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Pilotprojekt an Hennefer Schule
Wird in NRW bald Wiederbelebung unterrichtet?

Das sollen Schüler in Sachen Wiederbelebung lernen
Das sollen Schüler in Sachen Wiederbelebung lernen
Hennef. 80.000 Menschen pro Jahr sterben in Deutschland am plötzlichen Herztod. Viele von ihnen könnten noch leben, wenn ihnen sofort geholfen würde. Experten machen sich darum stark dafür, dass Kinder im Unterricht Reanimation lernen. In NRW könnte es bald soweit sein. Von Tanja Walter

Beim plötzlichen Herztod – hierzulande dritthäufigste Todesursache – ist die Chance zu überleben schlecht. Und das, "obwohl hier das beste Rettungssystem der Welt existiert", sagt Bernd Böttiger. Als Chef der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin an der Uniklinik Köln und Vorsitzender des Deutschen Rates für Wiederbelebung (GRC) muss er es wissen. Im Schnitt braucht der Rettungswagen acht bis zwölf Minuten bis er vor Ort ist. Doch schon nach drei bis fünf Minuten ohne Sauerstoff beginnt das Gehirn zu sterben. Pro Minute, die bis zum Beginn der Reanimation verstreicht, verringert sich die Überlebenswahrscheinlichkeit um zehn Prozent, informiert die Stiftung Deutsche Anästhesiologie. Ohne umgehende Hilfe überleben die meisten Betroffenen nicht.

Herzmassage vervierfacht Überlebenschance

"Die sofortige Herzdruckmassage durch einen Laien verdoppelt bis vervierfacht die Überlebenschance", sagt Böttiger. Doch viele Menschen sind zu unsicher und trauen sich die Wiederbelebung eines Menschen nicht zu. Das ist besonders dramatisch, weil es sich in nahezu dreiviertel der Fälle um Familienangehörige oder Bekannte handelt.

So wie an einer Hennefer Gesamtschule. Dort kippte im Januar 2013 ein zwölfjjähriger Schüler unerwartet beim Bolzen auf dem Fußballplatz um und blieb regungslos liegen. Eine 16 Jahre alte Mitschülerin bekam den dramatischen Zwischenfall mit und reagierte sofort: Sie stellte fest, dass der Junge weder atmete noch Lebenszeichen hatte und begann mit einer Herzdruckmassage. Gelernt hatte sie das im freiwilligen Sanitätskurs beim Roten Kreuz. Ohne nachzudenken, machte sie die richtige Stelle auf dem Brustbein des Mitschülers aus und drückte immer wieder kräftig auf den Brustkorb. 100 Mal pro Minute. So lange, bis der Notarzt kam. Mit ihrer Entschlossenheit rettete sie dem Jungen das Leben.

Nach Vorfall an Schule startet Wiederbelebungsprojekt

"Ich habe davon gehört, später Kontakt mit den beiden Familien aufgenommen und sie getroffen. Das war für mich einer der bewegendsten Momente, die beiden vor mir sitzen zu haben und den Zwölfjährigen zu sehen, der sonst tot wäre", erinnert sich Böttiger. An der Hennefer Schule kommt durch diesen Vorfall und den Kontakt nach Köln ein Vorzeigeprojekt ins Rollen: Reanimation soll kein Zufall bleiben. Darum macht ein Team des Kölner Uniklinikums dort die Schüler einer ganzen Jahrgangsstufe fit in Sachen Wiederbelebung. "Prüfen, rufen, drücken" lautet die Kurzformel, mit der das Ärzteteam schult:

  1. den Menschen ansprechen,
  2. an Mund und Nase horchen, ob der zu Rettende noch normal atmet. Wenn nicht:
  3. Hilfe herbeirufen – also Passanten und den Rettungswagen über den Notruf 112
  4. und dann mit der Herzdruckmassage beginnen.

Das, was die Hennefer Schüler nun können, ist ein Ausnahmefall. Denn nur in 30 Prozent der Fälle legen Laien bis zum Eintreffen des Notarztes Hand an und halten per Herzdruckmassage von außen den Kreislauf des Betroffenen in Gang.

Wiederbelebung in drei Schritten

Wer Reanimation früh lernt, beherrscht es wie Radfahren

In den Niederlanden ist das anders. "Dort liegt die Laienreanimationsrate bei 60 Prozent, in den skandinavischen Ländern sogar bei 80", sagt Böttiger. Der Grund dafür: Reanimation wird verpflichtend in der Schule unterrichtet. "Im Alter von zwölf bis 13 Jahren reagieren Kinder sehr motiviert und lernen viel leichter, anderen zu helfen. Wie Schwimmen oder Radfahren werden die Kinder dann nie mehr vergessen, wie man Leben rettet", sagt Böttiger.

Darum macht er sich gemeinsam mit dem Deutschen Rat für Wiederbelebung und Fachgesellschaften auch hierzulande dafür stark, Reanimation als Unterrichtsinhalt fest zu etablieren. So wie es auch die Weltgesundheitsorganisation unterstützt.

In NRW könnte Reanimation an Schulen 2017 starten

Im Juni 2014 hat die Kultusministerkonferenz (KMK) in Düsseldorf beschlossen, die Laienreanimation jährlich ab den siebten Klassen in den Schulen Deutschlands zu unterrichten. Reanimationsunterricht könnte in den Schulen seitdem längst auf den Lehrplänen stehen. "Leider ist dieses Vorhaben bis heute so gut wie noch nicht umgesetzt worden", sagt Böttiger. Denn die Bundesländer sind nicht verpflichtet, der Empfehlung der KMK zu folgen.

Nun könnte in NRW Bewegung in das Vorhaben kommen. Beim Auftakt zur Woche der Wiederbelebung wird Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe am 19. September in Berlin ein nationales Aktionsbündnis vorstellen. Als Triebfeder des Deutschen Rats für Wiederbelebung ist Bernd Böttiger zuversichtlich: "NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann hat signalisiert, dass ein Erlass im Jahr 2017 möglich sein könnte. Dann wäre NRW nach Mecklenburg-Vorpommern das zweite Bundesland, in dem flächendeckend an den weiterführenden Schulen Wiederbelebung zum Unterrichtsinhalt wird."

Hier können Sie die drei Schritte der Wiederbelebung im Überblick nachlesen.

Wenn Sie wissen möchten, was die Schüler in Zukunft im Unterricht über Wiederbelebung lernen sollen, lesen Sie hier weiter.

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