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Kreislauf-Probleme
Niedriger Blutdruck macht eiskaltes Händchen

Niedriger Blutdruck: Was kann ich tun?
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Düsseldorf. Meistens warnen Ärzte vor zu hohem Blutdruck. Wer unter niedrigem Blutdruck leidet, bekommt dagegen zu hören, dass er steinalt wird. Dabei kann niedriger Blutdruck zu Schlappheit, Schwindel und Kopfschmerzen führen. Was hilft? Von Wolfram Goertz

Was haben die menschlichen Blutgefäße und ein Benzintank gemeinsam? Bei Wärme dehnen sie sich aus, und es passt mehr Sprit hinein. Auf dieser Seite interessiert uns unser Blut naturgemäß stärker als die Reichweite unseres Autos. Aber Grundkenntnisse in Physik und Biomechanik können nicht schaden, zumal sie sich vorteilhaft auf unser Wohlbefinden auswirken. Profiteure dieser Kompetenz sind vor allem junge und schlanke Frauen, die in diesen warmen Tagen oft über Benommenheit bei Belastung klagen und ansonsten unter kalten Händen und Füßen leiden. Sie haben ein Problem mit dem Blutdruck, oft ist er nämlich zu niedrig - und dies hängt wieder mit der Weite und Füllmenge unserer Gefäße zusammen. Der Arzt spricht bei niedrigem Blutdruck von Hypotonie.

Defekte Messfühler verhindern die Regulation des Blutdrucks

Normalerweise ist der menschliche Körper glänzend ausgerüstet, was seine eigene Fähigkeit zur Blutdruckregulation betrifft. Er verfügt in einigen Gefäßen (den Halsschlagadern und den Nierenarterien) über kleine Messfühler, die auf Blutdruckschwankungen geeicht sind und sofort eine Botschaft an das Kreislaufzentrum im Stammhirn senden. Inhalt der Mitteilung: Bitte korrigieren! Zudem schüttet die Niere bei zweifelsfrei registriertem niedrigen Blutdruck automatisch Renin aus, ein Hormon, das über eine genial konstruierte hormonelle Kaskade den Blutdruck erhöht.

Bei Menschen mit chronisch niedrigem Blutdruck sind diese beiden Regulationssysteme gestört. Das Gute daran ist: Dieser Defekt bringt sie nicht um, sondern beschert ihnen ein langes Leben. Denn nie werden sie an Bluthochdruck erkranken, der zu massiven Herz- und Gefäßkrankheiten führen kann, bei denen wieder Physik eine Rolle spielt: Denn je stärker das Herz pumpt und je höher der Widerstand in den Gefäßen ist, desto höher ist der Blutdruck. Warum übrigens jene Systeme gestört sind und oft junge Frauen betrifft, hat die Medizin nicht letztgültig eruiert.

Wenn dem Körper Flüssigkeit fehlt, wird das Blut dicker

Und was hat jetzt der Sprit, also unser Blut selbst, erstens mit Wärme und zweitens mit Hypotonie zu tun? Nun, zuweilen verliert unser Körper Flüssigkeit: Wir schwitzen, weil uns heiß wird und der Körper Hitze abgeben will. Wir scheiden Flüssigkeit mit dem Urin aus, weil wir Medikamente etwa gegen Bluthochdruck nehmen, die unsere Nierenfunktion ankurbeln und das Herz entlasten. Oder wir hocken im Urlaub wegen einer Magen-Darm-Grippe auf oder über dem Töpfchen - und bei Durchfall und Erbrechen verliert der Körper ja ebenfalls Flüssigkeit (das auch dem Blut entzogen wird).

Autofahrer kennen bei Dieselfahrzeugen den Aspekt der Viskosität, der Fließfähigkeit. Sulzig mag der Motor gar nicht. Auch unser Körper mag kein dickes Blut, dem es an Flüssigkeit fehlt, denn es zirkuliert schwächer. Deshalb wird es Menschen mit niedrigem Blutdruck so oft an Händen und Füßen kalt: Der Körper drosselt bei einer Hypotonie automatisch die Durchblutung, und zwar zuerst in den peripheren Bereichen, die nicht lebenswichtig sind; Hirn und Herz müssen weiter gut durchblutet sein. Das nennt man in der Medizin "Kreislaufzentralisation". Zu spüren bekommen das halt vor allem Frauen, deren Hände und Füße erkalten.

Alles auch eine Frage der Erdanziehung

Man sieht es immer wieder bei jungen Damen, die aus dem Sitzen aufstehen, plötzlich umkippen - und etwa beim Kellnern die Gläser zum finalen Klirren bringen. Oder die morgens aufstehen und denen sogleich schwarz vor Augen wird: Sie haben ebenfalls ein Problem der Blutdruckregulation. Sie laborieren an einem "orthostatisch niedrigen Blutdruck". Was passiert hierbei?

Bei ihnen mischt die Schwerkraft ungünstig mit: Die Erdanziehung sorgt dafür, dass der sogenannte hydrostatische Druck steigt und dass sich die Beinvenen aufdehnen. Wenn sich aber diese Gefäße erweitern, verringert sich der sogenannte venöse Rückstrom zum Herz; dort kommt deutlich weniger an. Beim Gesunden bemerken das jene Rezeptoren in den Gefäßen, und sie bringen das System wieder auf Trab; das Herz wird durch den Sympathikus-Nerv angekurbelt, schneller zu schlagen und den Mangel auszugleichen. Bei Menschen mit einer Regulationsstörung funktioniert dieser Ausgleich nicht. Das Gehirn wird nicht ausreichend mit Blut versorgt, es kommt zu Schwindel oder sogar zur Ohnmacht. In diesem ungünstigen Fall kippen sie um. Deshalb untersucht sie der Kardiologe gern auf dem sogenannten Kipptisch, wo die Schwerkraftverhältnisse nachgestellt werden.

Natürlich gibt es noch andere Gründe für dauerhaft niedrigen Blutdruck. Das Hautarzt wird sich die Schilddrüse des Patienten vornehmen, die Adern, die Elektrolyte (Salze) im Blut; er wird, sofern er nicht weiterkommt, auch an Krankheiten wie die Störung der Hirnanhangdrüse denken oder den Morbus Addison, eine Fehlfunktion in der Nebennierenrinde. Aber keine Sorge: Die tauchen häufiger in den Lehrbüchern der Ärzte als in deren Praxis auf.

Es gibt nicht viele Therapien für niedrigen Blutdruck

Trinken, trinken und abermals trinken: Dieser kategorische Imperativ ist für Hypotoniker wichtig. Salz in der Nahrung ist für sie nicht schädlich, sondern hilfreich, weil es im Körper Flüssigkeit bindet, wodurch sich das Volumen in den Gefäßen erhöht und der Blutdruck steigt. Hypotoniker sollten sich auch viel bewegen, weil sich der Körper die Blutdruckanforderung bei Sport dauerhaft merkt und seine hormonelle Situation modifiziert. Die weiteren Tipps des Lehrbuchs zitieren wir nur aus Gründen der Vollständigkeit: Wechselnd warme und kalte Duschen wirken ungemein belebend, ebenso Kaffee oder Tee. Aus dem medizinischen Kochbuch eine letzte Empfehlung: Auch Hülsenfrüchte und Lakritz kurbeln den Blutdruck an. Lecker!

Quelle: RP
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