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Gefahr Fehldiagnose
Was Sie wissen müssen, damit sich Ihr Arzt nicht irrt

Fehldiagnosen: Was Sie wissen müssen
FOTO: Shutterstock/sukiyaki
Düsseldorf. Fehldiagnosen kommen in der Medizin nicht selten vor. Fatal sind sie, wenn sie bei schweren Leiden nicht korrigiert werden. Falsche Arbeitsdiagnosen sind unvermeidbar. Von Wolfram Goertz

Zu den Empörungsthemen der modernen Gesellschaft zählt die Fehldiagnose, die hinter dem Entsetzen über Kunstfehler auf dem zweiten Platz eines Rankings über ärztliches Versagen stünde. Da habe, so heißt es gern, ein Weißkittel das Grundleiden eines Kranken wieder mal übersehen, habe Mühe gescheut, habe Symptome fehlinterpretiert, Werte falsch gelesen, das diagnostische Fenster nicht weit genug geöffnet.

Eine Fehldiagnose ist schlimm, wenn es wirklich eine ist; eine mit Todesfolge darf als Super-Gau angesehen werden. Jede Schlamperei (Beispiel: Verkennen einer Blinddarmentzündung) ist unverzeihlich. Andererseits ist ein Teil der Fehldiagnosen unvermeidbar und sogar entschuldbar. Es hülfe viel, wenn die Leute wüssten, wie Fehldiagnosen entstehen und dass sie oft gar keine sind. Das hat damit zu tun, dass ärztliche Diagnosefindung manchmal eine Schlingerfahrt ist.

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Husten und seine Ursachen

Ein Beispiel: Ein 53-jähriger Patient ist Raucher und leidet seit einigen Wochen unter trockenem Husten; Fieber und Auswurf hat er nicht. Der Hausarzt horcht die Lunge ab: kein Rasseln, kein Giemen; Herztöne unauffällig. Dann prüft er die Medikamentenliste: "Aha, ich habe Ihnen kürzlich einen ACE-Hemmer verschrieben. Der könnte der Übeltäter sein. Ich gebe Ihnen ein anderes Medikament!" Das ist eine vernünftige Idee; ACE-Hemmer wie Ramipril als Mittel zur Blutdrucksenkung haben oft trockenen Husten im Portfolio der Nebenwirkungen.

Nach fünf weiteren Wochen hustet der Mann immer noch. Jetzt wird der Arzt nachdenklich und überweist den Mann zum Lungenarzt. Der denkt: "53-jähriger Raucher? Vielleicht doch etwas anderes?" Der Patient durchläuft den fachärztlichen Parcours, erduldet Röntgen, CT, Lungenspiegelung, schließlich Gewebeentnahme - und muss hören: Es ist Lungenkrebs.

Verdacht und Korrektur

Hat der Hausarzt versagt? Nein, gewiss nicht. Er hat das Wahrscheinliche und das Unwahrscheinliche abgewogen und eine Systematik seines Handelns entworfen. Das nennt man Algorithmus. Die Absetzung des ACE-Hemmers beruhte auf einer auch zeitlich plausiblen Arbeitsdiagnose: Husten als medikamentöser Beiklang. Soll der Patient den Arzt verklagen, weil er den Krebs nicht direkt erkannt hat? Nein. Der Doc hat ja auch auf die Kostenspirale geachtet und nicht zu früh eine (in vielen Fällen unnötig intensive) Untersuchungskette in Gang gesetzt.

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Falsche Fragen, vage Antworten

Arbeitsdiagnosen bleiben oft auch deshalb vage, weil Patienten in Gegenwart ihres Arztes gehemmt oder fahrig sind - und nicht wissen, was für einen Arzt relevante Details sind und was nicht. Zuweilen fragen Ärzte aber nicht scharf genug und nicht in alle Richtungen. Eine gute Anamnese dauert länger als acht Minuten.

Ein Klassiker ist die Lungenembolie; sie wird oft übersehen. Husten, Schmerz beim Einatmen, Luftnot, hohe Atem- und Herzfrequenz sind ihre Symptome. Wer da als Arzt den Patienten nicht zu (Thrombose-) Schmerzen in Bein oder Becken befragt, bei der Blutanalyse nicht die Werte für eine Gerinnungsaktivierung abfragt und ein CT für unnötig hält, stattdessen eine Grippe diagnostiziert, stellt die klassische Fehldiagnose. Sie endet häufig tödlich.

Ähnlichkeit der Symptome

Manche Leiden liegen indes bei den Symptomen nahe beieinander. Eine typische oder atypische Lungenentzündung ist von einer Influenza zuweilen nicht sicher abzugrenzen - vor allem, wenn die eine Krankheit aus der anderen folgt. Treffsicherheit bereits bei der Verdachtsdiagnose gibt es ebenfalls nicht immer. Etwa bei den Nahrungsmittelunverträglichkeiten: Ein Arzt, der schon nach der ersten Untersuchung eines jammernden Kindes, das sich den Bauch hält, die korrekte Diagnose Zöliakie trifft, ist eine Ausnahme.

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Modische Diagnosen

Auf der anderen Seite gibt es Modediagnosen, die zeittypisch sind. Von "Burn out" wird gewiss zu häufig gesprochen. Schlimmer sind Irrtümer in der Kinderheilkunde, etwa wenn einem zappeligen Kind vorschnell die ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung) angehängt und eine Tabletten-Therapie (Ritalin) verordnet wird. Gewiss sind manche Eltern dankbar, wenn ihrem Kind endlich die (korrekte) Diagnose ADHS gestellt wird. Manche sind aber auch heilfroh, wenn es überhaupt eine Diagnose gibt - selbst wenn es die falsche ist. Mancher Arzt müsste genauer prüfen, ob das Kind nicht doch etwa an einer Überfunktion der Schilddrüse, an Epilepsie oder Autismus laboriert. Oder die falsche Schule besucht. Oder Schlagzeug spielen sollte.

Der kluge Patient sorgt vor

Patienten sollten dem Arzt eine Liste aller Symptome mitbringen, die mit ihren Beschwerden zusammenhängen können. Auch Unwahrscheinliches kann zum Ziel der richtigen Diagnose führen. Merke: Der kluge Kranke hält mehr Informationen parat als eine zu wenig.

Quelle: RP
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