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Bei Schlafstörungen
Können Schlafapps das Schlaflabor ersetzen?

Bilder: Diese 6 Apps wollen uns beim Schlafen helfen
Bilder: Diese 6 Apps wollen uns beim Schlafen helfen FOTO: Minerva Studio/ Shutterstock.com
Klingenmünster. Stress und Sorgen, zu viel Kaffee oder eine späte Mahlzeit – es gibt viele Dinge, die uns den Schlaf rauben. Schlaf-Apps sollen helfen. Sie überwachen die nächtlichen Ruhestunden, werten sie aus und sollen den besten Zeitpunkt finden, uns aufzuwecken. Schlafforscher warnen jedoch.   Von Tanja Walter

Haben Sie schon mal versucht, jemanden aus dem Tiefschlaf zu wecken? Das kann ganz schön schwierig sein und sorgt oft für Missstimmung auf beiden Seiten. Viel einfacher wären Weckversuche, wenn der Schlafenden schon wieder in einer Leichtschlafphase ist und das Land der Träume ein Stückchen näher an der wahren Welt liegt.

Genau diesen Zeitpunkt abzupassen, versprechen Schlaff-Apps wie "Sleep Cycle, Sleep Better" von Runtastic oder auch "Beddit". Damit soll der Morgenmuffelei ein Ende gesetzt werden. Denn das Smartphoneprogramm soll die Jobs von Mutter, Wecker und Schlaflabor zugleich übernehmen: Nach Einstellen der gewünschten Weckzeit am Vorabend dudelt die App spätestens zum gewünschten Zeitpunkt - oder eine halbe Stunde vorher in einer Leichtschlafphase - los. Genau dann, wenn das Aufstehen leichter fallen soll als im Tiefschlaf.

Wer dann im Dämmerzustand auf sein Handy schaut, der kann auf einen Blick erkennen, wie effizient er geschlafen hat und zudem über bunte Balkendiagramme tiefere Erkenntnisse über Länge und Tiefe des Schlafes gewinnen. Einsichten in den eigenen Biorhythmus sind inklusive, manchmal dekoriert durch Mondphasen und im besten Fall, gibt es sogar Hinweise auf Schlaferkrankungen.

Schlafforscher bemängeln, dass solche Ergebnisse, die Apps nach der Nacht auswerfen, vollkommen irreführend und ungenau sind. FOTO: Tanja Walter

Wie soll das funktionieren?

Die Analyse beruht im Wesentlichen auf Bewegungsaufzeichnungen während des Schlafes. Einige Apps nehmen Schlafgeräuschen auf oder ermitteln die Informationen über Gadgets, wie Matratzengurte oder Tracker am Handgelenk, Puls oder Herztätigkeit. Wer mag kann sich außerdem mit Meeresrauschen oder dem Geräusch wehender Herbstblätter ins Land der Träume begleiten lassen. Bevor man sich allerdings bettet, sollte man nicht vergessen Zusatzdaten wie späte Mahlzeiten oder das Stresslevel des Tages einzutippen - und sich gegebenenfalls auch zu übermäßigem Kaffeekonsum bekennen. So komplettiert sich in dem Programm ein Bild, das am nächsten Morgen bunt auf dem Minibildschirm flackert. Wenig Bewegung heißt Tiefschlaf, mehr Gewälze Leichtschlaf.

Das kann das Schlaflabor, was die App nicht kann

Dass das grundsätzlich so ist, bestätigt auch Schlafforscher und Diplom-Psychologe Dr. Hans-Günter Weeß. Allerdings steht für den Somnologen außer Frage, dass es nicht alles sein kann. Denn um zuverlässige Aussagen über den Schlaf und dessen Qualität zu treffen, müssen verschiedenste Biosignale im Schlaf richtig interpretiert werden. "Wir messen die elektrischen Hirnströme mittels EEG, die Muskelspannung und auch die Augenbewegungen", sagt der Leiter des Schlafzentrums im Pfalzklinikum. Nur in der Gesamtauswertung all dieser Parameter lassen sich Aussagen über die Dauer und Häufigkeit einzelner Schlafphasen treffen. Mancher bewege sich auch im Tiefschlaf häufig, andere hingegen lägen wie tot im Leichtschlaf. Darum seien seriöse Aussagen über die Schlafqualität anhand solcher Apps nicht möglich.

Zehn Regeln für bessere Schlafhygiene FOTO: dpa, Hans Wiedl

Warum Schlafmedizinern Schlafapps für unzuverlässig halten

Selbst beim Einsatz von Zusatzgadgets wie Matratzenbändern könnten lediglich diffuse Messungsergebnisse ermittelt werden. Das bemängelt auch die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung. "Wer sich mit diesen Apps näher beschäftigt, wird schnell erkennen, dass Angaben zu wissenschaftlich basierten und normierten Auswerte-Algorithmen fehlen", moniert deren Vorsitzender Dr. Alfred Wiater. Es fehle die wissenschaftliche Objektivität und auch Validität.

Noch kritischer wird es, wenn es um Schlafstörungen gehe. Fahnden Schlafmediziner nach Erkrankungen wie Schlaf-Apnoe, Ein- und Durchschlafstörungen oder Schlafwandeln, werden noch mehr Parameter nötig. Atmungsdaten oder die Sauerstoffsättigung im Blut gehören dazu. "Tragisch wird es dann, wenn sich Menschen in Sicherheit wähnen und darauf vertrauen, dass die Smartphone-Ergebnisse stimmen", sagt Weeß.

Die Technik ist nutzlos ohne den Menschen

Ohnehin ist meist der Leidensweg, der im Schlaflabor ein Ende findet, lang. Denn nicht jeder, der an seiner Schlafqualität zweifelt, meldet sich gleich dort an. Zu verlockend scheint die Aussicht, mit geringem Aufwand und für wenige Cent den Fall zu Hause zu klären. Doch Mediziner Dr. Weeß winkt ab. "Die Software für einen Messplatz im Schlaflabor kostet bis zu 20.000 Euro. Sie ist nach medizinisch-wissenschaftlichen Standards zugelassen und ich kann sagen, dass sie zwar eine automatische Auswertung anbietet, diese aber nur sehr eingeschränkt nutzbar ist." Es ist und bleibt der Mediziner, der aus sehr viel mehr Daten, als sie ein Smartphone in der Lage ist aufzuzeichnen, ein Gesamtbild zeichnet und eine Diagnose stellt.

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"In den professionellen Programmen, die in Schlaflaboren zur Hilfe genommen werden, stecken Jahrzehnte wissenschaftliche Erfahrung und Entwicklung", so der Somnologe. Wenn selbst dort eine automatische Auswertung nicht gelinge, dann sicherlich erst recht nicht bei Programmen, die nur ein paar Cent kosten. Alleine in Hinblick auf die beste Schlafdauer seien große individuelle Abweichungen möglich. Bei 75 Prozent der Deutschen liegt die optimale Schlafdauer bei sechs bis acht Stunden. Aber es gibt auch Menschen, die mit deutlich weniger auskommen. "Napoleon soll drei Stunden täglich geschlafen haben, Einstein hingegen elf Stunden – beide haben es zu etwas gebracht", sagt Weeß.

Trotz aller Kritik an den Apps zeigen sich die Schlafwissenschaftler jedoch offen, sie auch in ihrem Fachbereich einzusetzen. Gut entwickelte Apps könnten zum Beispiel bei der ersten Suche nach Anzeichen für krankhaftes Schnarchen im Vorscreening zu Hause sinnvoll sein.

Andere Gründe für eine durchwachte Nacht

Nicht in jedem Fall ist eine organische Schlaferkrankung der Grund für wache Stunden in der Nacht. Manchmal können belastende Ereignisse oder ein zu hoher Stresspegel für durchwachte Nächte sorgen. Wichtig ist es besonders dann, auf gute Voraussetzungen für einen gesunden Schlaf zu achten. Schlafstress verursachen Licht, Lärm und zu hohe Temperaturen. Ein gut abgedunkeltes Zimmer gehört nach Empfehlung der Schlafmediziner ebenso zu einer guten Schlafumgebung wie eine gute Matratze und regelmäßige Schlafzeiten. Weitere Tipps für einen gesunden Schlaf finden Sie hier

Lassen trotz guter Schlafbedingungen die Einschlafprobleme nicht nach oder dauert das Einschlafen dauerhaft länger als 30 Minuten, sollten Sie mit einem Mediziner darüber sprechen. Auch dauerndes nächtliches Aufwachen mit anschließenden langen Wachphasen, Konzentrationsprobleme am Tag, Muskelzuckungen in der Nacht oder Kribbeln in Armen und Beinen sind Anzeichen dafür, dass Sie einen Arzt brauchen.

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