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Mysteriöse Krankheit
Betrunken von Pommes und Nudeln

Eigenbrauer-Syndrom: Betrunken von Nudeln und Pommes
Pommes vertragen Menschen mit dem "Eigenbrauer-Syndrom" nicht, weil sie von ihnen betrunken werden. FOTO: Shutterstock/r.classen
London. Für Matthew Hoggs sind Pommes, Pizza und Brot tabu. Für ihn wirkt eine Scheibe Brot wie ein Glas Wein. Drei oder vier Scheiben sogar ähnlich wie eine ganze Flasche. Seine Ärzte stehen vor einem Rätsel, Freunde halten ihn für einen Alkoholiker. Bis klar wird, dass er unter einer seltenen Krankheit leidet, dem "Eigenbrauer-Syndrom". Von Tanja Walter

Obwohl der Brite keinen Tropfen Alkohol anrührt, ist er volltrunken, sobald er eine normale Mahlzeit verspeist. Begonnen hat das in seiner Teenagerzeit. Nach einer Mahlzeit bemerkt er ein furchtbares Rumoren im Darm. Er fühlt sich müde, seine Knochen schmerzen und sein Schädel dröhnt wie nach einem Alkoholexzess. Die Ärzte, denen er sich anvertraut, schütteln ungläubig die Köpfe und glauben an Alkoholsucht. Bis ein Mediziner sein seltenes Leiden erkennt.

Extreme Low-Carb-Diät als Therapie

Der Brite leidet unter dem so genannten Eigenbrauer-Syndrom. Sein Körper wandelt Kohlehydrate im Dünndarm in Ethanol um. Aus diesem Grund muss er sich lebenslang extremer ernähren, als andere bei einer Low-Carb-Diät: vollkommen frei von Kohlehydraten. Auf seinem Speiseplan steht stattdessen eine proteinreiche Ernährung mit Samen und Nüsse, Fleisch und Fisch sowie viel Gemüse.

So geht es auch Nick Hess. Ständig kommt er seiner Frau betrunken vor, doch zur Flasche greifen sieht sie ihn nie. Selbst nach einem Auffahrunfall und einem Bluttest, der erhöhte Promillewerte bringt, schwört der Brite keinen Schluck getrunken zu haben. Erst als Ärzte ihn daraufhin auf den Kopf stellen, stellen sie erstaunliches fest: Nahrungsmittel wie Pommes Frites und Nudeln machen ihn volltrunken.

Betroffene stehen meist unter Alkoholiker-Verdacht

Dokumentiert ist auch der Fall eines 61-Jährigen, der im Jahr 2004 nach einer Operation an einem gebrochenen Fuß Antibiotika einnehmen muss. Damit beginnt sein zunächst mysteriöser Leidensweg. Nach zwei kleinen Bier fällt er beinahe in Delirium und selbst ohne einen einzigen Schluck Alkohol getrunken zu haben, macht er den Anschein volltrunken zu sein. Seine Frau, die selbst als Krankenschwester arbeitete, hatte ebenfalls keinen Reim auf den seltsamen Zustand, in dem sich ihr Mann immer häufiger befand. Sie begann das Phänomen zu dokumentieren und kam schließlich auf die Idee, mit einem Messgerät den Alkoholwert ihres Mannes zu bestimmen.

Über mehrere Jahre sucht der Mann nach Hilfe. Selbst weiß er sicher, dass er keinen Alkohol trinkt, doch andere haben den Verdacht, er sei Alkoholiker und trinke heimlich. Erst als er schließlich mit einem Promillewert von 3,7 Promille in der Notaufnahme einer Klinik landet und auf einer Isolierstation für eine längere Zeit beobachtet wurde, kamen Ärzte seinem wahren Problem auf die Spur.

So wird aus dem Darm eine "Brauerei"

In einer Stuhlprobe fanden Sie eine riesige Kultur von Hefepilzen. Diese besiedeln den Darm im Übermaß und wandeln einfache Kohlenhydrate durch Fermentation in Ethanol – also Alkohol – um, der direkt ins Blut gelangt. Ähnliches geschieht in der Brauerei durch Zugabe von Bierhefekulturen. Durch die Fehlbesiedelung des Darms tragen die Betroffenen ohne es zu wissen eine Art körpereigene Brauerei in sich herum, die unkontrolliert nach der Nahrungsaufnahme beginnt, Alkohol zu produzieren.

Schon 1972 wird ein erster solcher Fälle in Japan beschrieben. Oft sind Hefepilze wie Candida albicans, Candida glabrata oder Candida krusei für das kuriose Leiden verantwortlich. Sie kommen in fast jedem Darm vor, werden aber von guten Bakterien in Schach gehalten. Bei Menschen, die unter dem Eigenbrauer-Syndrom leiden, haben die Hefepilze hingegen Überhand bekommen und das natürliche Gleichgewicht besteht nicht mehr. Man nimmt an, dass neben der Veranlagung auch Therapien mit Antibiotika das Fass zum Überlaufen bringen können und Auslöser für die eigenartige Erkrankung sein können.

So sieht die Therapie der seltsamen Krankheit aus 

Helfen kann man den Patienten bislang nur, die Beschwerden einzudämmen, indem man sie ständig mit Antipilzmitteln behandelt und sie sich nach einer strengen Diät ernähren. Bei dieser kommt es darauf an, den Hefepilzen die Nahrungsgrundlage zu entziehen und sich möglichst zuckerfrei und kohlehydratarm zu ernähren.

Auftreten kann das Eigenbrauer-Syndrom auch bei Kindern. Ahmed Dahshan und Kevin Donovan beschreiben einen solchen Fall im Jahr 2001 bei einem 13-jährigen Mädchen. Das litt unter einem Kurzdarmsyndrom, bei dem ein großer Teil des Dünndarms fehlt. In einer Reha-Einrichtung fiel auf, dass sie immer wieder wie betrunken wirkte. Kurz nachdem sie kohlehydratreiche Fruchtsaftgetränke zu sich genommen hatte, setzte die Trunkenheit ein. Die pedantische Suche nach den Ursachen ergab auch bei ihr einen Pilzbefall im Darm und Magen.

Leiden tun Betrofne auch trotz Therapie

Meist leiden die Betroffenen nicht nur unter den falschen Anschuldigungen, eine Alkoholsucht verheimlichen zu wollen, sondern vor allem unter den körperlichen Symptomen und Folgen, die die ständigen Alkoholvergiftungen mit sich bringen. Der Energiestoffwechsel ist vollkommen gestört. Durch das Ethanol häuft sich Milchsäure in der Muskulatur an und verursacht Muskelschmerzen. Die Betroffenen fühlen sich müde und unkonzentriert. Trotz einer strikten und angepassten Ernährung, quälen auch Matthew Hoggs immer wieder Bauchschmerzen. Er beschreibt sich als nicht körperlich belastbar. Sport spielte in seiner Kindheit und Jugend eine große Rolle. Heute ist er außer Stande, auch nur zu laufen. Denn durch die Dauerdiät, die er – ähnlich wie andere Betroffene halten muss, um den Hefepilz in Schach zu halten, fehlt ihm die Energie dafür.

Hilfe und neue Hoffnung

Hinzu kommen zudem häufig Folgen, wie sie sonst Alkoholkranke aufweisen – Leberschäden zählen ebenso dazu wie eine gestörte Arbeit der Galle. Dadurch läuft der Abbau von Giftstoffen durch die Organe nicht richtig und die Fettverdauung ist schwer eingeschränkt. Da er durch die Krankheit derart eingeschränkt ist, dass er keinem Beruf nachgehen kann, hat er vor einigen Jahren damit begonnen, sein Spezialwissen über diese Krankheit der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Über die Homepage "Environmental Illness Resource” gibt er nicht nur Informationen über Krankheiten wie seine eigene, Autismus-Spektrum-Störungen und Allergien, sondern bietet Betroffenen dort zudem ein Forum. Ein junger Mann hat sich dort mit dem Nickname "Dangadu" angemeldet und berichtet über seinen Leidensweg, der sich ähnlich liest wie der von Matthew Hoggs. Mit einem kleinen Unterschied: Er versucht es nun mit einer neuen Therapie. Der Fremdkot-Transplantation. Der Eintrag ist von Ende März 2015. Zu früh, um eventuell von einem Erfolg lesen zu können.

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