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Gesundheit
Jeder dritte Deutsche leidet unter Bluthochdruck

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Düsseldorf. Wie stark muss bei Bluthochdruck medikamentös eingegriffen werden? Eine US-Studie empfiehlt eine noch massivere Therapie. Die Vorteile überwiegen vor den Nachteilen. Von Jrg Zittlau

Wenn das Blut mit hohem Druck durch die Adern schießt, ist das für Herz und Kreislauf ein großes Risiko. Deswegen sollte man Bluthochdruck unbedingt behandeln. Medizinern schwebt dabei in der Regel vor, den systolischen, also oberen Blutdruckwert auf unter 140 mmHg zu senken. Doch laut einer aktuellen Studie ist das immer noch zu hoch. Der Zielwert müsse vielmehr um 20 Punkte niedriger angesetzt werden.

Die amerikanischen Forscher hatten knapp 9500 ältere (über 50 Jahre alte) Bluthochdruckkranke in Gruppen eingeteilt: In der einen visierte man eine Blutdrucksenkung auf 140, in den anderen auf 120 mmHg an. Die Therapie bestand aus einer Kombination etablierter Medikamente, wobei man die 140er-Gruppe mit durchschnittlich zwei und die 120er mit drei unterschiedlichen Blutdrucksenkern versorgte.

Diese Krankheiten verursacht Stress FOTO: gms

Nach drei Jahren zeigten die beiden Gruppen deutliche Unterschiede. So waren von den intensiv behandelten Patienten nur 3,3 Prozent gestorben, im Unterschied zu 4,5 Prozent in der standardmäßig behandelten Gruppe. Hinsichtlich Herzinfarkt und Schlaganfall zeigten sich zwar keine Unterschiede, doch bei den 120er-Patienten fiel das Risiko für eine Herzinsuffizienz um 38 Prozent niedriger aus. Der Herzmuskel wird also offenbar deutlich mehr geschont und geschützt, wenn er nur noch gegen 120 und nicht gegen 140 mmHg im Gefäßsystem ankämpfen muss.

Studienleiter Paul Whelton von der Case Western Reserve University in Cleveland hält die vorgelegten Daten für "beeindruckend genug", dass sie in den therapeutischen Leitlinien berücksichtigt werden sollten. Die American Heart Association scheint bereits entschlossen dazu, und von einigen europäischen Gremien kamen bereits ähnliche Signale. Als weitere wichtige Nachricht für Ärzte und Patienten empfindet Whelton, dass die strengeren Werte "mit Standardmedikamenten erreicht wurden". Man muss also nicht ein neues und teures Mittel einführen, sondern kann auf das zurückgreifen, was bereits auf dem Markt ist - wie etwa ACE-Hemmer, Beta-Blocker und die entwässernden Diuretika.

Allerdings kam im Durchschnitt immerhin ein Medikament hinzu, und das brachte dann in der sogenannten Sprint-Studie doch eine beträchtliche Zunahme an Nebenwirkungen. Wer auf 120 mmHg eingestellt wurde, hatte öfter Veränderungen in seinem Mineralhaushalt und Extraschläge in seinem Puls, und auch das Risiko für Nierenschädigungen ging nach oben. Insgesamt kam es unter Intensivtherapie knapp doppelt so oft zu schweren Nebenwirkungen wie in der Standardbehandlung. Die Quote blieb aber mit 4,7 Prozent noch deutlich im einstelligen Bereich. Weswegen für Whelton feststeht: "Die Vorteile der Intensivbehandlung übertreffen ihre Nachteile bei weitem."

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Sie ist allerdings nicht für jeden geeignet. So betont Whelton, dass sein Team streng genommen nur eine Behandlungsempfehlung für jene Patienten geliefert hat, die in der Studie untersucht wurden. Also beispielsweise für einen 80-Jährigen mit Werten von 150 mmHg. Ob man auch bei einem 30-jährigen Diabetiker mit familiärer Neigung zu Herzkrankheiten auf die 120mmHg zielen sollte, könnte zwar, wie Whelton ausführt, "prinzipiell sinnvoll sein", doch die Studie selbst gebe darüber keine Aufschlüsse.

Zudem ist es fraglich, ob sich in der alltäglichen Praxis die Senkung auf 120 ohne weiteres durchsetzen lässt. Dies sei, wie Adam Chobanian vom Boston University Medical Center betont, "gerade bei älteren Patienten ziemlich schwierig". In der Sprint-Studie wurden die Patienten intensiv betreut, so wurde beispielsweise die Einnahme der Medikamente viel strenger kontrolliert, als dies im Alltag - beispielsweise in einem Pflegeheim - möglich sei.

Der amerikanische Kardiologe kritisiert außerdem, dass die Studie ihr Augenmerk einseitig auf die medikamentöse Behandlung des Bluthochdrucks lenkt. Andere Maßnahmen, die möglicherweise sogar schon im Vorfeld höhere Blutdruckwerte verhindern könnten, würden hingegen ignoriert. Wie etwa der Abbau von Übergewicht oder auch regelmäßige körperliche Bewegung.

Übergewichtige Menschen leiden oft unter Hypertonie, weil sie viel Insulin produzieren und dieses Hormon den Abbau von Eiweißverbindungen fördert, die in den Blutgefäßwänden für Entspannung sorgen. Weswegen zehn Kilos weniger auf den Rippen bei übergewichtigen Hypertonie-Patienten bereits den oberen Blutdruckwert um 15 mmHg sinken lassen. "Das ist so viel, wie ein oder zwei Medikamente ausmachen", betont Kardiologe Steffen Behrens vom Vivantes Humboldt-Klinikum in Berlin.

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Sport erweitert die Blutgefäße, so dass besser Blut hindurchfließen kann und der Druck auf die Gefäßwände abnimmt. Bei mäßig erhöhten Blutdruckwerten um 140mmHg kann dieser Effekt bereits ausreichen, um den Blutdruck wieder in Richtung 120 zu dirigieren. Wobei die alte Regel, wonach dies nur für Ausdauer-, nicht aber für Kraftsport gilt, mittlerweile überholt ist.

An der Sporthochschule Köln konnte man nachweisen, dass eine Kombination aus Ausdauer- und Krafttraining den Blutdruck effektiver senkt als Ausdauertraining allein. Denn gezielte Kräftigungsübungen erhöhen den Sauerstoffbedarf im Muskel, so dass der Körper mehr Blutgefäße bilden muss. Dadurch kann sich das Blut auf mehrere Gefäßzweige im Muskel verteilen - und am Ende sinkt der Druck.

Quelle: RP
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