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Mit Tabletten über die Schmerzgrenze hinaus
Doping im Freizeitsport auf dem Vormarsch
Welche körpereigenen Drogen es gibt
Welche körpereigenen Drogen es gibt FOTO: Stadt Düsseldorf
Düsseldorf. Doping ist kein Phänomen des Spitzensports. Weit mehr als eine Million Freizeitsportler in Deutschland begehen Medikamentenmissbrauch, um ihre Fitness zu steigern oder ihre Körperoptik aufzupolieren. Besonders junge Freizeitsportler zeigen sich allzu sorglos, wenn es um den Umgang mit Medikamente beim Sport geht, zeigt eine Forsa-Umfrage. Von Tanja Walter

Wie schon der Blick in zahlreiche Internetforen zeigt, machen viele ambitionierte Hobbysportler vor härteren Dopingmethoden nicht Halt. Eine sportwissenschaftliche Umfrage der Universität Frankfurt hat in diesem Jahr ergeben, dass sich fast jeder vierte männliche Freizeitsportler, der in einem kommerziellen Fitnessstudio trainiert, mit leistungssteigernde Medikamente dopt. Bei den Frauen sind es rund 14 Prozent. Jeder sechste unter 25-Jährige gab in einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse an, dass er Freunde oder Sportpartner hat, die bereits gezielt Medikamente zur Steigerung ihrer sportlichen Leistungsfähigkeit genommen haben.

Pillen schlucken ohne medizinischen Grund

Es sind Schmerzmittel oder Erkältungspräparate, die beinahe jeder Dritte unter 25-jährige Sportler im Training oder im Wettkampf einnimmt, um seine Leistungen zu verbessern. Medizinisch notwendig ist das in der Regel nicht: Nach eigenen Aussagen brauchten lediglich zwei Prozent der Befragten aus akuten gesundheitlichen Gründen die Medikamente, so die Ergebnisse der Umfrage.

Sportler greifen auf Schmerzmittel zurück, um über ihre Schmerzgrenze hinaus trainieren und bei Wettkämpfen besser abschneiden zu können. Viele Erkältungsmittel enthalten zudem anregende Wirkstoffe, die auch im Sport einen leistungssteigernden Effekt haben können. "Solche Mittel haben aber nicht zu vernachlässigende Nebenwirkungen - man sollte sie keinesfalls ohne medizinische Notwendigkeit einnehmen", sagt TK-Apothekerin Meike Herb.

Schon frühere wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass es neben den Schmerz- vor allem auch Asthmamittel sind, die Hobbysportler einnehmen, um bessere Leistungen im Sport zu erbringen. Sie tun das in Unwissenheit und zum Teil auch Gleichgültigkeit darüber, ob die darin enthaltenen Wirkstoffe möglichweise sogar auf der Dopingliste zu finden sind, ermittelten Schweizer Sozialforscher vor fünf Jahren.

Hormonpräparate bergen Lebensgefahr

Schon lange wird vor allem Bodybuildern die Einnahme von Nahrungsergänzungs- und Dopingmitteln im Breitensport nachgesagt. Doch auch Radfahrer und Läufer bauen auf Leistungsförderung durch Pillen und Spritzen. Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) betont, dass es vor allem Mittel seien, die körpereigenen Stoffen ähneln.

„Hormonpräparate steigern die Leistung von Sportlern, doch sie bergen auch gesundheitliche Risiken in sich, bis hin zur Lebensgefahr“, warnt Dr. Dr. Helmut Schatz, Sprecher der DGE. Im Freizeitbereich dienen häufig Nahrungsergänzungsmittel als Einstieg, vom Vitaminpulver bis zum Eiweißdrink. Mehr als jeder dritte unter 25-jährige Sportler gab in der TK-Studie an, zu solchen Präparaten zu greifen. Über mögliche Risiken machen sich dabei nur die wenigsten der jungen Sportler Gedanken: 72 Prozent von ihnen haben bei dem Thema keinerlei Bedenken. "Viele schätzen Nahrungsergänzungsmittel grundsätzlich als harmlos ein", sagt Krankenkassen-Apothekerin Meike Herb.

Freizeitsportler haben keinen höheren Nährstoffbedarf

Der Griff zu angereicherten Sportdrinks, Energie-Riegeln, Magnesium oder anderen Vitaminen und Spurenelementen sei in der Regel nicht notwendig, weiß die Apothekerin. Freizeitsportler haben keinen nennenswert höheren Bedarf an Nährstoffen. Nur in Ausnahmefällen kann es sinnvoll sein, einen entstandenen Verlust mit Mineralstoff-Präparaten auszugleichen. Kritisch wird es, wenn Sportler die Präparate in sehr hohen Dosen einnehmen - in der Hoffnung, so ihre Leistungsfähigkeit zu steigern.

Fast jeder dritte junge Freizeitsportler gab in der aktuellen Umfrage zudem an, dass er seinem Trainingseffekt mit Eiweißpräparaten auf die Sprünge hilft. Besonders beliebt sind sie als Drinks nach dem Sport. Hersteller werben mit einem verbesserten Trainingserfolg und schnell wachsender Muskelmasse. Von ihrem regelmäßigen Konsum raten Fachleute allerdings ab.

Zum einen enthalte eine ausgewogene Ernährung bereits rund 150 Prozent der Eiweißmenge, die die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt – eine Überversorgung, die auch den Bedarf von Leistungssportlern abdeckt. "Zum anderen belastet eine unnatürlich hohe Zufuhr von Eiweiß die Nieren, da viel Harnstoff entsteht, der über die Nieren ausgeschieden werden muss. Das kann gefährlich werden, wenn der Sportler gleichzeitig zu wenig trinkt oder die Nieren schon vorbelastet sind", warnt Henke. Als gesunde Alternative für den Eiweiß-Schub nach dem Sport empfiehlt die Apothekerin natürliche Eiweißträger wie Milch, Joghurt oder Quark.

Vorsicht bei Eiweißdrinks und Nahrungsergänzungen

Eine Studie der Deutschen Sporthochschule hat gezeigt, dass jedes siebte Nahrungsergänzungsmittel – vom Vitaminpräparat bis zum Eiweißdrink – Steroidhormone oder ähnliche verbotene Substanzen enthält, ohne dass diese auf der Verpackung angegeben sind. Selbst scheinbar harmlose Supplemente können also die Gesundheit beeinträchtigen, insbesondere dann, wenn die Mittel über weniger kontrollierte Wege wie das Internet bezogen werden. Harte Dopingmittel werden in erschreckend hohem Anteil über Ärzte und auch Apotheken im Inland bezogen. Heidelberger Forscher ermittelten, dass zu je 25 Prozent der Dopingmittel über diese Wege an die Sportler gelangt.

Auch die Nationale Anti-Doping Agentur warnt Athleten eindringlich vor der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln. Ein Blick auf die "Kölner Liste" des Olympiastützpunktes Rheinland zeigt für zahlreiche getestete Nahrungsergänzungsmittel, ob sie sauber sind.

Quelle: wat/anch/csi
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