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Gesundheit
Neuer Wirkstoff soll Alzheimer verlangsamen

Zwölf Antworten zu Alzheimer
Zwölf Antworten zu Alzheimer FOTO: dpa, Sven Hoppe
Düsseldorf. US-Forscher haben einen Wirkstoff erfolgreich am Menschen getestet, der den Verlauf von Alzheimer möglicherweise verzögert. Das bietet neue Hoffnung für viele Patienten. Von Rainer Kurlemann

Manche Erfolgsgeschichten beginnen mit einer Niederlage. In diesem Fall im Jahr 2012, als die US-amerikanische Pharma-Firma Eli Lilly eine große Enttäuschung erlebte. Das Unternehmen musste bei der Entwicklung eines Medikaments gegen Alzheimer einen Rückschlag eingestehen. Der Wirkstoff "Solanezumab" hatte bei einem klinischen Test mit über 2000 Menschen versagt.

Doch die Pharma-Forscher gaben nicht auf. Sie durchforsteten die Daten und fanden ein interessantes Detail. Zwar zeigte das neue Mittel in der Testgruppe mit mittleren oder schweren Alzheimer-Symptomen keine Wirkung. Aber wenn die Forscher sich auf die Patienten im Frühstadium der Demenz beschränkten, änderte sich das Bild. Bei Tests zu kognitiven Fähigkeiten schnitten die Patienten, die 18 Monate "Solanezumab" erhalten hatten, deutlich besser ab als jene, die wirkungslose Placebos geschluckt hatten. Daraufhin verabreichte Eli Lilly 440 Patienten aus der Placebo-Gruppe ebenfalls den neuen Wirkstoff; der Effekt stellte sich erneut ein.

Der Alzheimer-Selbsttest FOTO: Shutterstock/John Gomez

Unlängst präsentierte das Unternehmen die Resultate der Studie bei einem Alzheimer-Kongress in Washington. "Solanezumab scheint den Abbau der kognitiven Fähigkeiten bei Patienten im Frühstadium von Alzheimer um etwa 50 Prozent zu verlangsamen", lautet die vorsichtige Formulierung in einer Mitteilung. Der Verlust an geistiger Klarheit, den die Placebo-Gruppe binnen eines Jahres erlebte, verzögerte sich auf 18 Monate. Diese Bremse ist gewiss keine Heilung, aber vielleicht ein kleiner Fortschritt, der den Betroffenen das Leben für ein paar Jahre besser erträglich machen könnte.

Das Ergebnis wird von Wissenschaftlern weltweit diskutiert. Eric Karran von der nationalen britischen Stiftung zur Erforschung von Alzheimer, bewertete die Studie als Durchbruch, weil es erstmals gelungen sei, in den Ablauf der Krankheit einzugreifen. "Die Erfahrung aus der Medizin zeigt, dass die Wissenschaft viel schneller neue Medikamente entwickeln kann, wenn diese Tür erst einmal geöffnet ist", sagte Karran britischen Medien. Medikamente konnten bei Alzheimer bisher nur die Symptome lindern.

Zur Absicherung der Ergebnisse hat Eli Lilly eine größere Studie mit 2100 Patienten begonnen, deren Ergebnisse im Oktober 2016 vorliegen sollen. Erst danach kann eine Zulassung des Wirkstoffs als Arzneimittel erwogen werden. Die Pharma-Firma Biogen will im Jahr 2018 einen Medikamententest mit 2700 Teilnehmern abschließen. Biogen testet einen anderen Wirkstoff, der aber nach dem gleichen Prinzip funktioniert. Beide Substanzen stammen aus der Gruppe der Antikörper.

Die Antikörper sollen die Plaques im Gehirn der Alzheimer-Patienten verringern, die vermutlich für den Abbau der Nervenzellen und die Demenz verantwortlich sind. Sie entstehen durch Ablagerungen aus Resten von Proteinen, eine Art Müll des Stoffwechsels. Die Antikörper fangen die Vorläufersubstanzen (Abeta) für die Plaque-Bildung ab. Möglicherweise versagen sie als Reinigungsmittel, wenn die Plaque-Menge im Gehirn schon zu groß ist, sprich Alzheimer weiter fortgeschritten ist.

Zehn-Punkte-Präventionsplan gegen Alzheimer FOTO: dpa, Jan-Philipp Strobel

Doch bei aller Euphorie gibt es gleichzeitig erhebliche Zweifel. Zum einen ist die Testgruppe noch zu klein. Schwerer wiegt aber der Blick zurück auf andere Medikamenten-Tests mit Antikörpern als Wirkstoffen, die ebenfalls von Pharma-Firmen durchgeführt wurden. Sie sind alle gescheitert. Die Pleitenserie sorgte bereits dafür, dass die Plaque-Theorie als Ursache von Alzheimer infrage gestellt wurde. Keines der Unternehmen entdeckte den Zusammenhang zwischen dem Stadium von Alzheimer und dem Behandlungserfolg für den Eli Lilly jetzt gefeiert wird. Das mag ein Zufall sein, ist aber angesichts der Summen, die in die Medikamententests fließen, schon überraschend.

Der deutsche Alzheimer-Forscher Konrad Beyreuther äußerte in der "FAZ" den Verdacht, dass die Testgruppen bisher falsch zusammengestellt wurden. "Schätzungsweise die Hälfte der Patienten waren keine Alzheimer-Patienten, es war eine Mischung von Kranken, die an unterschiedlichen neurodegenerativen Erkrankungen litten", sagt er. Experten klagen schon länger, dass es eine hohe Dunkelziffer bei falschen Alzheimer-Diagnosen gibt.

Bei den Patienten für die Eli Lilly-Studie wurde mit zwei Biomarkern aus der Hirnflüssigkeit (Amyloid und Tau) und bildgebenden Verfahren Alzheimer diagnostiziert. Die Messungen ermittelten die Dicke des Hippocampus und können auf Hirnbildern die Ablagerungen darstellen. Dafür benutzten die Forscher ein Verfahren mit radioaktiven Substanzen, das in Deutschland nicht zugelassen sei, erklärt Beyreuther.

Sollten sich die Ergebnisse von Eli Lilly bestätigen, könnte das Auswirkungen auf die Diagnostik von Alzheimer haben. Die Krankheit müsste früher und präziser diagnostiziert werden, beispielsweise durch den Einsatz teurer Untersuchungsverfahren.

Im Licht der neuen Ergebnisse gewinnt eine Studie der Universität Washington größere Bedeutung. Dort begleiten die Mediziner 160 Menschen, die ein genetisch bedingtes höheres Risiko für Alzheimer haben. Sie werden mit den Antikörpern therapiert, noch bevor Symptome auftreten. Die Studie soll dann zeigen, ob bereits die Entstehung der Demenzkrankheiten in solchen Fällen verhindert werden kann.

Quelle: RP
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