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Hypochondrie
Wenn die Angst vor Krankheiten das Leben bestimmt

Hypochondrie - bin ich gefährdet?
Hypochondrie - bin ich gefährdet? FOTO: dpa-tmn
Berlin. Der Bauch grummelt, im Ohr piepst es, und der Arm fühlt sich irgendwie taub an: Steckt etwa eine schlimme Krankheit dahinter? Menschen mit einer hypochondrischen Störung nehmen Körpersymptome intensiv wahr - und vermuten immer das Schlimmste.

Ein bisschen Hypochonder steckt wohl in jedem. Wer kann schon behaupten, noch nie über eine Krankheit gelesen und plötzlich die beschriebenen Symptome an sich selbst festgestellt zu haben? Im Normalfall vergeht die Sorge aber schnell wieder. Wer aber tatsächlich an einer hypochondrischen Störung leidet, tut sich schwer, seine Krankheitsängste loszuwerden. "Die Betroffenen haben ausgeprägte Ängste, eine wirklich ernsthafte Krankheit zu haben", beschreibt Iris Hauth, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) das Problem.

Ein wesentlicher Faktor der Störung ist eine übertriebene Selbstbeobachtung des eigenen Körpers: "Sie nehmen die Körperfunktionen sehr intensiv wahr", beschreibt Hauth. Das ist nicht zwangsläufig etwas Schlimmes: "Eine Beobachtung des eigenen Körpers ist sicherlich sinnvoll", sagt Harald Gündel vom Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM). Nur vermuten Hypochonder eben gleich das Böse im eigenen Körper.

"Der Prototyp des Hypochonders hat eine klare Hypothese", erklärt Gaby Bleichhardt, die ein Buch über die Behandlung von Hypochondrie und Krankheitsangst geschrieben hat. Er hat also eine feste Vermutung, an welcher Krankheit er leidet. "Die meisten Hypochondrie-Patienten haben Angst vor Krebs", so Bleichhardt. Dann folgen der Herzbereich und neurologische Erkrankungen.

Zum Kern der hypochondrischen Störung gehört aber nicht nur, seinen Körper sehr intensiv zu beobachten und die Beobachtungen negativ zu bewerten, sondern auch, sich nicht beruhigen zu lassen: So wirkt die ärztliche Aussage, dass alles in Ordnung ist, nicht langfristig, erklärt Gündel. Typisch ist, dass der Patient sich nach dem Arztbesuch erstmal besser fühlt, beschreibt Bleichhardt. Aber bald schon kommen die Zweifel zurück: Hat der Arzt auch tatsächlich gründlich genug untersucht, hat er nicht vielleicht etwas übersehen?

"Die Gedanken kreisen weiter", sagt Gündel. Die starke Fixierung auf die angenommene Krankheit beeinträchtigt das Lebensglück, erklärt Hauth. Es hat Auswirkungen auf das Privatleben, auf den Beruf, durchzieht den Alltag - und das über einen längeren Zeitraum hinweg.
Weil der erste Arzt nicht beruhigen konnte, geht der Betroffene zu einem anderen Arzt - und zu einem weiteren: Er wird zum Arzt-Hopper.

Doch nicht nur beim Arzt wird versucht, das Sicherheitsbedürfnis - kurzfristig - zu befriedigen. "Fast jeder Hypochonder liest - und liest viel", so Gündel. Auch das Internet dient zur Symptom-Suche. "Ich würde sehr davon abraten, bei hypochondrischen Ängsten ins Internet zu gehen", warnt Gündel. Erstens können Betroffene keine Eigendiagnose stellen. Und zweitens laufen sie Gefahr, mit den gefundenen Informationen ihre Ängste noch zu verstärken. Obwohl die Arztbesuche typisch sind, trifft das Verhalten nicht auf jeden Patienten mit einer hypochondrischen Störung zu: Manche meiden den Arzt auch, weil sie Angst haben, dass er etwas findet, erklärt Hauth.

Warum manche Menschen diese Störung entwickeln, lässt sich nicht eindeutig beantworten. "Eine ängstliche Charakterstruktur ist sicherlich ein Risikofaktor", sagt Gündel. Vielleicht sind sie auch bei ängstlichen Eltern aufgewachsen, fügt Bleichhardt hinzu. Häufig handelt es sich um Menschen, die in ihrem Leben bereits Erfahrung mit Krankheit und Tod gemacht haben. Die Schutzmechanismen - getreu dem Motto: Solch schlimme Ereignisse sind weit weg - funktionierten dann nicht mehr so gut, erklärt Bleichhardt. "Die frühe Lebenserfahrung, dass etwas Böses von außen kommen kann, wird auf den Körper verschoben", fasst Gündel es zusammen.

Zur Behandlung hat sich die kognitive Verhaltenstherapie als wirksam erwiesen, erklärt Hauth. Mittels Übungen am eigenen Körper sollen die Patienten zum Beispiel merken, wie stark sie sich darauf fokussieren, erläutert Bleichhardt. Die Gedanken werden relativiert. Außerdem arbeiten die Patienten daran, das Sicherheitsverhalten zu reduzieren und Unsicherheiten auszuhalten. Um sich mit der Angst auseinanderzusetzen, geht man mit den Betroffenen ihre schlimmsten Vorstellungen durch.

Beim psycho-dynamischen Ansatz wird gezielt nach Auslöserereignissen gesucht, sagt Gündel. So ein Ereignis kann zum Beispiel darin bestehen, dass ein Mensch, der bislang in festen Bezügen gelebt hat, in eine fremde Stadt oder ein fremdes Land umzieht. Auch Trennungen sind ein möglicher Auslöser. Dann wird versucht, das seelische Gleichgewicht wiederherzustellen.

Mit einer Therapie haben Betroffene gute Chancen, ihre hypochondrische Störung wieder in den Griff zu bekommen. Die Mehrheit reduziert dadurch die Krankheitsangst, sagt Bleichhardt. Aber: "Die Überbesorgnis kann man nicht wegtherapieren", sagt Hauth. Man erreicht im Idealfall lediglich, dass Patienten die körperlichen Empfindungen nicht immer fehlinterpretieren und ihr Sicherheitsverhalten abmildern - in Stresssituationen kann es aber wiederkommen. Die Mehrheit ist dank Therapie im Alltag aber nicht mehr so stark beeinträchtigt.

Auch für Angehörige ist die psychische Störung belastend. Sie können nur begrenzt helfen, denn den Betroffenen ständig zu beruhigen, ist keine Lösung, so Gündel. Vorsicht ist geboten, die Symptome abzutun: Die Betroffenen leiden erheblich und haben oft Selbstwertprobleme. Dann ist es besonders wichtig, sie ernst zu nehmen und zu motivieren, sich Hilfe bei Psychiatern und Psychotherapeuten zu holen, erklärt Hauth.

"Ich sehe, dass du leidest" - das sollten Angehörige ganz klar machen. Den Betroffenen zu unterstützen, heißt aber nicht, ihn zu jedem Arztbesuch zu begleiten. Ernst nehmen ohne mitzumachen, ist Gündels Rat für die Angehörigen.

(dpa)
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