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Plötzlich entstellt
Harmlose Erkältung oder Gesichtslähmung?

Die wichtigsten Fakten zur Gesichtslähmung
Die wichtigsten Fakten zur Gesichtslähmung FOTO: TK
Berlin. Tränende Augen und Schmerzen am Ohr oder Kopf – das kennen viele als Vorboten einer Ohrentzündung, Erkältung oder Migräne. Manchmal aber steckt hinter diesen Symptomen eine beginnende Gesichtslähmung. Erst wenn dann weitere schockierende Anzeichen hinzukommen, suchen die Betroffenen Hilfe. Von Tanja Walter

Wenn es draußen nass und kalt wird, beginnt die Zeit der Erkältungen und Infekte. Ein paar Minuten an einem zugigen Ort rächen sich mit einem schmerzhaften steifen Nacken am nächsten Tag. Im anderen Fall kündigen Schmerzen am Ohr eine beginnende Ohrentzündung an.

Auch Symptome wie plötzlicher Geschmacksstörungen oder tränende Augen erinnern an die ersten Anzeichen einer dicken Erkältung oder vielleicht Migräne. Ebenso ein staccatoartiger, manchmal auch stechender oder brennender Schmerz, der bis zu den Wangen und Augen zieht.

Was oft harmlos beginnt, spitzt sich innerhalb von ein bis drei Tagen immer weiter zu. Kieferschmerzen quälen die Betroffenen und dann kommt der große Schock. Urplötzlich hängt das Gesicht vollkommen schief. Ein Teil fühlt sich taub an. Eine Tasse Kaffee zu trinken wird zur Unmöglichkeit. Die Flüssigkeit tropft unkontrollierbar aus den Mundwinkeln, ganz so wie nach einem Schlaganfall. Tatsächlich steckt allerdings etwas ganz anderes dahinter: eine Lähmung des Gesichtsnervs, auch Fazialisparese genannt.

Ursachen – Hirn oder Nerv verletzt?

Die Fachleute unterscheiden dabei zwei Formen, die zentrale und die periphere Fazialisparese. Bei der zentralen Parese verursachen zum Beispiel ein Schlaganfall, Tumor oder eine Hirnhautentzündung eine Verletzung im Hirn. Diese wirkt sich manchmal dauerhaft auf die Steuerung des Gesichtsnervs aus und betrifft vor allem die Mund- und Wangenmuskulatur.

Weit häufiger ist allerdings die harmlosere periphere Gesichtslähmung. Bei ihr ist meist vorübergehend der Gesichtsnerv selbst geschädigt. Je nachdem wo diese auftritt, kommt es zu unterschiedlichen Lähmungserscheinungen. Denn der Nervus facialis steuert die Bewegung der meisten Gesichtsmuskeln und damit unsere Gesichtsmimik. Er ist dafür verantwortlich, dass Menschen lachen, Äuglein kneifen oder die Nase rümpfen können.

Die größten Irrtümer über den Schlaganfall FOTO: AP

Das sind die Folgen einer Gesichtslähmung

Als einer von zwölf Hirnnerven verläuft er vom Hirnstamm ausgehend auf beiden Seiten des Kopfs innerhalb und außerhalb des Schädels. In einem knöchernen Nervenkanal liegt er hinter dem Ohr. Von dort aus zieht er sich in feinen Verästelungen fächerförmig über das Gesicht. Dementsprechend werden die Folgen der Lähmung an unterschiedlichen Stellen durch Schmerzattacken spürbar und dann auch optisch sichtbar.

Die Betroffenen verlieren die Kontrolle über einzelne Gesichtsfelder. Je nachdem in welchem Bereich der Nerv betroffen ist, ist es unmöglich seine Lippen zu spitzen, die Nase zu runzeln, die Mundwinkel zu heben oder das Auge zu schließen. Meist können Erkrankte auch ihre Stirnmuskulatur nicht mehr kontrollieren und darum die Stirn nicht mehr kräuseln. In Folge dessen hängt die Augenbraue leicht herunter.

Da der Nervus facialis neben der Funktion von Tränendrüsen auch die der Nasenschleimhaut und das Schmecken auf der vorderen Zunge regelt, erklärt sich, warum sich eine periphere Nervenschädigung häufig bereits durch Geschmacksverlust oder Tränenfluss ankündigt. Manchen macht auch eine besondere Lärmempfindlichkeit zu schaffen.

Das sind die Auslöser

"Neben Entzündungen können Virusinfektionen beispielsweise durch Herpes simplex oder Herpes Zoster die Beschwerden auslösen. Eine Infektion mit Borrelien kann neben anderen Grunderkrankungen ebenso ursächlich sein. Auch kalte Luft oder Zugluft kann die Entstehung einer Gesichtslähmung begünstigen", sagt Dr. Curt Beil, Mitglied des Berufsverbandes Deutscher Neurologen (BDN) und Arzt in Köln.

Schlaganfall - Was passiert nach dem Notruf? FOTO: AOK

Auch Mittelohrentzündungen können das Übel verursachen. Durch die anatomische Nähe des Gesichtsnervs zum Ohr kann sich eine Entzündung im Knochenkanal und Nerv ausbreiten. Sie mündet in der Gesichtslähmung.

In rund dreiviertel der Fälle bleibt die genaue Ursache allerdings im Dunkeln. Die Mediziner sprechen dann von einer ideopathischen Faszialisparese. Es wird vermutet, dass verschiedene Faktoren zu entzündlichen Schwellungen führen, die den Nervenkanal verengen und dadurch Druck auf den Nerv ausüben, sagt der BDN. Bis zu 40 Menschen von 100.000 erkranken jedes Jahr an dieser Form, so beziffern es die Leitlinien des Berufsverbandes der Neurologen.

Treffen kann es jeden. Grundsätzlich sind Männer wie Frauen mittleren Alters gleichermaßen betroffen. Allerdings beobachten die Experten in den letzten Jahren zunehmende Erkrankungszahlen bei Schwangeren. Sie ist nach Informationen des Berufsverbands der HNO-Ärzte um das Dreifache angestiegen. Eine Erklärung für dieses Phänomen gibt es nicht.

Einige Risikofaktoren machen das Auftreten wahrscheinlicher. Zu ihnen zählen hoher Blutdruck und Diabetes. Daneben steht auch extremer Stress in Verdacht eine Gesichtslähmung zu begünstigen.

Da ein Laie selbst nicht feststellen kann, ob die Ausfallerscheinungen von einem Schlaganfall oder einer Gesichtslähmung herrühren, raten die Mediziner schnell einen Neurologen aufzusuchen. Je früher behandelt wird, desto besser sind in beiden Fällen die Chancen wieder vollständig zu genesen. Die Mediziner stufen dabei die Symptome auf einer Skala von eins bis sechs ein. Stufe eins bedeutet, dass keine Störung des Nervs vorliegt. Stufe sechs hingegen bezeichnet die vollständige Lähmung.

Das tut der Arzt gegen Gesichtslähmung

Service: Blutwerte - was sie bedeuten FOTO: Shutterstock/ JPC-PROD

Auf der Suche nach dem Auslöser setzen die Mediziner auf neurologische Untersuchungen, aber ebenso Verfahren wie Computertomografie oder Laboruntersuchungen. Eine Blutuntersuchung und ein Abstrich spüren auslösende Erreger auf.

Werden zum Beispiel Borrelien oder Herpes-Viren gefunden, ist es notwendig, diese direkt zu bekämpfen, um die Gesichtslähmung zu heilen. Aus den Blutwerten lässt sich beispielsweise ablesen, ob die Entzündungswerte auf eine Schädigung des Nervs hindeuten. Ebenso geben sie Aufschluss über die Blutzuckerwerte und damit darüber, ob ein schlecht eingestellter Diabetes als Auslöser in Frage kommt.

Liegen Infektionen zugrunde, können die mit einem Virostatikum oder einem Antibiotikum behandelt werden. Wird keine Ursache aufgespürt, bleibt es bei einer symptomatischen Behandlung mit durchblutungsfördernden Infusionen, Kortison- und Vitamingaben oder einer unterstützenden Krankengymnastik.

In der Regel heilt so eine Fazialisparese innerhalb von sechs Wochen bis sechs Monaten vollständig aus. Nur in seltenen Fällen bleibt die Mimik dauerhaft entstellt. Als letzte Option bleibt dann nur eine plastische Operation.

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