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Medizin
So zeigt sich ADHS bei Erwachsenen

ADHS bei Erwachsenen: Das sind die Symptome
Konzentrationsprobleme gehören zu den Hauptproblemen bei ADHS bei Kindern und Erwachsenen. (Symbolbild) FOTO: Shutterstock/Blend Images
Düsseldorf. Unruhe, Impulsivität und Konzentrationsschwäche gehören zu den Hauptsymptomen von ADHS. Das gilt als Kinderkrankheit, die sich mit den Jahren auswächst. Doch auch Erwachsene leiden darunter, nur anders. Von Tanja Walter

Sie sei ein chaotischer Mensch, sagt Angela F.. Auch mit 37 Jahren ist es für sie eine Herausforderung aufzuräumen. Das Problem: Wenn sie beginnt, im Wohnzimmer Dinge wegzuräumen und in die Küche zu bringen, kommt sie am Abwasch vorbei. Also stellt sie alles ab und räumt eben die schmutzigen Teller in die Spülmaschine. Dabei fällt ihr die Waschmaschine ein, die noch befüllt werden muss. "Ich vergesse darüber, was mir wirklich wichtig war", sagt Hamburgerin. Sie verliert den Überblick und verzettelt sich.

Quälende Symptome und Eigenarten

Was klingt wie ein bisschen Schusseligkeit und eine liebenswert chaotische Charaktereigenschaft, belastet sie sehr. Denn es ist nicht das einzige Problem in ihrem Leben. Ständig kommt sie zu spät, verlegt Dinge. Wenn andere im Ruheraum der Sauna entspannen, ist sie auf Dauerempfang. Jedes Geräusch, jeder vorbeifliegende Vogel – all das sind Reize, die ihre Aufmerksamkeit fordern. "Mein Server läuft 24 Stunden am Tag auf Hochtouren. Das ist eines meiner Hauptprobleme", sagt Angela F.

Im Jahr 2013 bekommt die 37-Jährige die Diagnose, die das Rätsel für sie lösen und ihr klar werden lässt, was seit der Kindheit anders ist an ihr. Sie hat ADHS, auch Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom genannt. So wie rund 2,5 Millionen Deutsche. Diese Zahl nennt Christian Mette. Er ist Leiter der Arbeitsgruppe ADHS bei Erwachsenen am LVR-Klinikum Essen.

In rund der Hälfte der Fälle zeigt sie sich nicht nur im Kindesalter, sondern bleibt bis ins Erwachsenenalter, sagt Mette. Wurde die Störung im Kindesalter gar nicht oder nicht richtig diagnostiziert, erhalten Menschen die Erklärung für ihre Andersartigkeit erst spät. Oft nach einer Odyssee von Arzt zu Arzt und "nach Diagnosen, die wir nicht mittragen können", sagt der Essener ADHS-Experte. Denn die Störung kann mit verschiedenen Krankheitsbildern verwechselt werden.

Mit diesen Erkrankungen wird ADHS bei Erwachsenen oftmals verwechselt

Aufgrund der starken Stimmungsschwankungen kann ADHS auch für eine bipolare oder Borderline-Störung gehalten werden. Durch Symptome wie extreme Unruhe kann es zudem zu einer Verwechslung mit einer Schilddrüsenerkrankung kommen. Andererseits können auch die Symptome der beschriebenen Störungen mit einer ADHS verwechselt werden.

In einigen Symptomen gleicht ADHS daneben einer Angststörung oder Depressionen. Diese wiederrum entwickeln laut Mette 60 bis 80 Prozent der Betroffenen jedoch auch in Folge des ADHS. All das trägt dazu bei, dass die neurobiologische Störung, die auf einer Störung des Stoffwechsels bestimmter Botenstoffe im Gehirn beruht, falsch oder spät diagnostiziert wird.

Wie auch bei Angela F. in Hamburg. "Ich bin in Nordfriesland auf dem platten Land aufgewachsen. Da gab es ADHS noch nicht und bei Mädchen schon mal gar nicht", sagt sie. Damit spielt sie nicht nur darauf an, dass ADHS immer noch für eine Modediagnose gehalten wird, sondern auch darauf, dass man die Störung eher Jungen zuschreibt. Statistisch gesehen sollen dreimal mehr Jungen als Mädchen darunter leiden. Eike Ahlers von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Berliner Charité sieht bei Erwachsenen ein ausgeglicheneres Geschlechterverhältnis. Seiner Erfahrung nach melden sich fast ebenso viele Frauen wie Männer zur Diagnostik an.

"Ich war immer irgendwie anders"

Angela F. erzählt darüber, wie sie in ihrer Kindheit als Wildfang immer wieder in Unfälle verwickelt war und als Dauergast in der Chirurgie galt. Ihren Schulzeugnisse waren gespickt von eindeutigen Aussagen: Sie könne mehr erreichen, würde sie dem Unterricht folgen, störe andere und mache ihre Hausaufgaben nicht. Die Eltern trennten sich, ein Umzug stand an. Und am Ende besuchte sie fünf Schulen, um nach der neunten Klasse den Hauptschulabschluss zu bekommen. "Ich war immer die Gemobbte, immer irgendwie anders."

Erst nach zahlreichen körperlichen wie psychischen Abstürzen, Suizidgedanken und einem missglückten Versuch, sich das Leben zu nehmen, ist heute klar, dass all dies Symptome einer Krankheit sind. Oft ist die Suche in der Vergangenheit für eine Diagnose im Erwachsenenalter eine Sisyphosarbeit, sagen die Experten. Neben Laboruntersuchungen, die eine Verwechslung wie beispielsweise einer Schilddrüsenerkrankung ausschließen sollen, stehen am Beginn einer Diagnostik im Erwachsenenalter eine Analyse per Fragebogen der Betroffenen, aber auch die des Umfeldes. Hilfreich sei es, wenn Freunde die Person einschätzen, sagt Eike Ahlers von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Berliner Charité. Aus alten Schulzeugnissen werde nach Hinweisen auf ADHS gefahndet.

Was die Suche erschwert: Im Erwachsenenalter bekommt ADHS jedoch ein anderes Gesicht. Hyperaktivität, die als Leitsymptom der Erkrankung bei Kindern den Namen Zappelphillipp-Syndrom eingebracht hat, zeigt sich im Erwachsenenalter eher durch innere Unruhe, sagt Ahlers. Ebenso kann es sich mit Impulsivität verhalten: "Ein Erwachsener muss nicht zwangsläufig einen Wutausbruch bekommen. Denn er hat Mechanismen kennengelernt, um mit der starken Impulsivität umzugehen."

Eine weitere mögliche Erklärung: ADHS gilt als Entwicklungsstörung. Da sich das Gehirn jedoch weiterentwickelt, verändert sich die Symptomatik. "Kinder sind weniger impulskontrolliert als Erwachsene", sagt Ahlers. Bei Erwachsenen haben sich im Gehirn mehr Kontrollmechanismen entwickelt. Was als Hauptbeschwerde in der Kinderheit sowie im Erwachsenenalter gleichbleibend als Hauptbeschwerde bleibt, ist jedoch die Unaufmerksamkeit.

Wichtige Symptome von ADHS im Erwachsenenalter sind in Summe:

  • Unaufmerksamkeit: Sich ausdauernd auf Dinge zu konzentrieren ist schwer. Die Betroffenen sind leicht ablenkbar und haben aus diesem Grund auch im Job oftmals Probleme.
     
  • Hyperaktivität: Die Betroffenen spüren oftmals ein inneres Getriebensein, sie können schlecht entspannen. Die innere Unruhe kann sich äußerlich durch Fußwippeln, Positionswechsel oder Fingertrommeln zeigen. Sie kann zudem zu Schlafproblemen führen.
     
  • Stimmungsschwankungen: Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt. Das Leben gleicht einer Achterbahnfahrt. Schnelle Stimmungswechsel können auch für Partner und Angehörige sehr belastend sein.
     
  • Organisationsmangel: Es regiert das Chaos. Betroffene haben Probleme, sich zu organisieren. Sie vergessen Termine, kommen zu spät, sind unordentlich. Daneben können Planungsschwierigkeiten auch zu finanziellen Problemen führen.
     
  • Impulsivität: Erwachsene mit ADHS verstehen Kritik leicht als Angriff auf ihre Person. Sie reagieren darum auf manche Äußerungen aufbrausend oder extrem sensibel.
     
  • Beziehungsprobleme: Langjährige Partnerschaften sind aus diesem Grund oft ein Problem. Daraus ergibt sich laut einer Untersuchung bei ADHS-Kranken eine statistisch höhere Scheidungsrate. Auch der Kontakt zu Freunden oder Kollegen leidet aufgrund der voran beschriebenen Eigenarten.
     
  • Selbstzweifel: Wer dauernd erlebt, dass er aufgrund mangelnder Konzentrationsfähigkeit für Aufgaben länger benötigt als andere, ihm das Durchhaltevermögen fehlt oder sich ständig missverstanden fühlt, der beginnt, sich in Selbstzweifel zu verstricken. Mangelndes Selbstvertrauen ist darum ein Problem, das Kinder wie auch Erwachsene mit ADHS betrifft. Auf Dauer können daraus psychische Folgeerkrankungen wie Depression, Angststörungen oder Suchtverhalten resultieren. In der Universität Duisburg-Essen arbeitet man darum an einem Diagnose- und Therapiekonzept. Patienten mit ADHS und Sucht sind daher mit einer Versorgungslücke konfrontiert. Junge Erwachsene würden zudem beim Übergang zwischen der Versorgung von Kindern und Jugendlichen in das Hilfsangebot für Erwachsene häufig den Kontakt zum psychosozialen Hilfesystem verlieren, sagt Mette.
     
  • Unfälle und Probleme im Straßenverkehr: Erwachsene mit ADHS wirken oft aufgrund mangelnder Aufmerksamkeit fahrig. Eine Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO fand seinerzeit heraus, dass Erwachsene mit ADHS häufiger in Unfälle verwickelt sind und häufiger als der Durchschnitt der Bevölkerung chirurgische Ambulanzen in Anspruch nehmen, sagt der ADHS-Experte aus Essen.

Ein weiteres Ergebnis dieser Untersuchung: Betroffene haben häufig einen niedrigeren Schulabschluss. Angela F. kennt das Vorurteil dahinter: "Wir werden oft für dümmer gehalten." Tatsächlich ist aber die mangelnde Konzentrationsfähigkeit oftmals der Auslöser. Hamburgerin weiß das aus eigener Erfahrung. Nach fünf Schulwechseln und vorübergehender Schulverweigerung schaffte sie nach der neunten Klasse den Hauptschulabschuss. Ein IQ-Test, der nach der Schulverweigerung gemacht wurde, bescheinigte ihr hingegen eine hohe Intelligenz. Im Job nahm sie später Führungsaufgaben wahr und absolvierte ein Fernstudium.

Diese Therapieoptionen gibt es für Erwachsene mit ADHS

Was sie nur mit viel Kraft und vielen körperlichen und psychischen Rückschlägen schaffte, wäre ihr leichter gelungen, hätte sie frühzeitiger von ihrer Erkrankung gewusst, sagt sie. Heute helfen ihr Medikamente, die ebenso wie in der Kindertherapie auch in der Behandlung Erwachsener zur Verfügung stehen, ihren Blick für die täglichen Aufgaben zu fokussieren. Sie gehören neben einer Psycho- oder Verhaltenstherapie zu den wesentlichen Therapieoptionen. "Während die Medikamente den Zustand der Betroffenen verbessern und dabei helfen strukturierter zu sein, hilft die Psychotherapie dabei, den Umgang mit den Beeinträchtigungen zu verbessern", sagt Ahlers.

Als weitere Bausteine stehen achtsamkeitsbasierte Trainings zur Verfügung, Sportangebote und der Fokus auf eine gute Schlafhygiene. Nach guten Erfahrungen mit dem Einsatz von Neurofeedback im Bereich der Kindertherapie, sehen die Experten auch bei Erwachsenen ein großes Potential für den Einsatz des Verfahrens.

Wenn Sie mehr über die Therapieform Neurofeedback wissen wollen, lesen Sie hier weiter.

 
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