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Unbekannte Psychokrankheit
Skin-Picking - Kratzen wie im Wahn

Skin-Picking - Kratzen wie im Wahn bei unbekannter Psychokrankheit
Harmlose Hauterhabenheiten werden unter den Nägeln und mithilfe von spitzen Gegenständen so lange bearbeitet, bis sie blutig sind. FOTO: Shutterstock/ampyang
Düsseldorf. Viele halten die tiefen Male auf der Haut für eine Akne. In Wahrheit aber sind sie selbst herbeigeführt. Durch exzessives Kratzen und Pulen an kleinsten Hautunebenheiten, teils sogar mit Pinzette oder Schere. Skin-Picking heißt die relativ neue Krankheit, die selbst viele Ärzte nicht kennen. Von Tanja Walter

Es ist mehr als nur schlechte Angewohnheit. Der Stress beginnt mit dem morgendlichen Gang ins Badezimmer. Dort schaut die bildhübsche Samanta Wake in den Spiegel. Schon das ist zu viel. Es dauert nicht lange, bis sie eine winzige Erhabenheit in ihrem Gesicht entdeckt hat und beginnt, sie zu bearbeiten. Wie unter Zwang drückt sie ihre Fingernägel gegeneinander, quetscht an ihr herum, kratzt und pult, bis Blut an die Oberfläche tritt.

Sie leidet unter einer psychischen Erkrankung, die sich Skin-Picking oder auch Dermatillomanie oder Acné excoriée nennt. Die Betroffenen verspüren den innigen Drang, jede Hautunreinheit zu bearbeiten. Kleinste Schuppen, Krusten oder Härchen bieten Antrieb genug, zu reiben und zu quetschen und sogar mit Nadeln oder Pinzetten vermeintliche Mitesser aus tiefen Hautschichten herauspulen zu wollen. Der Drang, das zu tun, ist so übermächtig, dass "sie ihm kaum Widerstand entgegensetzen können", so beschreiben es Prof. Steffen Moritz und Prof. Susanne Fricke, die sich an der Universität Hamburg-Eppendorf intensiv mit diesem Phänomen beschäftigt haben.

Ein innerer Drang treibt sie an

Manchmal gelingt es Samanta über Stunden nicht, von ihrer Haut abzulassen, bis ihr hübsches Gesicht tiefe, nässende und blutende Krater vorweist. Einerseits wirkt es auf die Betroffenen erleichternd, ihrem inneren Zwang nachzugehen, andererseits fühlen sie sich danach unsäglich schlecht, dem nicht widerstanden zu haben. Scham überkommt sie und führt dazu, dass sie sich und ihre kaputt gequälte Haut unter dicken Schichten von Make-up, Ärmelstulpen oder langen Shirts verstecken, sich zurückziehen und einsam vor sich hin leiden. Oft fühlen sich Skin-Picker mit ihrem Drang zu Knibbeln allein und bilden sich ein, es gebe niemand sonst mit diesem Problem. Das aber ist ein Irrtum.

Ein Einzelfall: Selbsthilfegruppe für Skin-Picker

Im Jahr 2010 hat sich in Köln eine Selbsthilfegruppe für Skin-Picker gegründet und bietet seitdem eine feste Anlaufstelle für Betroffene. Nach Einschätzung ihrer Initiatoren ist sie die erste solche Anlaufstelle in ganz Europa. Ob das wirklich so ist oder nicht, ist unerheblich, denn leicht lässt sich feststellen, dass sowohl die fachliche Kenntnis über die hautzerstörende Krankheit gering ist, als auch die Zahl von Studien und Hilfsangeboten für Skin-Picker überschaubar ist. Und das, obwohl ausgehend von einer amerikanischen Übersichtsarbeit die Zahl der Betroffenen auf fünf Prozent geschätzt wird.

Auch in Deutschland legen Experten diese Zahl zugrunde. Demnach leben auch hierzulande mehr als vier Millionen Menschen, die unter dem zwanghaften Drang leiden, ihre Haut zu zerkratzen, bis sie entstellt ist. Selbst in Phasen, in denen sie ihre Krankheit besser beherrschen können, bleibt sie sichtbar. Denn die tiefen Narben und beachtlichen Gewebeschäden, die die Knibbelsucht hinterlässt, begleiten die Betroffenen ein Leben lang in Gesicht, auf den Oberarmen, Beinen oder am Dekoletté.

Offizielle Krankheit, aber ewige Diskussionen

Trotz der unübersehbaren Male wissen oft selbst Dermatologen und Psychotherapeuten nicht immer etwas mit der Impulskontrollstörung anzufangen, so ist in unzähligen Blogs und Foreneinträgen zu lesen, die es auch hierzulande gibt. Und das, obwohl Dermatillomanie seit Mai 2013 im Psychiater-Handbuch "Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen", kurz DSM-5, als eigenständige Erkrankung aufgenommen worden ist. Dennoch wird eifrig gestritten, ob dahinter nur eine dumme Angewohnheit steckt oder doch ein handfestes psychisches Leiden.

Während Experten darüber debattieren, ob die entstellende Knibbelsucht vergleichbar mit Ritzen oder anderen selbstzerstörerischen Zwangshandlungen sei, die häufig in Zusammenhang mit anderen psychischen Störungen wie zum Beispiel Borderline auftreten, oder eben nicht, leiden die Betroffenen still vor sich hin. Denn neben der Tatsache, dass es kaum Experten gibt, die Skin-Picking als Erkrankung erkennen, gibt es zudem keine spezifische Therapie.

Forscher entwickeln Selbsttraining 

Hautärzte versorgen derweil die Skin-Picker mit Akne-Salben, weil sie das wirkliche Problem nicht erkennen. Besser treffen es die unfreiwilligen Kratzer an, denen Psychotherapeuten mit einem Verhaltenstraining versuchen, Erleichterung zu verschaffen. Neue Wege sind die beiden Psychologen Steffen Moritz und Susanne Fricke vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf gegangen und haben ein Selbsttraining entwickelt, das als Download zur Verfügung steht und Betroffenen helfen soll, den Teufelskreis dauerhaft zu durchbrechen. Dazu gehört das Selbstbeobachten und Protokollieren von Situationen und Orten, an denen sie wie automatisiert mit dem Kratzen beginnen. In einem zweiten Schritt geht es darum, diesen Verhaltensautomatismus durch einen anderen – wie zum Beispiel den Griff zum Ohr oder die Fäuste zu ballen – zu ersetzen und kurz zu halten. Mit der Zeit soll diese Handlung dann die bestehende Zwangshandlung ablösen.

Auch Samanta postet auf facebook, wie sie versucht, mit einem Spielzeug ihre Hände zu beschäftigen, um sich nicht weiter zu entstellen:

Das sind die Auslöser

Eine Verhaltenstherapie könnte helfen, mit den Betroffenen die persönlichen Ursachen für das Leiden zu entlarven und daran zu arbeiten. Denn viele berichten, dass sie das Pulen an der Haut als Entlastung empfinden und sie auf diese Art und Weise Spannung oder Nervosität abbauen. Das belegten amerikanische Forscher, die dazu 2.500 Erwachsene befragten. Es ist aber mehr als ein Ventil für Stress. In einigen Fällen, dient es Betroffenen dazu, sich durch den Schmerz überhaupt lebendig zu fühlen, sich zu spüren.

Oft nimmt die psychische Erkrankung bereits in jungen Jahren ihren Ausgang. So war es auch bei Samanta. Mit 14 Jahren begann die heute 20-Jährige, an ihrem Gesicht herumzuquetschen. An schlechten Tagen verbringt sie bis zu sechs Stunden damit, wie in Trance ihre Haut zu bearbeiten. Als Schülerin vergaß die junge Britin darüber sogar zur Schule zu gehen und verkroch sich vollkommen zerkratzt und blutend zu Hause.

Betroffene machen sich öffentlich, um Hilfe zu mobilisieren

Heute geht sie anders damit um, schreibt auf Facebook, twittert unter dem Hashtag #Dermatillomania und macht sich und das Problem öffentlich. Erst habe sie sich kaum vorstellen können, über so etwas Privates zu berichten, erzählt Samanta Wake in einem Video, das sie jüngst einstellte. Doch was sie antreibe, über das so schwere Thema zu reden, sei der Zuspruch, den sie über ihren Blog erfahre und der sie ermutige nicht aufzugeben.

 

So tun es auch hierzulande vor allem junge Frauen. Sie bloggen und sprechen in Videos über persönlichen "Mutproben" wie die, ungeschminckt zur Schule zu gehen. In Ermangelung professioneller Hilfe, wie sie erst langsam entsteht.

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