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Gesundheitstourismus
Mit dem Kanu-Coach zu neuen Ufern

Gesundheitstourismus soll in NRW eine immer größere Rolle spielen
Das Kanufahren lässt sich im Sauerland auch mit individuellem Coaching in der Natur verbinden - es geht dabei darum, festgefahrene Denkmuster bei Problemen mit Hilfe eines geschulten Coachs aufzubrechen. FOTO: NRW Tourismus/Dominik Ketz
Attendorn. Gesundheitstourismus soll in NRW eine immer größere Rolle spielen. Individuelle Coaching-Angebote im Sauerland und im Teutoburger Wald richten sich an Menschen, die Urlaub mit gesundheitlichem Mehrwert verbinden wollen. Von Jörg Isringhaus

Geräuschlos taucht das Paddel ins Wasser, jeder Zug treibt das Kanu voran. Nach kurzer Zeit ist der Rhythmus gefunden. Ansetzen, eintauchen, durchziehen. Der Biggesee bei Attendorn im Sauerland ist an diesem frühen Morgen still, das Kanu gleitet scheinbar widerstandslos dahin. In diesen ersten, fast meditativen Minuten schweigt Volker Bäumel, um seinem Gast die Möglichkeit zu geben, die Umgebung in sich aufzunehmen. "Das reicht meist, um herunterzukommen", sagt der Coach. Das Naturerlebnis ist nur die Ouvertüre, es soll den Rahmen für Bäumels Aufgabe schaffen - dem Gast bei einer privaten oder beruflichen Problemstellung frische Perspektiven zu verschaffen. Oder, um im Bild zu bleiben, ihn zu neuen Ufern zu führen.

Seitdem die Krankenkassen weniger Kuren übernehmen, versuchen die NRW-Touristiker, die Themen Gesundheit, Natur und Urlaub innovativ zu verknüpfen. Die Zauberworte dabei lauten "Prävention" und "Coaching". "Wir sprechen gesunde Menschen an, die individuelle Antworten suchen auf drängende Fragen", erklärt Lars Morgenbrod, Gesundheitsmanager beim Sauerland-Tourismus. Ein Coach ersetzt keinen Therapeuten, sondern soll Anstöße geben, festgefahrene Denkmuster zu verlassen. Es geht um Bewältigungsdefizite, nicht um krankhafte Zustände - die sollen, so die Idee, durch das Coaching gerade verhindert werden.

Dabei besitzt jeder Coach seine eigenen Methoden. NRW-Tourismus hatte für das Projekt "Präventionswerkstatt" aufgerufen, entsprechende Ideen zu präsentieren, und mit den aussichtsreichsten Kandidaten Angebote geschnürt. Bäumel etwa nutzt das Kanu, das Gefühl, im selben, etwas fragilen Boot zu sitzen. An einem stillen Ufer lotet der Diplom-Pädagoge dann mit seinem Gast das Problem aus - indem er ungewöhnliche Fragen stellt, Fähigkeiten herausfindet, Bilder heraufbeschwört. Mit Bildern arbeitet auch Anne Rabeneck in Brilon. Sie nimmt ihre Gäste mit auf eine Wanderung, etwa auf den Rothaarsteig. Vor der Wanderung steht ein Vorgespräch, bei der Wahl des Weges orientiert sich Rabeneck am zu verhandelnden Problem. Gerade dieser individuelle Zuschnitt ist ihr wie allen anderen Coaches wichtig. "Wenn man das Erlebte zudem über Naturbilder verankert, lässt es sich später leichter wieder abrufen", sagt die 50-jährige Diplom-Pädagogin.

Tatsächlich stellt sich beim gemeinsamen Wandern schnell eine Vertrautheit ein. Nicht nur die Füße bewegen sich, sondern auch die Gedanken. Der Gast ist ungezwungener, gleichwohl konzentrierter. Im Gegensatz zum Lebenspartner bietet der Coach dabei die Chance, unabhängig auf ein Problem zu schauen und Fragen zu stellen, die dem Gast einen Perspektivwechsel ermöglichen. Stärken wieder sichtbar machen will Rabeneck, oft seien diese unter negativem Ballast verschüttet. Hilfe zur Selbsthilfe soll das am Ende sein; konkrete Lösungsverschläge kann und will ein Coach nicht bieten.

Da geht es im Gräflichen Park in Bad Driburg schon etwas handfester zu. Und deutlich schmutziger. Höhepunkt des dort angebotenen Bodyweight-Trainings sind Moorbäder. Bis zum Hals taucht der Kunde in moorgefüllte Edelstahlwannen ab. Rund zehn Minuten dauert ein Bad im 42 Grad heißen Moor. Es verlangt vom Gast angesichts von Farbe, Konsistenz und Geruch zumindest am Anfang Überwindung. Gleichwohl entspannt das Moor - und es duscht sich leichter ab als gedacht. Einmal verwendet, wird das Moor in Teichen gelagert und nach acht Jahren erneut genutzt.

Vor dem Training ermittelt Andrea Bickmann, Leiterin des Therapiezentrums, die physische Belastungsfähigkeit des Gastes und überprüft dessen Bewegungsapparat. Auch hier kommen die Urlauber mit einem Problem - Rückenschmerzen zumeist. Und auch hier heißt das Rezept Coaching. Statt intensiver Gespräche geht es aber um Übungen, ebenfalls zugeschnitten auf die individuellen Bedürfnisse. Ziel ist es, die Übungen zu Hause weiterführen zu können. "Der Urlaub soll nachhaltig wirken", fasst Markus Backes, Gesundheitsmanager beim Teutoburger Wald Tourismus, das Konzept zusammen.

Auf Nachhaltigkeit setzt auch das Staatsbad Salzuflen. Der Kurort genießt dank der salzhaltigen Luft bundesweit einen guten Ruf als Heilbad. Im Institut für Tinnitus Diagnostik und Therapie (INTI) versucht man, die ohnehin stressreduzierende Umgebung für Burnout-Prävention und Tinnitus-Behandlung zu nutzen. Bei den Gästen, die sich wegen Erschöpfungssymptomen an das Institut wenden, um einem Burnout vorzubeugen, setzt Diplom-Psychologin Elke Loebnau ebenfalls auf das Coaching-Prinzip. "Es geht zum Beispiel darum, Situationen neu zu bewerten", sagt Loebnau. "Meist kann man an einer Situation wenig ändern - aber an der Einstellung dazu. Deshalb lässt sich eine Lösung nur über einen individuellen Ansatz finden."

Eine Woche dauert ein solches Coaching, zu dessen Programm neben einem einstündigen Gespräch pro Tag auch Atemübungen vor den Gradierwerken in der Innenstadt gehören. Dort rieseln täglich bis zu 600 000 Liter Sole über Schwarzdornwände. Das Freiluft-Inhalatorium soll mit seiner würzigen "Meeres-Luft" aber nicht nur die Atemwege öffnen - sondern auch den sorgenbeladenen Kopf freiblasen.

Info Volker Bäumel, Attendorn, Telefon 02722/637040, www.volker-baeumel.de; Anne Rabeneck, Brilon, Tel. 02961/929142, www.anne-rabeneck.de; Gräflicher Park Therapiezentrum, Bad Driburg, 05253/9523700, www.graeflicher-park.de; Institut für Tinnitus Diagnostik und Therapie, Bad Salzuflen, 05222/3682500, www.in-ti.de

Quelle: RP
 
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