf meiner Seite steht, ist ein böser Mensch, und zu bösen Menschen brauche ich nicht nett sein.

Wenn Fluorid tödlich wird

Einmal ging es um die Nachteile konventioneller Zahnpasta. User um User warnte vor Fluorid. Und das, obwohl wissenschaftlicher Konsens ist, dass man die Zahnpasta schon essen müsste, um sich zu schädigen. Als jemand darauf verwies, kam ihm entgegen: "Sich komplett und ausschließlich nur auf wissenschaftliche Fakten blind zu verlassen, ist töricht. Du bist dir durchaus bewusst, wer die Wissenschaft lenkt und in der Hand hat?" Wer komplett und ausschließlich Fakten verdreht, bis sie ihm in den Kram passen, ist ein Aluhut-Träger in grün.

Warum erzähle ich das alles, außer um darauf hinzuweisen, wie manche Veganer so ticken? Wie manche sich Dinge zusammenspinnen?

Also.

Es gab in all diesen Diskussionen auch vernünftige, das heißt besonnene Stimmen, aber es waren wenige und sie meldeten sich seltener zu Wort. Wer als Veganer andere Veganer kritisiert, muss damit rechnen, selbst unter die Räder zu kommen. Ich glaube und hoffe, dass die Mehrheit der Veganer friedlich auftritt und ihre Mitmenschen nicht anpöbelt. Trotzdem prägten Radikale die Diskussion. Und mit "radikal" meine ich nicht radikal in ihrer Einstellung zu Tieren, in ihrem Entschluss, niemals nie etwas Tierisches zu nutzen, nein, mit "radikal" meine ich aggressiv bis beleidigend in der Wortwahl, raumgreifend in Diskussionen, Verschwörungstheorien zugeneigt und darauf beharrend, dass nur ein Veganer ist, wer es aus ethischen Gründen ist.

Und deshalb wende ich mich nun an Euch, liebe nicht-radikale Veganer. In Zeiten, in denen die meisten öffentlichen Diskussionen via Facebook geführt werden, drohen Radikale das Bild zu verzerren. Weil diese sich überproportional häufig äußern und es deshalb so wirkt, als stünden sie für die Mehrheit. So als sei jeder Veganer ein verbohrter, hasserfüllter, hartherziger Gemüse-Krieger. Deshalb müsst Ihr euch stärker zu Wort melden. Radikale Veganer sind ja nicht deshalb bescheuert, weil sie Veganer sind, sondern weil sie radikal sind.

Veganismus ist doch eine ziemlich gute Idee

Es ist ja so: Im Prinzip halte ich Veganismus für eine ziemlich gute Idee. Wegen der Gesundheit. Wegen der Umwelt. Wegen der Tiere. Dass ich trotzdem noch Fleisch esse, hat erstens damit zu tun, dass ich Fleisch mag, und zweitens, dass ich es einfach nicht hinkriege, Tiere auf eine Stufe mit dem Menschen zu stellen. Deshalb ist für mich das Töten eines Tieres auch kein Mord. Tiere quälen, auch durch Einsperren in zu kleine Ställe, lehne ich hingegen ab.

Ich bin also kein Veganer, aber veganer als früher. Und anderen ergeht es genauso. Das Thema zieht seine Kreise, und aus welchen Gründen auch immer die Leute weniger tierische Produkte konsumieren, sie tun es auf jeden Fall. Weniger ist viel besser als gar kein Verzicht.

Wenn aber dann eine radikale Minderheit für alle verbindlich festlegen möchte, was richtiger und was falscher Veganismus ist. Wenn sich manche in Diskussionen aufführen, als dürften sie sich alles erlauben, nur weil sie auf der "richtigen" Seite stehen. Wenn es ihnen bloß darum geht, das letzte Wort zu haben – dann ist auch eine so gute Idee wie der Veganismus in Gefahr. Dann ist es ziemlich leicht, sich über die Vertreter des Veganismus aufzuregen oder sich über sie lustig zu machen. Dann geht auch schnell jegliches Interesse am Veganismus wieder verloren. Brüllen hat noch niemanden überzeugt.

Also, liebe Veganer. Esst Ihr Euren Bratling oder Euer Seitan-Schnitzel, Euren Sojajoghurt und Zwiebelschmalz – und wir versuchen, ein bisschen weniger böse zu sein. Aber in unserem Tempo.

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