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Gepanschte Krebs-Medikamente
"Man nimmt den Patienten ihre Chance auf längeres Überleben"

Apotheker in Bottrop: Diese Auswirkungen hat die Verfälschung der Krebsmittel
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Düsseldorf/Heidelberg. Tausende Krebs-Patienten sollen von einem Apotheker aus Bottrop zu niedrig dosierte Medikamente bekommen haben. Zwei Experten erklären, wie gefährlich das sein kann, was eine Immuntherapie überhaupt ist, und wie der Mann das Medikament verfälschen konnte.  Von Susanne Hamann

Was für ein Krebs-Medikament sollte der Apotheker in Bottrop herstellen?

Es gibt verschiedene Wege, um Tumore zu therapieren. Zu den bekanntesten gehören die Chemotherapie – bei der versucht wird, die Zellteilung zu verhindern – und die Bestrahlung – bei der entartete Zellen zerstört werden sollen.

Eine relativ neue Therapieform ist die sogenannte Immuntherapie. "Die Idee dahinter ist, dass der menschliche Körper in seiner Grundausstattung eigentlich durchaus in der Lage ist, Tumorzellen abzutöten", sagt Jürgen Krauss, Leiter der klinischen Immuntherapie am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. "Wir gehen sogar davon aus, dass das Immunsystem bis zu hundert Tumorzellen jeden Tag ganz automatisch abtötet." Diesen Mechanismus will die Immuntherapie verstärken oder reaktivieren, wenn er verloren gegangen ist. Dafür bekommen Krebs-Patienten bestimmte Infusionen – diese entsprechend der Anweisungen des Arztes herzustellen, war die Aufgabe des Apothekers.

Wie wirkt die Immuntherapie?

In der Immuntherapie soll der Körper so ausgerichtet werden, dass er Tumorzellen von selbst bekämpft. Das geschieht über die sogenannten T-Zellen. Sie sind Teil der körpereigenen Polizei, deren Aufgabe es ist, fremde oder krankmachende Zellen zu erkennen und unschädlich zu machen.

Allerdings sorgen im Körper verschiedene Mechanismen dafür, dass unnötige oder zu starke Abwehrreaktionen des Immunsystems gebremst werden. Tumore missbrauchen diese Immunkontrollpunkte oder auch Checkpoints, um die gegen sie gerichtete Immunabwehr außer Kraft zu setzen.

"Das geht, weil Tumore aus normalen Körperzellen hervor gehen. Das Immunsystem erkennt sie deshalb oft nicht als Fremdkörper oder Schädling", sagt Krauss. In der Immuntherapie werden deshalb sogenannte Immun-Checkpoint-Inhibitoren eingesetzt: Sie hemmen die Signale, lösen also gewissermaßen die Bremsen der T-Zellen und geben damit der Körperabwehr wieder die Möglichkeit, den Tumor zu attackieren.

Wie wirksam ist diese Therapie und wer bekommt sie verordnet?

2013 hat die Therapie mit den Immun-Checkpoint-Inhibitoren den Preis für den medizinischen Durchbruch des Jahres bekommen. Damals konnte in einer Studie mit 5000 Teilnehmern gezeigt werden, dass unter den Patienten, die auf das Medikament ansprachen, 20 Prozent einen langanhaltenden Rückgang der Krankheit zeigten. "Konkret bedeutet das: Die Patienten überlebten weitere zehn Jahre, ohne eine weitere Behandlung oder die Gabe von Chemotherapie. Das Immunsystem hat durch die Therapie gelernt, die Tumorzellen langfristig selbständig zu kontrollieren", sagt Krauss. "Das ist ein Ergebnis, das wir bei keinem anderen Medikament bislang verzeichnen konnten."

Die Studie sorgte umso mehr für Aufsehen, da die Therapie bislang nur Patienten verordnet wird, die mit anderen Verfahren keine Heilung mehr zu erwarten haben. Als besonders effektiv hat sich die Immuntherapie bei Malignem Melanom (Hautkrebs), Nierenkrebs und nicht kleinzelligem Lungenkrebs erwiesen. 

Wieso konnte der Apotheker die Medikamente überhaupt verdünnen?

Eine Aufgabe von Apothekern ist das Anmischen von Medikamenten. Dazu gehören längst nicht mehr nur Salben und Pulver, sondern auch komplexe Medikamente – wie etwa solche, die in der Krebstherapie eingesetzt werden. "Juristisch gesehen, darf das also jeder Apotheker herstellen", sagt Werner Heukling, Sprecher des Apothekerverbandes Niederrhein. "Praktisch können es aber nur wenige. Denn für die Herstellung von Krebsmedikamenten wird ein spezielles Labor benötigt. Und nicht nur die Medikamente selbst sind teuer, sondern auch die Utensilien, die dafür benötigt werden." Die Apotheke in Bottrop ist deshalb eine der wenigen in Deutschland, die die Möglichkeit hat, Krebsmedikamente zu produzieren. 

Die Medikamente werden deshalb vom Apotheker hergestellt, weil die Dosierung bei jedem Patienten anders ist. "Bei gängigen Medikamenten wie Kopfschmerzmitteln oder Antibiotika ist die Dosierung so ausgelegt, dass man sie bei einem Gewicht zwischen 55 und rund 100 Kilo jedem verschreiben kann, ohne einen Verlust der Wirkung zu haben", sagt Heuking. Bei speziellen Medikamenten sei das anders. Um die Nebenwirkungen in Schach und die Effizienz des Mittels möglichst hoch zu halten, muss die Dosierung an die Körpergröße angepasst werden, aber auch daran, ob der Körper viel Fett eingelagert hat. "Denn manche Medikamente werden dann langsamer abgebaut", so Heuking. 

Welche Konsequenzen hat die Verdünnung des Medikaments für die Betroffenen?

Unter den Begriff "Immuntherapie" fallen sehr viele Medikamente. Bislang ist nicht klar, welche Substanz genau von dem Apotheker hergestellt wurde. "Angesichts der Gewinnsumme von 2,5 Millionen Euro lässt sich aber vermuten, dass es sich um Medikamente mit Immun-Checkpoint-Inhibitoren handelt", sagt Krauss, Leiter der klinischen Immuntherapie am Deuschen Krebsforschungszentrum. "In diesem Fall beraubt man den Patienten um seine Chance auf ein längeres Überleben." 

Der Grund: In Deutschland bekommen bislang nur die Patienten das Medikament, bei denen der Krebs Metastasen in andere Bereiche gebildet hat. Sie gelten somit als nicht mehr heilbar. "In so einem Moment, setzt ein Patient natürlich enorme Hoffnung in ein neues Therapieprinzip. Diese zu enttäuschen, ist moralisch und ethisch einfach kriminell", sagt Krauss. "Immerhin darf man nicht vergessen: Es kann sein, dass ein Patient unter eben die 20 Prozent fallen würde, bei denen die Lebensspanne um zehn Jahre verlängert werden könnte. Ist das Medikament zu niedrig dosiert, tritt das aber nicht ein." 

Echten Schaden kann das Medikament allerdings nicht verursachen. Selbst bei einer Überdosierung wurde bislang kein giftiger Effekt festgestellt. Dennoch könnten Nebenwirkungen entstehen: "Autoimmunerkrankungen wie Entzündungen der Leber oder der Lunge können auftreten – und wenn der Patient ein verdünntes Medikament bekommt, kann es sein, dass er diese Nebenwirkungen durchmacht, ohne gleichzeitig von dem Medikament profitieren zu können."

Die Verfälschung des Medikaments hat außerdem Auswirkung auf die Daten, die derzeit intensiv gesammelt werden. "Die Therapie ist noch sehr neu und kommt immer mehr in die Arztpraxen, da es Hinweise gibt, dass sie die Chemotherapie ersetzen kann", sagt Krauss. "Ein verdünntes Medikament kann einerseits dazu führen, dass Ärzte langfristig die Nebenwirkungen unterschätzen, weil sie in der Vergangenheit nur selten aufgetaucht sind. Andererseits könnten sie die Wirkung des Medikaments für zu gering halten." Laut Kraus könnten solche Fehleinschätzungen die zukünftige Anwendung der Immuntherapie maßgeblich beeinflussen.

(ham)
 
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