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Gesundheit
Isolde muss nicht sterben

Gesundheit: Isolde muss nicht sterben
"Luft! Luft! Mir erstickt das Herz!" - Isolde mit ersten Symptomen einer seltenen Erkrankung, die man heutzutage mit moderner Medizin gut behandeln kann. Unser Bild zeigt Katarina Dalayman als Isolde an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin in der Regie von Stefan Bachmann. FOTO: dpa
Düsseldorf. Bayreuther Festspiele, Sonntag, 16 Uhr: Isolde wird in der Oper wieder über Tristans Leiche in dessen bretonischer Burg kollabieren. Wäre Isoldes Liebestod heute zu vermeiden? Wir erzählen, wie Ärzte sie mit Detektivarbeit retten könnten. Von Wolfram Goertz

Vallognac!"

Die Stimme von Dr. Charles Vallognac klingt barsch, denn er wurde soeben aus dem Tiefschlaf gerissen. Auf dem Wecker in seinem Schlafzimmer steht 0.45 Uhr. Er liebt seinen Job als kardiologischer Oberarzt im Centre Hospitalier, dem Krankenhaus der bretonischen Küstenstadt Saint-Malo, er liebt die Nähe zum Meer, die Nähe zum Finistère, das noch viel schöner ist als in diesen Kommissar-Dupin-Verfilmungen. Aber immer noch hasst er Anrufe, die seine Nachtruhe unterbrechen und ihn zur Arbeit zwingen.

"Hier Schwester Valérie. Oberarzt, ich muss Sie leider herbitten. Der Notarzt hat uns einen Fall von einiger Pikanterie angekündigt. Die Verlobte des englischen Königs Marke hat hier bei uns in der Bretagne, auf Burg Kareol, einen Herzanfall bekommen. Offenbar hatte sie einen Geliebten, der ist gestorben - und sie daraufhin kollabiert. Wirre Sache. Die sind in 15 Minuten hier."

Der Tumor in der Niere leuchtet: Bilder eines Phäochromozytoms aus einer nuklearmedizinischen Untersuchung. FOTO: Uniklinik Düsseldorf

Vallognac erkennt die Tragweite der Angelegenheit. "Und der Chef? Haben Sie schon Professor Duruflé angerufen? Ich meine, bei königlichen Patienten unserer britischen Nachbarn sollte man das vielleicht."

"Der geht nicht ans Diensthandy. Und seine Frau, die ich daheim erreicht habe, sagt, er besuche mit Freunden eine Degustation in einer neuen Calvados-Destillerie. Hat wohl das Handy stummgestellt."

Vallognac, ein alter Profi, schaltet in Gedanken gleich auf Autopilot. "Okay. Wenn sie kommt, sofort auf die Intensivstation. EKG, Blutdruck, großes Labor mit allem Pipapo, inklusive Infarkt-Markern und Gerinnungswerten. Ich fahre gleich los."

Als er in der Klinik eintrifft, ruft ihm der stets etwas nervöse Assistenzarzt Dr. Maxime Demoulin zu: "Ich habe die Dame schon untersucht, Oberarzt. 34-jährige, stark adipöse Dame, Verlobte eines gewissen Königs Marke, hört auf den Vornamen Isolde, Nachname unbekannt. Sie beklagt ein Engegefühl in der Brust mit Vernichtungsangst, Herzrasen und Schwindel. Der Blutdruck liegt bei 260/140 mmHg. Das EKG zeigt einen normalen, allerdings sehr schnellen Sinusrhythmus mit einigen Auffälligkeiten."

Vallognac schaut sich das EKG an. Die Veränderungen der normalen EKG-Teilstrecken lassen wirklich an ein ernstes kardiologisches Problem denken, sogar an einen Infarkt.

Ebenfalls im Raum ist Isoldes Dienerin, eine leicht hysterische Dame namens Brangäne. Sie berichtet davon, wie schlecht es Isolde schon am Tag vor dem Kollaps gegangen war. "Luft! Luft! Mir erstickt das Herz! Das rief sie", erzählt Brangäne. Sie habe das Fenster öffnen müssen. Später sei dann ihr Geliebter Tristan vor ihren Augen an den Folgen einer Verletzung gestorben.

"Was denn für eine Verletzung?", will Vallognac wissen.

"Nun, König Marke hat erfahren, dass seine viel jüngere Verlobte ein Verhältnis mit Tristan hatte", antwortet Brangäne, "beide haben zur Steigerung ihrer Lust sogar einen Liebestrank getrunken. Und dann hat ein königlicher Diener mit dem Schwert zugeschlagen."

"Haben wir von diesem Trank ein paar Tropfen?", fragt Vallognac.

"Ja, da müsste noch etwas im Fläschchen sein", sagt die Dienerin.

"Gut. Das Zeug in die Rechtsmedizin zur Uniklinik Rennes", ordnet Vallognac an. "Bei der Dame ein toxikologisches Screening. Und dann Herzkatheter-Untersuchung. Demoulin, Sie assistieren!"

Wie aus heiterem Himmel trifft in diesem Moment der Chef ein, der Kardiologe Professor Vincent Duruflé. Er hat die vielen Anrufe auf seinem Handy gesehen und dann aus der Destillerie zurückgerufen. Da die Patientin die Verlobte des englischen Königs ist, soll nichts falsch laufen. Er will den Eingriff selbst durchführen; er habe, sagt er, nur ganz wenig Calvados getrunken.

Alle Assistenzärzte drängen in den Untersuchungsraum, so eine künftige Königin hat man nicht alle Tage auf dem Tisch. Kaum hat der Chef das Kontrastmittel durch den Katheter in die Herzkranzgefäße gespritzt, sieht der ganze Saal, dass es kein Infarkt ist - die Gefäße sehen jungfräulich aus. Verwundert sind die Ärzte aber, als Duruflé diese Katheteruntersuchung erweitert. Er spritzt Kontrastmittel in die Herzkammern, und da zeigt sich auf dem Röntgenmonitor etwas Sonderbares: Der Pumpvorgang des Herzens ist gestört, die linke Hauptkammer zieht sich nicht mehr zusammen, sondern ist prall wie ein Ballon. Das kennen die Ärzte aus dem Lehrbuch, es ist eine Funktionsstörung des Herzmuskels, die unter massivem Stress auftreten kann; man nennt das Stress-Kardiomyopathie.

Duruflé ist jetzt nicht nur Chef, sondern auch Lehrer und fragt in die Runde: "Wie heißt die Krankheit außerdem noch?" Die Assistenzärztin Dr. Thérèse Fecamp meldet sich: "Tako Tsubo!" Duruflé ist zufrieden. "Warum heißt sie so?" Fecamp: "Einem japanischen Kardiologen ist mal aufgefallen, dass diese aufgepumpte linke Herzkammer aussieht wie eine japanische Tintenfischfalle namens Tako Tsubo. Deshalb."

Vallognac schaltet sich ein: "Hier, in westlichen Breiten, nennt man diese Störung viel griffiger ,Broken Heart Syndrom'. Vor allem Frauen bekommen sie, meist nach einem massiven Stresserlebnis." Duruflé: "Mademoiselle Fecamp, wie geht es weiter?" Ihre Antwort kommt sofort: "Stresshormone nachweisen!"

In diesem Moment wagt der gern etwas naseweise Assistenzarzt Aristide de Funès eine Frage, die ihm ein Sonderlob seines Chefs einbringt. "Aber Herr Professor, das ,Broken Heart Syndrom' bekommen doch nur deutlich ältere Frauen jenseits der Menopause. Jüngere Frauen werden durch ihr Östrogen vor diesem Stress-Orkan geschützt. Und unsere Patientin ist noch keine 40. Oder sehe ich das falsch?"

Duruflé ist in jovialer Professorenlaune. "Nicht schlecht! Warten wir das Labor ab. Einstweilen ist die Dame ja stabil." Alle verabschieden sich; Patientin Isolde wird zur Überwachung auf die Intensivstation zurückverlegt.

Am Morgen ruft Vallognac seinen Chef sofort an, als das Labor vorliegt. "Tatsächlich, sie hat eine Stresshormon-Schwemme. Aber wir müssen die eigentliche Ursache finden."

In der Kantine trifft Vallognac Dr. Sébastien Lebrun, Facharzt für Nierenleiden, mit dem er bisweilen Boule spielt. "Also, Sébastien, wir haben hier eine Rarität, noch dazu bei der Braut des englischen Königs." Er erzählt ihm den Fall.

Lebrun denkt nach - und macht dann ein verschwörerisches Gesicht: "Und wenn es das ist, an das wir jetzt beide denken?" Vallognac nickt: "Aber es ist so irre selten!"

Beide wissen, dass sie eine Rarität meinen: einen Tumor im Nebennierenmark, ein Phäochromozytom, das jene Stresshormone im Übermaß bildet. In diesem Moment setzt sich der etwas schusselige, aber liebenswürdige Nuklearmediziner Dr. Auguste Étoile zu den Kollegen. "Na, Jungs, was habt ihr für eine Verschwörermiene? Ist was passiert?"

Vallognac zu Lebrun: "Er hat es nicht mitgekriegt." Und zu Étoile: "Draußen steht Polizei ohne Ende, und Scotland Yard aus London sitzt bei uns auf dem Flur. Wir haben hier prominenten Besuch. Höchste Geheimhaltung." Er erzählt den Fall von A bis Z. Beziehungsweise bis P wie Phäochromozytom. Étoile blinzelt: "Ach, ihr denkt an ein Phäo? Dann schickt sie mir doch runter."

"Wie, in dein radioaktives Endlager?" Lebrun lacht breit, er ist Normanne. "Ja", antwortet Étoile "ich schiebe sie in die Röhre."

Isolde trifft nach französisch charmanter und tröstender Vorbereitung durch Professor Duruflé ("Das wird schon, Hoheit!") in der Abteilung für Nuklearmedizin ein. Dort wird ihr ein radiomarkierter Stoff gespritzt, der sich im Körper erwartungsgemäß vor allem an verdächtigen Stellen anreichert. Étoile klärt Isolde auf: "Wir suchen nach einem besonderen Tumor, der sehr viele Stresshormone produziert."

Als sich alle später erwartungsvoll das Bild auf dem Monitor anschauen, sieht man ihn schon von ferne leuchten, es ist in der Tat ein Phäochromozytom, dessen Aktivität zu den Symptomen des "Broken Heart Symptom" führen kann. Jetzt weiß Duruflé, dass er den Urologen Professor Pierre d'Artagnan braucht, einen schöngeistigen Mediziner, der beinahe Konzertpianist geworden wäre und in seinem Chefarztzimmer einen Steinway stehen hat.

"Pierre", ruft Duruflé laut, als er d'Artagnans Büro betritt, denn der Kollege sitzt am Klavier und spielt Debussys Stück "Untergegangene Kathedrale". Er unterbricht. "Vincent, was verschafft mir die Ehre?"

"Du musst das United Kingdom retten. Die Verlobte des englischen Königs ist bei uns Bretonen kardiologisch auffällig geworden, doch vor allem hat sie ein Phäochromozytom, und das zählt zu den urologischen Baustellen, oder?"

"Wo liegt die Dame?"

"Bei mir, auf der Intensivstation."

"Gut, ich sehe sie mir an."

Beide wollen noch etwas über Calvados aus privater Herstellung fachsimpeln, als Vallognac in den Raum stürzt. "Sorry, wenn ich störe, aber die Rechtsmedizin aus Rennes hat bereits ganze Arbeit geleistet. Sie haben Scopolamin in dem Fläschchen gefunden."

Duruflé lacht laut auf: "Also, dass eine englische Königsbraut Liebescocktails nimmt, wenn sie fremdgeht, haut dem Empire echt die Krone vom Kopf. Scopolamin, das ist doch eine Substanz wie Atropin. Wenn ich mich recht entsinne, wird sie aus Nachtschattengewächsen wie der Tollkirsche gewonnen."

Und d'Artagnan, der Feinsinnige, weiß eine weitere Besonderheit: "Schon im Mittelalter war Scopolamin ein beliebter Wirkstoff mit halluzinogenem oder erotisierendem Effekt. Jedenfalls haben wir jetzt die Kausalkette. Die Patientin trinkt die Droge, darauf erwacht ihr schlummernder Tumor, der sofort explodiert und maximal Stresshormone ausschüttet. Und dann kommt es - diese Fälle gibt es ja in der Fachliteratur - zu unserem ,Broken Heart Syndrom'. Das klingt abgefahren, ich weiß, hier stimmt es genau."

Schnell ist das Prozedere besprochen. Zuerst wird durch Medikamente unter anderem Isoldes turmhoher Blutdruck stabilisiert; sie bekommt Alpha-Blocker. Eine Woche später liegt sie bei d'Artagnan im OP. Alles verläuft planmäßig. Am Tag nach der Operation wird sie auf die urologische Privatstation verlegt.

König Marke sitzt an ihrem Bett, als sie die Augen aufschlägt. Sie ist verwirrt. "Ich habe Unrecht getan, König! Ich bin eurer nicht würdig!"

"Unsinn", sagt Marke gütig. "Ihr habt zu viel getrunken. Dann passiert das. Ich war auch mal jung. Jetzt wird erst einmal geheiratet." Isolde sagt kein einziges Wort. Von den Flitterwochen schickt das ungleiche Brautpaar eine Postkarte an die Klinik - aus Venedig.

Über eine Begebenheit dieser aufregenden Tage im Centre Hospitalier spricht man noch heute. Als Isolde in den OP-Raum geschoben wurde, durfte sie Musik zum Wegdämmern hören. Als sie gefragt wurde, ob Hoheit besondere Wünsche habe, antwortete Isolde: "Ich höre alles gern, auch Oper. Aber vielleicht nicht Wagner, da bekomme ich Herzklabastern."

Quelle: RP
 
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