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Medizinisches Mysterium
Frozen Shoulder – Wenn die Schulter plötzlich erstarrt

Frozen Shoulder – Wenn die Schulter plötzlich erstarrt
Bei einer Frozen Shoulder sind die Auslöser ein medizinisches Mysterium. FOTO: Shutterstock/Image Point Fr
München/Düsseldorf. Ein vernichtender Schmerz durchfährt die Schulter. Alltägliche Bewegungen werden plötzlich unmöglich, und das flexibelste Gelenk im Körper erstarrt wie zu Eis. Über die Ursachen des als Frozen Shoulder bezeichneten Phänomens wird gerätselt, dennoch lässt sich etwas dagegen tun. Wie? Das erklären Ihnen zwei gefragte Schulterspezialisten. Von Tanja Walter

Typischerweise geschieht es nachts aus heiterem Himmel. Ohne Vorwarnung schrecken die Betroffenen aus dem Schlaf und spüren einen reißenden Schmerz in der Schulter, der bis in den Oberarm oder Nacken hinein reichen kann. Nur in einigen Fällen entwickelt sich das Schmerzszenario schleichend. Selbst im Ruhezustand senden die Nerven tief aus dem Kugelgelenk Schmerzsignale.

Den Arm zu heben oder nach hinten oder vorne zu greifen, wird unmöglich. Über vier Millionen Deutsche lähmen solche Symptome. Am häufigsten trifft es Frauen, oft nach Eintritt der Wechseljahre. Warum das so ist, ist ein Rätsel. "Es gibt keine einzige Studie, die einen Zusammenhang nachweist, aber es müssen hormonelle Gründe sein", sagt Prof. Peter Habermeyer, Schulterchirurg in der Münchener ATOS Klinik. Er ist einer der weltweit führenden Spezialisten auf dem Gebiet der Schulterchirurgie.

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Auslöser kaum erforscht

Zwar weit verbreitet, aber kaum erforscht ist die langwierige Erkrankung auch deshalb, weil es zu wenig interdisziplinäre Arbeit auf dem Gebiet gibt. "Gynäkologen interessiert die Orthopädie zu wenig und umgekehrt ist es wohl ähnlich. Wir aber verstehen von der Hormonforschung zu wenig", schildert Habermeyer das Problem. So bleibt zwar im Dunkeln, was das unbehandelt oft über Jahre dauernde Leiden auslöst, doch weiß man, um Begleiterkrankungen, die häufig in Zusammenhang mit der schmerzenden Schulter stehen.

Diabetes-Kranke oder Menschen mit Schilddrüsenerkrankungen, also einer Störungen des Hormonsystems, gehören zu den Risikogruppen für eine schmerzhafte Versteifung der Schulter. Zudem kann es aber auch nach Operationen, Unfällen und längeren Ruhigstellungen dazu kommen, dass sich das Schultergelenk derart massiv entzündet, sagt der Chefarzt der Sportorthopädie des Marienkrankenhauses in Kaiserswerth, Dr. Wolfgang Nebelung.

Ohne Behandlung berufsunfähig

Zwar heilt die schmerzende Schulter in den meisten Fällen auch folgenlos ohne jede Behandlung aus, allerdings müssen die Patienten dann starke Nerven und unendlich viel Geduld zeigen. Die in drei Phasen verlaufende Krankheit kann in diesem Fall zwischen anderthalb und drei Jahren andauern. Dann ist mit einem Mal der Spuk vorbei. Zu lang ist das allerdings für die meisten, um einfach abzuwarten. Zumal in den ersten Monaten, die als Schmerzphase bekannt sind, viele ihren Beruf nicht mehr ausüben könnten. Handwerkliche Tätigkeiten sind mit einer Frozen Shoulder ebenso unmöglich, wie für einen Lehrer das Anschreiben an der Tafel, das Tablett zu tragen für eine Servierkraft oder die Versorgung von Kranken in Pflegeberufen, so die Experten. Die Betroffenen können sich selbst oft nicht mehr richtig helfen. "Keine Rotation ist mehr möglich, der Griff zum Gesäß oder zu den Haaren funktionieren meist nicht mal mehr", sagt Prof. Habermeyer.

Das beschreibt das zweite Stadium der Erkrankung. Die Schmerzen halten weiter an und es beginnt eine Phase, die Betroffene treffend als "Einfrieren" der Schulter beschreiben. Durch die Entzündung der Gelenkkapsel, der innersten Schicht des Gelenks also, lagern sich vermehrt Bindegewebsfasern ein. Die Kollagenfasern verdicken sich oder bilden Knötchen. Während der anfänglichen Entzündung quillt die Gelenkkapsel auf wie ein Schwamm, später hingegen schrumpft sie massiv ein und verklebt. Bei den Patienten zeigt sich das in der zunehmenden Unbeweglichkeit des Arms. Stoppen kann man diesen Verlauf und das Schrumpfen der Gelenkkapsel nach Information der Schulterspezialisten nur durch rechtzeitige Kortisongaben.

Kortison – spritzen oder einnehmen

Eine viel diskutierte Glaubensfrage ist, wie der vielgefürchtete, aber wirkungsvolle Stoff an den Ort des Geschehens gelangt. Während mancher Orthopäde darauf setzt, das Kortison mehrmals wöchentlich möglichst präzise und tief in den Gelenkspalt zu spritzen, verschreibt Habermeyer meist Kortisontabletten, die in abnehmender Dosis über rund drei Wochen eingenommen werden sollen. Vorteil der medikamentösen Therapie: "Besonders bei korpulenteren Patienten benötigt man für eine Injektion eine recht lange Nadel", so der Münchener Chirurg. Dann noch zielgenau zu treffen, ist trotz aller Erfahrung nicht immer leicht. Außerdem vermeidet man über die Tablettengabe mögliche Infektionen. In Kaiserswerth setzt Chefarzt Nebelung auf die Vorliebe des Patienten. "Bei sehr ängstlichen Patienten macht die systemische Gabe mit Tabletten manchmal mehr Sinn."

Lässt sich auf diese Weise die Erkrankung stoppen, erlebt der Betroffene die dritte Phase der Erkrankung wenige Wochen nach Auftreten der plötzlichen Schultersteife: Das Gelenk taut wieder auf und wird zuletzt in der Regel wieder voll beweglich. Um diese Entwicklung nicht nur dem Zufall zu überlassen, ist ein wichtiger Teil der Therapie die Physiotherapie. Die schließt sich an, wenn die akute Entzündung abgeklungen ist.

Wann Physiotherapie schadet

Schaden kann diese mobilisiernde Therapie allerdings, wenn sie in der akuten Schmerzphase verordnet wird. "Nur unerfahrene Physiotherapeuten arbeiten dann in den Schmerz hinein und bewegen das schmerzende Gelenk ordentlich durch, um die Bewegungseinschränkung zu beheben", beschreibt Prof. Peter Habermeyer. Das ist wie Öl ins Feuer zu gießen. Der Schmerz führe zu einer vermehrten Kollagenbildung. Im Gelenk wird es noch enger.

Je nachdem in welcher Ausprägung sich die Symptome zeigen, wenn der Patient den Arzt aufsucht, kann es für den behandelnden Orthopäden zunächst zum Verwirrspiel werden. Zwar ist die direkte Untersuchung des Patienten das einfachste und wirkungsvollste diagnostische Mittel, doch können frühe Formen der Frozen Shoulder schwierig zu diagnostizieren sein und mit anderen Erkrankungen wie zum Beispiel einer Rotatorenmanschette verwechselt werden. "Häufig werden auch Probleme an der Halswirbelsäule übersehen. Sie gehen von eingeklemmten Spinalnerven aus, die über Schulter bis in die Finger führen", so der Münchener Schulterspezialist. Während in diesem Fall die Einengung behoben werden muss, hilft bei der echten Frozen Shoulder in der ersten Phase am besten eine Kortisontherapie.

Darum nutzen die Orthopäden neben der einfachen Untersuchung des Patienten auch Ultraschall und Röntgenbilder sowie eine Kernspintomographie, also ein MRT, um andere mitunter auch bösartige Erkrankungen auszuschließen.

Kurios und bislang unerklärbar: Ist die Frozen Shoulder abgeheilt, kommt sie nie mehr wieder. Bei einem Viertel der Betroffenen kommt es jedoch im weiteren Verlauf dazu, dass auch die andere Schulter einfriert. Wer auch das übersteht, kann sich sicher sein, nie wieder von diesen Malästen befallen zu werden.

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