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ADHS bei Kindern
Hunde bringen Hyperaktive zur Ruhe

5 Fakten über ADHS
5 Fakten über ADHS FOTO: RPO
Düsseldorf. Immer mehr Kinder leiden an ADHS. Die Folge sind Probleme in der Schule, Streit zu Hause - und oftmals Tabletten. Jetzt macht eine neue Therapieform auf sich aufmerksam: Dank der Arbeit mit Hunden machen ADHS-Kinder rasant Fortschritte. Von Susanne Hamann

Karl Mayer ist ausgebildeter Erzieher und arbeitet seit Jahren in Kinder- und Jugendeinrichtungen für verhaltensauffällige Kinder. Seit 2003 integriert er Therapiebegleithunde in seiner Arbeit - und das mit großem Erfolg. Uns erklärt Mayer, wie er den Hund bei Kindern mit ADHS einsetzt, welche Effekte mit der tiergestützten Therapie zu erreichen sind, und was Eltern darüber wissen müssen.

Was machen Sie in der tiergestützten Therapie?

Mayer: Ich setze den Hund als Therapiemittel für das Kind ein. Das heißt der Hund wirkt als besondere Motivation, etwas bestimmtes zu tun. Bei ADHS-Kindern kann das zum Beispiel heißen, bei einer Entspannungsübung auch wirklich ruhig liegen zu bleiben, oder die Hausaufgaben zu machen.

Können Sie das an einem Beispiel erklären?

Mayer: Nehmen wir die Hausaufgaben. Gerade bei Kindern mit ADHS ist dies oft ein täglicher Streitpunkt, weil die Kinder alle möglichen Vermeidungsstrategien entwickeln. Plötzlich müssen sie aufs Klo, haben den Füller vergessen und so weiter. Hier kann man den Hund gut als Motivator einsetzen, indem sich das Kind während der Hausaufgabenzeit etwas Positives für sich selbst und für das Tier verdienen kann.

Wie funktioniert das?

Mayer: Wir arbeiten dabei mit Hilfe eines Punkteplans. Wenn das Kind es etwa schafft sich ruhig hinzusetzen, erhält es Punkte, die es für eine bestimmte Menge Spielminuten mit dem Hund eintauschen kann. Im nächsten Schritt geht es dann darum, dass das Kind es schafft, die erste Aufgabe zu beginnen oder den ersten Satz zu schreiben. Auch dann kann es sich Spielzeit oder Leckerlis für den Hund verdienen. Hat das Kind letztlich alle Hausaufgaben erledigt, erhält es ebenfalls Leckerlis.

Je nach Kind, braucht es dabei mehr oder weniger Belohnungsetappen in immer länger werdenden Zeitspannen um durch die Hausaufgaben zu kommen. Als Abschluss der Hausaufgabenzeit wird dann noch einmal gemeinsam mit dem Kind reflektiert, warum und wie viele Leckerlis es bekommen hat. Das ist wichtig für die Arbeit am nächsten Tag, und für die Selbsterkenntnis des Kindes. Denn auf lange Sicht soll es die Aufgaben ja auch ohne den Hund lösen können und wollen. Die Therapie basiert also auf einem "Belohnungssystem".

Könnte man dann nicht auch Süßes oder ähnliches statt einem Hund einsetzen?

Mayer: Ich habe fest gestellt, dass der Hund eine viel bessere Motivation ist als Schokolade. Wenn Kinder eine Aufgabe nicht schaffen, sagen sie bei Süßem schnell "Das hätte mir eh nicht geschmeckt" oder "Ich darf das eh nicht essen wegen den Zähnen". Der Hund aber schaut das Kind während der Reflektion erwartungsvoll an.

Und das Kind empfindet Schuldbewusstsein, weil es dem Hund nichts Gutes tun konnte. Außerdem freuen sich die Kinder auf die Interaktion mit dem Tier. Sie wollen seine Freude über das Leckerli erleben, es streicheln, mit ihm spielen. Das ist eine große Motivation, auch am nächsten Tag wieder gut mitzuarbeiten.

Die Therapie basiert also auf Empathie?

Mayer: Genau. Die Kinder denken sich erstaunlich gut in den Hund hinein. Sie merken zum Beispiel, dass sie dem Hund helfen, wenn sie bei der Mittagsentspannung ruhig liegen bleiben. Denn wenn sie herumalbern steht auch der Hund auf, um mit ihnen zu spielen. Das führt aber dazu, dass er gemahnt wird, weil er ja liegen bleiben soll.

Die Kinder helfen also dem Hund bei der Erfüllung seiner Aufgabe, wenn auch sie ruhig und entspannt liegen bleiben. Oder beim Mittagessen reden die Kinder nicht so laut, wenn der Hund dabei ist, weil sie wissen, dass er empfindliche Ohren hat. Manchmal sprechen sie sich auch gegenseitig darauf an, dass sie wegen dem Hund leiser reden müssen. So lernen die Kinder mit der Zeit, mehr auf andere zu achten und für ihre eigenen Bedürfnisse einzustehen.

Reagieren alle Kinder so positiv auf den therapeutischen Hund?

Mayer: Während meiner zehnjährigen Arbeitserfahrung mit Therapiebegleithunden würde ich sagen, dass gut 95 Prozent der Kinder, die ich betreut habe, eine starke positive Veränderung durch die Hundetherapie durchgemacht haben. Das heißt aber nicht, dass es immer auf Anhieb klappt. Manche Kinder haben Angst vor Hunden. Dann muss man sich langsam an die gemeinsame Arbeit herantasten, und dem Kind Zeit und Hilfestellung geben um die Angst abzubauen und gleichzeitig an Selbstvertrauen zu gewinnen.

Wie nachhaltig ist die Therapie?

Mayer: Die positiven Ergebnisse halten lange nach. Während der Arbeit achten wir darauf, dass das Kind die vielen positiven Erlebnisse als Vorteile für sich erkennt, und das neue Verhalten dadurch behalten will. Dann ist es wichtig die Hilfestellung durch den Hund Stück für Stück zurückzunehmen bis diese Verhaltensänderung auch ohne Unterstützung bleibt.

Wie lange dauert es bis die Kinder die positive Veränderung in ihrem Leben bemerken?

Mayer: Das ist sehr unterschiedlich. Bei manchen Kindern geht es extrem schnell. Gerade ADHS-Kinder haben oft große Probleme in der Schule, und haben deswegen fast nur Kritik erlebt.

Wenn dann durch die Arbeit mit dem Hund die Hausaufgaben auf einmal gemacht und auch noch richtig sind, und Lehrer und Eltern plötzlich anfangen das Kind zu loben, kann das sehr schnell zu einer so intensiven Stärkung des Kindes führen, dass die Unterstützung durch den Hund in diesem Bereich bald nicht mehr notwendig ist.

Ist es angesichts solcher Ergebnisse nicht sinnvoll, wenn Eltern von ADHS-Kindern einen Hund als Haustier anschaffen?

Mayer: Davon rate ich grundsätzlich ab, wenn dies rein zu Therapiezwecken geschehen soll. Zwar ist wissenschaftlich erwiesen, dass die bloße Anwesenheit eines Hundes dafür sorgt, dass das so genannte Oxytocin, ein Glückshormon, ausgeschüttet wird. Allerdings muss man sich mit Hunden gut auskennen, um wirklich einen therapeutischen Effekt zu erzielen.

Außerdem ist natürlich auch die Gefahr gegeben, dass eine Familie, die durch die ADHS-Problematik schon stark belastet ist, durch einen nicht richtig ausgebildeten Hund eine zusätzliche Belastung bekommt.

Unsere Hunde sind als Pädagogik- beziehunsgweise Therapiebegleithunde ausgebildet und werden alle zwei Jahre vom Berufsverband Therapiebegleithunde Deutschland e.V. auf ihre weitere Eignung geprüft. Sehr wichtig ist es auch, den Hund nicht zu überfordern und ihm neben seiner "Arbeit" mit dem Kind noch einen entsprechenden Ausgleich zu bieten. Die Arbeit muss dem Hund Spaß machen, damit die Verbindung zwischen Tier und Kind gut und zielführend funktioniert.

(anch/csr/rm/ham)
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