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Gesundheit
Die wichtigsten Neuerungen der Medizintechnik

Medizintechnik für den ganzen Körper
Medizintechnik für den ganzen Körper FOTO: Abott, Dpa {2), Medtronic, Thinkstock, NN | Grafik: radowski
Düsseldorf . Technik, Computer, Medizin - Der Stand der Wissenschaft erinnert in vielen Bereichen schon an einen Science-Fiction-Film. So auch in der Medizintechnik. Wir zeigen zehn spezielle neue Verfahren für Arztpraxis und OP-Saal, die auch komplizierte Therapien so einfach machen wie nie zuvor.  Von Wolfram Goertz

Wie in jedem menschlichen Betätigungsfeld gibt es auch in der Medizin den Typus des Pioniers. Ihn drängt eine Vision. Er bastelt an ihrer Verwirklichung. Durch häufige Praxis versucht er sie gebrauchsfähig und geländegängig zu machen, bis es das erste Mal ist: der Stent im Herzkranzgefäß, die Transplantation einer Lunge, die Computertomografie, die Laserbehandlung bei Akne, das Cochlea-Implantat bei Schwerhörigkeit, die Schlittenprothese fürs Kniegelenk, die Antikörper-Therapie bei Brustkrebs. Wer hier in vorderster Linie steht, erlebt Jubel und Widerstand in seiner Zunft, kämpft gegen Zulassungsbarrieren, bemerkt an sich selbst eine Lernkurve und sieht vor allem segensreiche Therapien für schlecht behandelbare Krankheiten. Rückschläge fängt er sich auch ein. Die Entwicklungen in der Medizintechnik von heute sind atemberaubend. Wir zeichnen einige nach.

Linderung der Beschwerden

Dass kranke Menschen vor allem unter ihren Schmerzen leiden, ist eine Binsenweisheit. Tatsächlich fühlen sich Tumorpatienten fast glücklich, wenn peinigende Knochenmetastasen effektiv bestrahlt werden. Dass diese Bestrahlung punktgenau funktioniert, ist der Tatsache zu danken, dass Medizin und Physik längst Geschwister sind. Ähnlich ist manchen Patienten zu helfen, die bei der Lungenkrankheit COPD an Luftnot leiden. "Bei diesen Patienten ist der Sauerstoffaustausch wegen der Zerstörung der Lungenbläschen stark gestört", erklärt Wolfgang Wirtz, Oberarzt der Klinik für Pneumologie am Franziskus-Krankenhaus in Mönchengladbach. Die Folge ist, dass die verbrauchte Luft kaum noch abgeatmet werden kann; die Lunge vergrößert sich, sie überbläht. Das ist der berüchtigte Fall des Lungenemphysems.

Neuroimplantate – Das ist möglich FOTO: Universitätsklinikum Bonn

"Bei einem Teil dieser Patienten können wir Lungenventile einbauen", sagt Wirtz: "Sie verschließen sich beim Einatmen, um sich beim Ausatmen zu öffnen. So kann keine neue Luft in die überblähten Bereiche strömen, und die alte Luft entweicht langsam. Die Patienten fühlen sich von jetzt auf gleich deutlich erleichtert." Aber diese Ventile eignen sich nicht für jeden Patienten; er muss spezielle Kriterien erfüllen.

Ähnlichen Erfolg erzielen Stents, die Stützen für Gefäße: Sie halten den Blutfluss stabil und die Ader wie ein Tunnel offen. Werden sie etwa in verengte Herzkranzgefäße eingesetzt, schwindet die Beklemmung bei vielen Patienten in Sekundenfrist. Ganz moderne Stents sind "bio" – sie lösen sich von selbst auf.

Das Risiko ausschalten

Gefäßprothesen etwa für die Bauchschlagader arbeiten auf andere Weise. Droht hier ein Aneurysma (eine Aussackung der Aorta) zu platzen, so dichtet beispielsweise die Y-Prothese die Aorta einfach ab, und das Aneurysma wird von Blutfluss abgekoppelt. Die Risiko-Minderung ist gewaltig. Die Ruptur eines Aneurysmas ist fast immer tödlich, vorbeugend half früher nur eine offene und nicht ungefährliche Operation. Die Y-Prothese lässt sich dagegen minimalinvasiv, wie durchs Schlüsselloch, einführen – und zwar durch eine Leistenarterie. Kaum hat sie sich entfaltet, verrichtet sie großartige Dienste als Lebensretterin. Sie hält alles stabil. Auf dem gleichen Weg kommen neuerdings immer häufiger auch künstliche Herzklappen an ihren Bestimmungsort.

Per Schlüsselloch auch ins Gehirn

Dass sich Medizin immer raffinierter Zugang zum Körper verschafft, sieht man bei Krankheiten, die fast nur minimalinvasiv zu behandeln sind. Wer je moderne Katheter, Laparoskope und Trokare als filigrane Zugangsinstrumente zum Körper gesehen hat, der weiß, was ein Operateur mit dem "kleinen Dienstweg" meint. Durch winzige Löcher gelangen auch Neurochirurgen ins Gehirn, etwa bei der Tiefenhirnstimulation (THS). Dass sich damit auch die Parkinson-Krankheit vor allem in frühem Stadium effektiv behandeln lässt, basiert auf der Erkenntnis, dass Symptome wie Zittern, Bewegungsverlangsamung oder Muskelsteifigkeit durch eine krankhafte Veränderung der Nervenzell-Aktivität in tiefliegenden Regionen des Gehirns, den sogenannten tiefen Hirnkernen, verursacht werden.

Sechs Fakten zum Hirn-Aneurysma FOTO: ddp

Bei der THS werden in diesen Regionen Elektroden implantiert und an einen elektrischen Impulsgeber angeschlossen, der unter der Haut in der Schlüsselbeingrube oder im Bauchbereich eingesetzt wird. Damit können Patienten, die durch die Krankheit immobil sind oder schwerstes Zittern haben, nachhaltig therapiert werden. Für Alfons Schnitzler, Neurologie-Professor an der Uniklinik Düsseldorf, ist die THS "nichts weniger als die zweite medizinische Revolution in der Behandlung von Parkinson" – die erste war die Entdeckung von L-Dopa, einem wichtigen Botenstoff im Gehirn, an dem es Parkinson-Kranken mangelt.

Präzisere Diagnosen

Moderne Technik aber auch in der Radiologie und Nuklearmedizin: Hier ist das PET-CT etwa für die Diagnostik von Krebskrankheiten seit langem unentbehrlich. Es ermöglicht dem Arzt, den Tumor tatsächlich zu sehen – und zwar in aktivem Zustand. Das PET-CT kombiniert den schmalen Röntgenstrahl der Computertomografie (der in einer Röhre um den Körper herumfährt, Aufnahmen macht und sie per Computer zur vollständigen Schichtbildaufnahme des Körpers zusammenrechnet) mit Bildern aus dem Positronen-Emissions-Tomografen (PET). Der bringt radioaktiv markierten, dem Körper injizierten Traubenzucker in Tumoren, die Glukose stark verstoffwechseln, zum Leuchten. Das CT rekonstruiert digital genaue 3D-Landschaften des Körperinnern, das PET kann die Aktivität einer anatomischen Veränderung enttarnen. Als Kombinationsgerät ist es auch bei der Verlaufskontrolle von Krebs sehr wichtig.

Mehr Sicherheit, mehr Schönheit

Kein Bereich des menschlichen Körpers, an dem die Revolutionen der Medizin vorbeigehen. Neue Klebetechniken und Implantate in der Zahnmedizin, Chips fürs Auge, Operieren durch natürliche Körperöffnungen, Molekulargenetik als Verbündete medikamentöser Therapien, die operative Korrektur einer schweren Skoliose (Wirbelsäulenverkrümmung) durch das Halm-Zielke-Instrumentarium, Roboter bei der Prostata-OP – das sind nur einige Beispiele für eine Medizin, die sich fortwährend erneuert, aktualisiert und perfektioniert. Demnächst wird gewiss ein Touchscreen im Operationssaal hängen.

Dass dies alles seinen Preis hat, ist unbestritten und in Zeiten der Kostendämpfung ein wichtiger Faktor. Doch für viele Kranke ist das Signal wichtig: Es öffnet sich täglich eine neue Perspektive in der Medizin. Für manche Krankheit, die früher nicht zu kurieren war, kommt sie tatsächlich zur richtigen Zeit.

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