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Neue Impfempfehlung für Kinder
Impfung gegen Rotaviren - sinnvoll oder nicht?

Rota-Virus-Schluckimpfung – Das sollten Sie wissen
Rota-Virus-Schluckimpfung – Das sollten Sie wissen FOTO: dpa, Patrick Pleul
Berlin/Heidelberg. Die Deutschen sind impfmüde. Nur jedes dritte Kind sei vor Masern geschützt, ganz zu schweigen von den Erwachsenen, moniert das Robert-Koch-Institut. Jetzt kommt eine Impfungempfehlung gegen hochansteckende Rotaviren hinzu. Schon seit vielen Jahren wird über deren Sinnhaftigkeit gestritten. Von Tanja Walter

Die Ständige Impfkommission sieht Handlungsbedarf in Sachen Rotaviren. Allein in den ersten vier Monaten dieses Jahres wurden dem Robert-Koch-Institut 26.893 Fälle der Durchfallerkrankung gemeldet. Es sind rund 6000 mehr als im Jahr zuvor.

Betroffene leiden an auslaugenden Symptomen. Bis zu 20 Mal am Tag müssen sie sich übergeben, obwohl der Magen längst gelehrt ist. Die wässrigen, oft mit Schleim vermengten Darmausscheidungen verursachen Krämpfe. Fieber und Muskelschmerzen machen zusätzlich schlapp. Die Hälfte der erkrankten Kinder wird auf der Intensivstation behandelt. Nicht nur wegen des Flüssigkeitsverlustes, sondern auch wegen der Entgleisung des Körper-Salz-Haushaltes. Weil Rotaviren der häufigste Auslöser für Durchfall bei Kindern bis zum dritten Lebensjahr sind, will man sie schützen. Aus diesem Grund empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) seit dem 1. August eine Schluckimpfung. Zur Verfügung stehen zwei Lebendimpfstoffe.

Nebenwirkung Darmeinstülpung

Neu sind diese nicht. Seit 2006 sind sie in Deutschland für Säuglinge zugelassen. Bislang hat sich die STIKO mit keiner Empfehlung so viel Zeit gelassen. Nicht ohne Grund, finden Impfkritiker: Ein erster Impfstoff, der 1998 in den USA bereits zugelassen wurde, geriet in Verruf, weil er Darmeinstülpungen, auch Invaginationen genannt, auslöste. Bei den neuen in Deutschland empfohlenen Stoffen ist das Risiko dafür sehr gering. Statistisch gesehen kommt es unter 100.000 geimpften Babys bei einem bis zweien zu der gefürchteten Komplikation. Am höchsten ist die Gefahr dafür in der Woche unmittelbar nach dem Piks.

Im schlimmsten Fall droht dann ein Darmverschluss oder –durchbruch. Die Kinder können nur durch eine Notoperation gerettet werden. Das macht den Kritikern starke Bauchschmerzen. Sie mögen einen Schutz mit derart möglichen Nebenwirkungen nicht empfehlen. Hinzu kommt ein weiterer Kritikpunkt. Die STIKO selbst schreibt über die Erkrankung: "Das Risiko, an einer Rotaviren-Infektion zu sterben, ist in Deutschland niedrig, und schwere lebensbedrohliche Krankheitsverläufe sind aufgrund der flächendeckend zugänglichen medizinischen Versorgung meist gut therapierbar."

Fast alle bekommen es – fast niemand stirbt daran

"Nach der Todesursachenstatistik ereignet sich bei unter fünfjährigen Kindern höchstens ein Todesfall pro Jahr, bei dem Rotaviren ursächlich mit beteiligt sind", sagt der Verein "Ärzte für individuelle Impfentscheidung". Dennoch drängt die Impfkommission für Deutschland in ihrem übrigens bislang nur auf Englisch erschienenen Hintergrundpapier auf die Präventivmaßnahme. Und hält mit internationalen Zahlen dagegen: 2,4 Millionen Kinder müssen wegen der Durchfallerkrankung weltweit im Krankenhaus behandelt werden. 453.000 Kleine unter fünf Jahren tötet das Virus jedes Jahr.

Tatsächlich ist eine Rotavirus-Infektion hierzulande zwar häufig – fast jedes Kind macht diese Krankheit bis zu seinem dritten Lebensjahr durch – doch sterben daran überwiegend Kinder in den Entwicklungsländern. Dort kann man die Kosten für einen Impfschutz nicht aufbringen. Die Durchfallviren sind die dritthäufigste Todesursache.

Zehn Erreger reichen für Infektion

Was das Virus allerdings überall mehr als nur unangenehm macht, ist seine hochinfektiöse Seite. In einem Milliliter Kinderstuhl können sich nach Angaben der Stiftung Kindergesundheit 100 Millionen Viren befinden. Zehn davon reichen schon zur Infektion aus. Weitergegeben wird der Erreger auch durch Husten, Niesen oder Spucke. In Gemeinschaftseinrichtungen wie Schulen und Kindergärten kann das zum Problem werden. So geschehen in Ostdeutschland, wo im September 2012 11.000 Menschen über verseuchte Erdbeeren aus China mit dem Erreger infiziert wurden. Dadurch wurde zuletzt der Ruf nach der schützenden Schluckimpfung laut. Die Möglichkeit ist nun gegeben und es bleibt bei den Eltern zu entscheiden, welche Argumente individuell stärker wiegen.

Ob die Rotavirus-Impfung bundesweit eine Pflichtleistung der Krankenkassen wird, entscheidet der Gemeinsame Bundesausschuss in den folgenden drei Monaten. Doch schon jetzt bezahlen die meisten Krankenkassen diese Impfung im Rahmen von Satzungsleistungen. Wünschen Sie die Impfung für Ihr Kind, will Ihre Kasse aber die Kosten nicht übernehmen, ist der Hinweis auf die Verfahrensweise bei den anderen Kassen hilfreich.

(wat)
 
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