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Volkskrankheit Schlafstörungen
"Die Schlafdauer ist gar nicht so wichtig, wie viele glauben"

Volkskrankheit Schlafstörungen: "Die Schlafdauer ist gar nicht so wichtig, wie viele glauben"
Hilft beim Einschlafen auch nicht weiter: missmutig den Wecker anstarren (Symbolbild). FOTO: Lisa S. /SHutterstock.com
Düsseldorf . Rund 80 Prozent der erwerbstätigen Deutschen leiden unter Schlafstörungen. Das geht aus einer aktuellen Studie hervor. Schlafforscher Jürgen Zulley erklärt im Gespräch, was die Ursachen sind - und was wirklich gegen Schlafstörungen hilft. Von Susanne Hamann

Herr Zulley, laut Gesundheitsreport der DAK ist die Zahl der Menschen in Deutschland, die von Schlafstörungen betroffen sind, in den letzten Jahren stark gestiegen. Können Sie sich das erklären?

Jürgen Zulley Der Hauptgrund ist der moderne Lebensstil. Der permanente Zeitdruck, die vielen Reize durch Fernseher, Computer oder Smartphone, und dass das Leben viel aktiver geworden ist - all das führt dazu, dass der Mensch sich keine Pausen mehr nimmt und keine Ruhe mehr findet. 

Das heißt, die Hektik über den Tag wirkt sich auf den Schlaf in der Nacht aus?

Zulley Ja, denn zum Einschlafen braucht man Entspannung. Und die wiederum entsteht nur, wenn man sich Ruhe gönnt. Damit meine ich nicht mal unbedingt körperliche Ruhe, sondern das Abschalten von den Problemen des Alltags. Aber verstehen Sie mich nicht falsch, der Mensch kann natürlich nicht einfach an nichts denken. Das wäre schön, aber das geht nicht. 

Dr. Jürgen Zulley. FOTO: Jürgen Zulley

Worum geht es dann?

Zulley Die meisten Betroffenen berichten davon, dass das Gedankenkarussell nachts nicht stoppt, und dass sie das wach hält. Begünstigt wird das Grübeln noch dadurch, dass wir nachts dazu tendieren, etwas depressiver zu sein und Gedanken und Emotionen intensiver erleben als tagsüber. 

Warum?

Zulley Das liegt an dem Hormon Melatonin. Das wird ausgeschüttet, wenn es dunkel wird, und es drückt die Stimmung. Im Winter wird davon zum Beispiel mehr im Körper produziert. Das kann dazu führen, dass man sich eher müde und gedrückt fühlt. 

Das sagt Ihre Schlafposition über Sie aus FOTO: Shutterstock.com/ Twin Design

Sie sagen, der Mensch braucht mehr Ruhe, aber gleichzeitig räumen Sie ein, dass sich das Denken nicht abstellen lässt. Was hilft denn dann beim Einschlafen?

Zulley Man muss sich gedanklich auf monotone, ruhige und beruhigende Dinge konzentrieren. Für mich ist das zum Beispiel leise Musik. Es können aber auch Phantasiereisen sein. Man muss nur daran denken, wie man Kinder zum Einschlafen bringt. Man singt ihnen Wiegenlieder, liest Geschichten vor oder schaukelt sie. Alles monotone und ruhige Dinge.

Bilder: Diese 6 Apps wollen uns beim Schlafen helfen FOTO: Minerva Studio/ Shutterstock.com

Völlige Stille hilft also nicht?

Zulley Zumindest kann man sagen, dass völlige Ruhe gar nicht mal so gut zum Einschlafen geeignet ist. Man sollte schon etwas tun, nur eben das Richtige. 

Im Gesundheitsreport steht auch, dass immer mehr Menschen zu Medikamenten greifen. Empfehlen Sie manchmal rezeptfreie Medikamente?

Zulley Man kann Medikamente auf Baldrianbasis nehmen. Die können helfen, müssen aber nicht. Besser ist es, wenn man seinen Tag so organisiert, dass man nachts den Stress hinter sich lassen kann. 

Wie macht man das?

Zulley Das beginnt tagsüber, indem man sich sportlich betätigt, damit man abends körperliche Müdigkeit verspürt. Außerdem sollte man seinen Tag mit regelmäßigen Aktivitäten strukturieren und zu ähnlichen Zeiten essen. Essen ist ohnehin ein wichtiger Punkt. Die meisten unterschätzen, wie viel Auswirkung die Verdauung auf den Schlaf hat. Deshalb sollte man abends nur noch leicht essen. Und man sollte abends ein Ritual einführen, das einem hilft, Alltag und Feierabend voneinander zu trennen. Denn am Abend sollte man Erholung und Genuss finden, indem man seinen Hobbys nachgeht, sich mit Freunden trifft oder zum Sport geht. So kann man innerlich wieder zur Ruhe finden. Nachts im Bett helfen dann, wie schon gesagt, monotone Entspannungstechniken. 

Die häufigste Schlafstörung ist die Ein- und Durchschlafstörung. Sollte man denn nachts aufstehen, wenn man nicht schlafen kann?

Zulley Nur, wenn man körperliche Unruhe verspürt. Dann macht das Sinn. Aber sonst ist es besser, liegen zu bleiben, das Licht auszulassen und sich auf eine Entspannungstechnik zu konzentrieren. Man sollte aber auch wissen, dass es ganz normal ist, nachts aufzuwachen. Jeder Mensch wacht nachts mehrfach auf. Meistens erinnert man sich nur nicht daran. Wach hält einen das nur, wenn man sich darüber ärgert, dass man wach geworden ist. Das ist aber eigentlich unnötig, weil es ganz normal ist. 

Welche Auswirkungen haben denn Schlafstörungen auf die Dauer?

Zulley Zunächst einmal beeinträchtigt es natürlich im Alltag durch Müdigkeit, Konzentrationsprobleme und Gereiztheit. Chronische Schlafprobleme können allerdings richtig krank machen, weil sich das Immunsystem nur im Schlaf regeneriert. Wer also nicht ausreichend schläft, reduziert automatisch seine Abwehrkräfte. Die Wundheilung kann sich verschlechtern, ebenso wie die Gedächtnisleistung, weil das Gehirn nicht mehr ausreichend verarbeiten kann. 

Gibt es irgendein Vorurteil in Sachen Schlaf, mit dem Sie gerne aufräumen würden?

Zulley Dass man unbedingt viel Schlaf braucht. Die Schlafdauer ist gar nicht so wichtig, wie viele glauben. Viel wichtiger ist, dass man gut schläft, dass man also in die Tiefschlafphase kommt. Und das sind nur vier Stunden pro Nacht. Das heißt nicht, dass man nur vier Stunden schlafen sollte, aber es bedeutet, dass es nicht ganz so wichtig ist, um wie viel Uhr man ins Bett kommt. Sondern eher, ob man sich entspannt ins Bett legt und in Ruhe durchschlafen kann. 

(ham)
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