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Universität Düsseldorf
Kleinster Herzschrittmacher der Welt eingesetzt

Düsseldorf. In Düsseldorfs Uniklinik wurde gestern erstmals ein Gerät gegen zu langsamen Herzschlag über einen Katheter implantiert. Es ist zugleich der kleinste Schrittmacher der Welt. Von Wolfram Goertz

Völlig losgelöst von der Erde - die winzige Kapsel scheint zu schweben. Um 11.03 Uhr hat sie sich gleichsam von der Trägerrakete abgekoppelt, und Kardiologe Dong-In Shin ruft mit einer Freude, der man die Erleichterung anmerkt, dass alles jetzt "exzellent" sei. "Micra", das von Shin gesteuerte und in Deutschland noch unbekannte Flugobjekt, hat seine endgültige Parkposition in der rechten Herzkammer des Patienten Erich Boes erreicht. Dort sorgt "Micra" von Stund an für einen neuen und perfekten Takt, einen besseren als früher, da es in Boes' 82-jährigem Herz zunehmend langsam und störanfällig zuging; er benötigte dringend einen Herzschrittmacher.

Doch bekommt Herr Boes nicht etwa ein konventionelles Schrittmacher-Aggregat nach Art einer Blechschachtel nahe dem Schlüsselbein unter die Haut gepflanzt, von wo aus Elektroden wie Antennen ins Herz ragen. Nein, Boes' "Micra" nistet jetzt im Herz selbst, ohne Sonde, ohne Elektrode; das Gerät ist nur ein Zehntel so groß wie ein herkömmlicher Schrittmacher. Es wiegt 1,75 Gramm, ist 26 Millimeter lang und hat einen Durchmesser von 6,7 Millimetern. Ein Nichts als Kraftpaket. Gestern Nachmittag war Jungfernpatient Boes wohlauf. Nichts zwickte, keine Narbe und keine Naht am Brustkorb, nur ein kleiner Schmerz in der Leiste. Von dort wurde ihm "Micra" wortwörtlich einverleibt.

"Micra", die sogenannte "Kardiokapsel", wurde nicht vom Autobauer Nissan konstruiert, sondern vom Medizintechnikkonzern Medtronic. "Micra" kann auch nicht allein fahren; darin gleicht das Ding dem legendären U-Boot in Richard Fleischers Science-Fiction-Film "Die fantastische Reise", in dem ein Blutgerinnsel im Gehirn durch Ärzte beseitigt wird, die sich zuvor ebenso wie das U-Boot auf Mikrobengröße haben schrumpfen und ins Gefäßsystem einschleusen lassen. Und natürlich geht es gestern ein wenig spacig zu im Herzkatheterraum der Universitätsklinik Düsseldorf; man wähnt sich irgendwo zwischen Miniatur-Raumfahrt und Zukunftsmärchen. Im OP-Team gibt es sogar Witze ("Houston, wir koppeln jetzt ab!") - Humor hilft im Moment höchster Konzentration und Anspannung, den geistigen Pulverdampf zu entsorgen.

Es ist ein denkwürdiger Moment für die deutsche Kardiologie. Zum ersten Mal überhaupt wird ein Herzschrittmacher über die Leistenvene mit einem komplizierten Kathetersystem direkt in die Herzkammer vorgeschoben, mit sich filigran abspreizenden Häkchen in der Herzinnenwand verankert und dann in die Selbstständigkeit entlassen. Einfach abgekoppelt, Shin muss nur an einem Faden ziehen. Bis diese Autonomie erreicht ist, muss der leitende Rhythmus-Experte in der kardiologischen Uniklinik den Winzling mehrfach umdirigieren, genauer gesagt: Er ist zu einem Einparken in fünf Zügen gezwungen. Der Schrittmacher muss nämlich auf der Idealposition ruhen, von wo er das lahmende Herz von Herrn Boes am effektivsten stimuliert; diese Position lässt sich über eine externe Programmier-Abfrage genau lokalisieren. Das ist zwangsläufig ein Fall fürs Experiment, für die Methode Versuch und Irrtum. Die freigesetzte Kapsel muss also einige Male zurück auf das tragende Kathetersystem geholt und dann an anderer Stelle erneut freigelassen werden.

Doch als Shin sein "exzellent" ruft, weiß er in diesem Augenblick: "Micra" sitzt perfekt, hat Luft, wackelt nicht - und die Batterie dieses Schrittmacher-Gnoms wird zehn Jahre lang halten. Kardiologen können so etwas genau berechnen. Sollte Patient Boes dann noch leben, was mit einem Schrittmacher nicht unmöglich ist, kann neben dem ersten Gerät noch ein zweites geparkt werden. Auch das hat Shin bereits ausprobiert, als er für diesen wegweisenden Eingriff über längere Zeit im Medtronic-Zentrum in Minneapolis (USA) trainiert wurde.

Das Herz als Friedhof für Elektroschrott - diese Vorstellung über eine Aggregatsammlung hinter dem Brustbein ist einigermaßen befremdlich. Andererseits ist der Körper vieler Menschen ein Ersatzteillager. Kronen im Mund, Hörgeräte am Ohr, künstliche Gelenke in der Hüfte - das ist medizinischer Alltag in unserer immer älter werdenden Gesellschaft. Bei dieser Klientel ist unter bestimmten Konstellationen und bei gewissen Vorerkrankungen eine Herzschrittmacher-Implantation über die Vena subclavia, die unterhalb des Schlüsselbeins entlangführt, nicht oder nur schwer möglich. Solche Patienten sind dann schwer gefährdet, denn ihr zu langsamer Herzschlag verursacht Probleme - von einer Leistungsschwäche bis zu Schwindel und Ohnmachtsanfällen. Ohne Schrittmacher kann es kritisch werden. Diesen Patienten hilft jetzt "Micra".

Die Zukunft wird zeigen, ob das etwa 10 000 Euro teure Gerät den herkömmlichen kleinen Blechkasten ersetzen kann. Eine Alternative besitzen die Kardiologen der Welt jetzt auf jeden Fall, und Herr Boes ist der deutsche Prototyp. In der Düsseldorfer Medizingeschichte ist er nicht der erste prominente kardiologische Fall: 1961 implantierte hier Heinz-Joachim Sykosch einem 19-jährigen Patienten den ersten Herzschrittmacher in Deutschland. Heute, 54 Jahre später, dringt sein Erbe Dong-In Shin gleichsam in die nächste Generation vor.

Und wenn Herr Boes demnächst in ein Flugzeug steigt, wird er bei der Durchleuchtung etwas zu erzählen haben und auf sein Herz zeigen: Hier drin, da sitzt ein Zwerg, der mir das Leben rettet!

Quelle: RP
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