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Analyse
Cannabis - Gefahr in Tüten

Cannabis - Eine Analyse der Gefahr in Tüten
FOTO: dpa
Berlin/Düsseldorf. Der Ruf nach der Freigabe der Droge wird lauter. Die Liberalen sprechen sich für die Legalisierung aus. Mediziner weisen allerdings auf unkalkulierbare Risiken von Cannabis hin, das auch als Medikament verwendet wird. Von Wolfram Goertz und Eva Quadbeck

Die Atomkraft wird von der CDU abgeschafft, Bio-Produkte stehen in Supermarktregalen, und der Sprit kostet heute annähernd so viel, wie es die Grünen vor 20 Jahren forderten. Nun droht der einstigen Revoluzzer-Partei auch noch ihr letztes Identifikationsthema abhandenzukommen: die Forderung nach einer Legalisierung von Cannabis.

Der Ruf nach der Freigabe der Droge, die aus der Hanfpflanze gewonnen wird, erklingt inzwischen auch aus anderen Parteien. Die Liberalen sprachen sich bei ihrem Parteitag am Wochenende für die Legalisierung von Cannabis aus. In der Union unternahm in der vergangenen Woche der Berliner Abgeordnete Joachim Pfeiffer gemeinsam mit einem Kollegen der Grünen-Fraktion einen Vorstoß zur Freigabe von Cannabis. In der Union wurde die Aktion als Einzelmeinung abgetan. Auch in der SPD sind es nur die Jusos, die eine Freigabe fordern. Eine Mehrheit zeichnet sich derzeit nicht ab.

Die Befürworter einer Freigabe argumentieren, ein staatlich kontrollierter Cannabis-Markt könne Steuereinnahmen von zwei Milliarden Euro jährlich und mehr einbringen. Zudem würde der Schwarzmarkt bekämpft. Mit diesen Argumenten könne man auch die Legalisierung von Heroin begründen, hält CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn den Befürwortern entgegen.

Das Betäubungsmittelgesetz, das Drogenhandel und -konsum ahndet, ist mehr als 40 Jahre alt. Seine Gegner meinen, es sei Zeit für eine Reform. "Das Gesetz hat nicht nur sein Ziel verfehlt, sondern verhindert weiterhin sogar schadensbegrenzende Maßnahmen", heißt es im Alternativen Drogenbericht, der gestern in Berlin vorgestellt wurde. Die Autoren weisen darauf hin, dass es in der Suchttherapie oft nicht mehr darum gehe, von den Drogen komplett loszukommen, sondern vielmehr darum, den Betroffenen ein Überleben zu sichern.

Hintergrund: Das sollten Sie über Cannabis wissen FOTO: dpa, ABIR SULTAN

Cannabis ist - darin sind sich alle Experten einig - keine harmlose Substanz. Da es meist geraucht wird, bestehen die gleichen Gesundheitsrisiken wie beim Tabakrauchen. Erkrankungen der Atemwege und Lungenkrebs können die Folge sein. Zudem enthält der Rauch eines Joints zahlreiche Schadstoffe, deren Wirkung auf den menschlichen Körper noch ungeklärt ist. Bei seltenem Cannabis-Konsum konnten keine Gesundheitsschäden festgestellt werden. Die Höhe und Häufigkeit des Konsums sind offenbar entscheidend.

Kontrovers wird die Frage nach dem Suchtfaktor diskutiert. Cannabis verursacht zwar keine körperliche Abhängigkeit, denn beim Absetzen der Droge treten keine körperlichen Entzugserscheinungen auf, wie man sie von Alkohol kennt. Bei häufigem Cannabis-Konsum entwickelt sich allerdings eine seelische Abhängigkeit mit dem chronischen Bedürfnis, durch die Droge ein bestimmtes Wohlbefinden herzustellen. Der Abhängige fällt langfristig in Lustlosigkeit und Verwirrtheit. Diese Persönlichkeitsveränderungen führen oft zu Problemen in Beruf und Familie. Wegen der Folgen eines Cannabis-Konsums kommen im Schnitt 28 Menschen pro Tag ins Krankenhaus. Darauf hat unlängst die Techniker Krankenkasse hingewiesen.

Im vergangenen Jahr haben Düsseldorfer Rechtsmediziner den Genuss von Cannabis-Produkten "in sehr seltenen Fällen" als potenziell tödlich eingeschätzt. Die Ärzte der Uniklinik hatten bei zwei toten Männern (28 und 23 Jahre) massiven Grund zu der Annahme, dass nur der Cannabis-Konsum und die danach entstandenen Herzrhythmusstörungen ursächlich für ihren Tod gewesen sein können.

Die Forensiker hatten sämtliche denkbaren Testverfahren angewendet, mit denen sich eine Todesursache ermitteln lässt. Sie haben durch eine auswärtige Spezialuntersuchung sogar einen genetisch verursachten Ionenkanaldefekt ausgeschlossen, der zu gravierenden Veränderungen im EKG führen kann. Bekannt sind etwa das sogenannte Long-QT-Syndrom oder das Brugada-Syndrom; beide Erkrankungen können zum Herzstillstand führen. Im Fahndungsraster blieb keine plausible Todesursache bis auf die durch Cannabis ausgelösten Herzrhythmusstörungen mehr übrig. Schon früher waren Rechtsmediziner auf die Idee gekommen, unklare Todesfälle einem nachgewiesenen Marihuana-Konsum anzulasten. Es fehlte indes eine derart stringente Beweisführung, wie sie in Düsseldorf gelang. Ohnedies ist Cannabis heute gefährlicher als früher, weil die Hanfpflanzen durch die Züchterkompetenz und den Selektionsdruck reichhaltiger und wirkungsvoller geworden sind.

Dass Drogen aufs Herz schlagen können, gilt in anderen Bereichen längst als gesichert, obgleich es auch hier von der Höhe des Konsums abhängt. Auch Partydrogen können massive Herzschäden verursachen, etwa eine toxische dilatative Kardiomyopathie - dabei ist der Herzmuskel durch Gifte massiv erweitert, und auch hierbei können Herzrhythmusstörungen auftreten.

Zugleich ist Cannabis aber ein sehr wirksames Medikament. Der Cannabis-Hauptwirkstoff ist etwa bei Multipler Sklerose krampflösend. Er kann neuropathische Schmerzen (schmerzhafte Nervenschädigungen) deutlich lindern. Bei HIV- und Krebspatienten wirkt THC sowohl appetitanregend als auch entzündungshemmend. Cannabis wirkt aber auch bei Beschwerden wie Übelkeit und Erbrechen. Raphael Gaßmann, Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen, schreibt Cannabis-Medikamenten kein erhöhtes Suchtpotenzial zu. Bei chronisch Kranken hält Gaßmann Cannabis für erwägenswert, da der gesundheitliche Nutzen überwiege. Zur medizinischen Schmerztherapie darf auch heute schon Cannabis eingesetzt werden. Es muss aber vom Arzt verschrieben werden.

Quelle: RP
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