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Gesundheit
Warum Kinderkopfschmerzen keine Bagatelle sind

Gesundheit: Warum Kinderkopfschmerzen keine Bagatelle sind
Immer mehr Kinder haben Kopfschmerzen, aber es fehlen Schmerzzentren zur Behandlung. (Symbolbild) FOTO: Shutterstock/Lopolo
Düsseldorf. Immer mehr Kinder in Deutschland leiden unter Kopfschmerzen. Und sie werden immer jünger: Schon bei Zwei- und Dreijährigen wummert es erbarmungslos im Schädel. Warum das neben Eltern auch Mediziner in Sorge versetzt. Von Tanja Walter

In den letzten 30 Jahren hat sich die Zahl der an Migränekopfschmerz leidenden Kinder einer finnischen Studie nach verdreifacht. Kopfweh zählt zu den häufigsten Gesundheitsproblemen bei Kindern, so ist es im aktuellen Arztreport der Krankenkasse Barmer zu lesen, der ebenfalls einen Anstieg der Diagnosen auch bei den 18- bis 25-Jährigen festhält.

"Lediglich auf dem Land ist die Situation etwas besser", sagt Andreas Straube. Er ist Vizepräsident der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft und arbeitet in der Neurologischen Klinik der Uniklinik München. Was er beobachtet: die Patienten werden immer jünger. Manchmal behandeln er und seine Kollegen aus der Neuropädiatrie schon Zwei- und Dreijährige, denen der Schädel schmerzt.

Test: Symptome, die auf Schulstress hindeuten FOTO: shutterstock/ Ilike

Jeder zehnte Gymnasiast muss wegen Kopfschmerzen zum Arzt

Am häufigsten sind jedoch Schulkinder betroffen. In einer groß angelegten Studie – der sogenannten MUKIS-Studie – hat Straube das gemeinsam mit einem Team aus Neurologen und Neuropädiatern aus München untersucht. Dazu wurden 1675 Gymnasiasten befragt. Das alarmierende Ergebnis: Vier von fünf der 12- bis 19-jährigen Kinder gaben an, im letzten halben Jahr Kopfschmerzen gehabt zu haben. Jeder zehnte Gymnasiast musste deswegen zum Arzt. Rund ein Viertel der Kinder nimmt darum regelmäßig Medikamente ein. Besonders häufig betroffen sind Mädchen.

Eine epidemiologische Studie von Wissenschaftler der Universität Greifswald unter 3300 Schülern kommt zu einem noch beunruhigenderen Schluss: Jedes zweite Mädchen und ein Viertel der Jungen zwischen 12 und 15 Jahren leiden demnach wiederholt unter wummernden Köpfen. Was den Medizinern Sorge macht: Nur jeder Vierte besuchte wegen der Beschwerden einen Arzt, obwohl mehr als 60 Prozent der Kinder Medikamente gegen die Schmerzen einnahmen.

Das hilft gegen Schulstress FOTO: dpa, Malte Christians

Nur vier Schmerzzentren für Kinder in ganz Deutschland

Auf der Station des Deutschen Kinderschmerzzentrums in Datteln werden überwiegend Kopfschmerzkinder behandelt. Sie kommen aus ganz Deutschland, denn die Zahl der Einrichtungen, die derart spezialisiert arbeiten, ist gering. In Deutschland gibt es derzeit lediglich vier Kinderschmerzzentren. Neben dem in Datteln eines in Stuttgart, Augsburg und Hamburg. Es drängt nach Auffassung der Experten nach mehr, da die Lebensbeeinträchtigung für die Kinder enorm hoch sei und die Familien sie alleine irgendwann kaum mehr bewältigen können.

Die Gründe: "Wenn Kinder vermehrt unter Schmerzen leiden, vermeiden sie körperliche Aktivität", sagt Zepp. Sie ziehen sich zurück, können ihren Alltag nicht mehr bewältigen. Manchmal kommt es dadurch zu vielen schmerzbedingten Fehltage. Laut Schätzungen werden in Deutschland eine Million Schultage wegen Kopfschmerzen versäumt.

Manche Familien entwickeln daraus nahezu eine Angst vor dem Schmerz. "Wir beobachten in diesen Fällen eine hohe Körperaufmerksamkeit", sagt Zepp. Kleinste Veränderungen werden wahrgenommen. Die Umwelt wird nach schmerzvoraussagenden Hinweisreizen abgesucht. Kinderkopfschmerz sei ein Leiden unserer Zeit, sagt Straube. Unsere Lebensumstände führten dazu. Sie seien auch Ausdruck von Stressbelastung. Was aber genau verursacht den Stress?

So erleben es Schüler, wenn sie später in die Schule dürfen FOTO: Tanja Walter

Das verursacht den Kindern Kopfschmerzen

Als besonders kritisch gilt der Wechsel von der Grundschule auf die weiterführende Schule. Prozentual treten danach am häufigsten Kopfschmerzen auf. Manche Kinder haben jede Woche Kopfweh. Manchmal entwickelt sich daraus ein Teufelskreis: Schmerzgeplagt können sie nicht in die Schule gehen. Durch die vielen Fehlstunden geraten sie auch sozial ins Abseits und in der Schule unter Notendruck. Denn mit Kopfschmerzen fallen nicht nur das Lernen aus, sondern auch gemeinsame Freizeitaktivitäten mit Gleichaltrigen. Zusätzlich können sie nur mit erheblichem Lernaufwand die versäumten Lerninhalte nachholen oder schlimmer noch: verlieren in der Schule den Anschluss. Beides erzeugt wiederum Stress und schafft damit die Grundlage für erneute Kopfschmerzen.

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Straube berichtet über eine 15-Jährige: Durch ständiges Kopfweh hatte sie oft gefehlt und wurde dadurch in ihrer Klasse zur Außenseiterin, wurde schließlich gemobbt. Unbewusst wurde die Migräne für sie zum unbewussten Ausweg, der Schule und den Torturen dort zu entgehen.

Unabhängig von solchen Teufelskreisen sieht Zepp auch andere Faktoren als Auslöser von chronischen Schmerzen. Die Anforderungen an Kinder und Jugendliche seien sehr hoch: Mancher Schultag entspricht der Länge eines Arbeitstages eines Erwachsenen.

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Auch Konfliktsituationen in der Familie verursachen vielen Kindern im wahrsten Sinne des Wortes "Kopfzerbrechen". "Wir wissen, dass die Trennung der Eltern ein Risikofaktor für chronischen Kopfschmerz bei Kindern ist", sagt Straube.

Wann man den Arzt einschalten sollte

Bei derart heftigen Reaktionen raten die Experten dazu, sich an den Kinderarzt oder an ein Kinderschmerzzentrum zu wenden. Ebenso dann, wenn die Kopfbeschwerden länger als zwölf Stunden dauern, täglich auftreten oder das Kind nicht zur Schule gehen kann. Das Problem nämlich: Treten immer wieder Schmerzen auf, können sich diese verselbstständigen. Die Reizschwelle sinkt. "Schließlich führen die wiederholten Schmerzerfahrungen zur Ausbildung eines Schmerzgedächtnisses", sagt Zepp. In Folge dessen wird man schmerzempfindlicher.

Denn bleibt beispielsweise Migräne im Kindesalter unbehandelt, behalten die Betroffenen nach Informationen der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrie und Jugendmedizin das Leiden zu 50 Prozent auch im Erwachsenenalter. Zudem besteht das Risiko, einen schmerzmittelinduzierten Kopfschmerz zu entwickeln. Er wird durch die häufige und regelmäßige Medikamenteneinnahme über Monate bis Jahre verursacht. Britta Zepp, Psychologin am Deutschen Kinderschmerzzentrum der Universität Witten/Herdecke kennt es, dass junge Kopfschmerzgeplagte übermäßig oft zu Schmerzmedikamenten greifen.

So wird den Kindern geholfen

In Einrichtungen wie dem Deutschen Kinderschmerzzentrum, aber auch in somatischen Schmerzkliniken, finden die Betroffenen Hilfe auf breiter Basis. Eine Schmerzbehandlung gehört ebenso dazu wie das Erlernen von Entspannungstechniken, der Beginn einer Sporttherapie und eine psychotherapeutische Behandlung. In ihr lernen Betroffene und auch ihre Familien mehr darüber, wie Schmerzen entstehen, welche emotionalen Belastungen zu Auslösern werden können und wie man der Stressfalle entgeht.

"Wir suchen nach individuellen Ablenkungsstrategien, die wir einüben", sagt Zepp. Dazu gehöre, schöne Dinge in seinen Tagesablauf einzuplanen, wie Schwimmen zu gehen oder Klavier zu spielen. Sie helfen, den Schmerz in den Hintergrund treten zu lassen. Das ist auch deshalb wichtig, weil es die Angst vor der Pein in den Hintergrund treten lässt und sie damit als Trigger ausschaltet.

"Allein die Aufklärung über Zusammenhänge und Arten von Kopfschmerzen tragen dazu bei, dass sich Schüler stabilisieren und die Kopfschmerzhäufigkeit abnimmt", sagt Straube. Auch das hat man wissenschaftlich an 1600 Schülern untersucht. Wer weiß, was die Schmerzen befeuert, der kann eher Strategien dagegen entwickeln. Viele fühlten sich dann der Migräne nicht mehr so hilflos ausgeliefert.

Um eine solch umfassende Versorgung flächendeckend anzubieten, halten die Experten den Ausbau von integrierten Versorgungszentren für wichtig. Der Antrag beim Innovationsfond der Bundesregierung ist angestoßen. "Ende des Jahres soll darüber entschieden werden", sagt Straube und hofft dann auf eine bessere Versorgung für die steigende Zahl kleiner Patienten.

 
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