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Krebs
Ein Besuch auf der Palliativstation in Düsseldorf

Krebs: Ein Besuch auf der Palliativstation in Düsseldorf
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Düsseldorf. Dem Sterben den Schrecken nehmen: Ein Besuch in der Uniklinik Düsseldorf. Wie spreche ich mit jemandem, der nicht mehr lange zu leben hat? Wie tröste ich ihn? Wie erfasse ich, was ihn umtreibt? Wie Ärzte und Pfleger in dieser Situation helfen. Von Wolfram Goertz

Nur noch wenige Wochen, vielleicht nur Tage hat sie zu leben, doch wer kennt schon die Zifferblätter des Todes, jedenfalls kommt in diesem Moment, um 11.35 Uhr, die Sonne heraus, und Frau Krüger*, die Patientin mit dem Krebs der Bauchspeicheldrüse, wünscht sich, mit ihrem Bett in diesen wunderbaren Garten gerollt zu werden, unter den riesigen Schirm. Zur Sicherheit bringt der Pfleger eine Creme mit hohem Lichtschutzfaktor, Frau Krüger soll sich um Gottes Willen keinen Sonnenbrand holen. Feierlich cremt sie sich ein, ein Sonnenbrand kann ja lästig und schmerzhaft sein, von solchen Plagen soll sie hier verschont bleiben.

Frau Krüger, der Garten, das Bett, der Pfleger, die Sonnencreme - man könnte meinen, die Szene spiele in einem Kurhotel. Tatsächlich möchten viele Menschen, die an einer lebensverkürzenden Krankheit leiden, noch einmal etwas unternehmen und buchen beispielsweise eine spektakuläre Reise. Frau Krüger ist einer von acht Patienten auf der Palliativstation des Universitätsklinikums Düsseldorf, kaum einer von ihnen wird noch verreisen können. Trotzdem möchte man ihr freudig zustimmen, wenn sie sagt: "Das ist hier wie eine Oase!"

Im Angesicht des Todes das Leben ausschöpfen - das ist die oberste Leitlinie der Palliativstation. Derlei ist natürlich leichter gehofft als erfüllt, denn hier muss fast täglich Abschied genommen werden. Die Hälfte der Patienten stirbt, die anderen gehen in ein Hospiz oder nach Hause. Auf der Palliativstation werden sie so intensiv betreut und medikamentös so gut eingestellt, dass sie keine physischen Schmerzen mehr haben, keine Luftnot, vielleicht sogar keine Angst.

Die Palliativmedizinerin und Anästhesistin Andrea Schmitz leitet das Interdisziplinäre Zentrum für Palliativmedizin. Sie ist eine behutsame Ärztin mit lebhaften Augen; sie wählt ihre Worte mit Bedacht und doch nicht zögernd. Ihr Stellvertreter Christian Schulz (ebenfalls Palliativmediziner, aber Facharzt für psychosomatische Medizin) führt soeben die Studenten herum. Das hier ist eine Station, auf der jeder Heilkundige lernen kann. Wie spreche ich mit jemandem, der nicht mehr lange zu leben hat? Wie tröste ich ihn? Wie erfasse ich, was ihn umtreibt? Wie ertrage ich, dass er sich gegen alles wehrt, zornig ist, abweisend, verschlossen, gehässig?

Solche Fragen kreisen und geistern täglich über die Station. Palliativmedizin ist kein Zuckerschlecken - an manchen Abenden kommen die Mitarbeiter erschossen nach Hause, an ihnen kleben Fälle, die an die Nieren gehen - und wer da keinen Ausgleich, kein Hobby, keinen lieben Menschen daheim hat, den kann Palliativmedizin bei lebendigem Leib auffressen. Deshalb achten die Mitarbeiter darauf, dass es ihnen selbst gutgeht in der Klinik. Dass sie Gehör finden, wenn sie der Schuh drückt, der Kummer plagt. Viele gewinnen aber gerade dem intensiven Umgang mit den Patienten etwas unerwartet Positives ab. So sagt die Physiotherapeutin Lisa Kordell: "Ich lache auf dieser Station mehr als auf allen Stationen, auf denen ich früher gearbeitet habe."

Ja, das Lachen ist nicht selten ein Überraschungsgast hier, wenn erst alle Sorgen der Sterbenden gelindert sind; wenn die Angehörigen Ruhe gefunden haben und akzeptieren, dass der Weg jetzt unumkehrbar ist. Freilich sind den Patienten auf dieser Palliativstation auch Sachen gestattet, die auf anderen Stationen kategorisch verboten sind. Sie dürfen - wenn ihnen danach ist - zum Frühstück nach Herzenslust schlemmen, sie dürfen ausschlafen, sie dürfen sogar Bier, Sekt oder Wein trinken. Auf der Palliativstation schaut jeder, dass die verbleibende Zeit des Patienten mit Leben gefüllt wird, nicht mit Tod. Die Zeit hier gewinnt Qualität. Sie dürfen malen. Sie dürfen herumschlurfen. Sie dürfen Hunde streicheln. Sie dürfen sich alles von der Seele reden. Sie können auch einen alten Familienstreit reparieren.

So etwas passiert hier häufig, dass die faulen Zähne des Lebens gezogen werden. Andererseits muss an diesem Morgen ein Patient wirklich in die Universitäts-Zahnklinik, weil die Folgen seiner letzten Chemotherapie auch in seinem Gebiss wüten. "Mit diesen Zahnschmerzen will ich nicht beerdigt werden", sagt der Mann mit einem grimmigen Lachen, das seine Umgebung ansteckt. Bald lacht das ganze Zimmer, lachen der Pfleger, die Physiotherapeutin und der Oberarzt - und der Patient lacht am lautesten und sieht glücklich aus. Ist das nur Galgenhumor? Abends wird er wieder etwas Süßes essen können. Wenn er dann noch lebt.

Nicht jeder will sich diese Lizenz zum Genuss aushändigen lassen, mancher klebt noch am Unfassbaren seines baldigen Tods. "Darüber darf er hier reden", sagt Andrea Schmitz, "nichts wird hier sanktioniert, nichts abgewürgt." Gespräche seien dazu da, dass jeder vom anderen etwas annimmt. "Keiner ahnt, was wir hier alles von unseren Patienten lernen. Die meisten von ihnen haben im Leben etwas Großartiges geleistet, das muss man nur aufstöbern." Einige Patienten verdrängen das Thema ihres Todes radikal, "das ist völlig okay, denn mancher stabilisiert sich dadurch, dass er verdrängt", weiß Schmitz. Doch wenn er sich öffnen will, ist immer einer da, der ihm zuhört. Auch eine Kunst guter Palliativmedizin: Traurigkeit aushalten und aushalten helfen.

Das kann nicht jeder, dazu muss man geschult sein. Deshalb ist das Team sorgfältig ausgesucht, wie ein kleines Orchester aus lauter wichtigen Stimmen und vielen Professionen: Medizin, Pflege, Psychoonkologie, Physio-, Kunst- und Hundetherapie, Sozialdienst, ehrenamtlicher Hilfe - und den Seelsorgern. Regelmäßig kommt auch ein Experte aus der Psychosomatik herüber und hält eine Supervision ab - er schaut dem Team wie ein sensibler Gutachter zu, wie es auch schon mal zweifelt. Da gibt es immer etwas zu durchleuchten, aufzuhellen, zu erklären, zu heilen.

Ohnedies sitzt das Team regelmäßig bei Fallbesprechungen zusammen, und es gilt die eiserne Regel: Jeder hört dem anderen zu. Da geht es zuweilen ans Eingemachte, etwa bei Herrn Simmler. "Was machen wir nur mit ihm?", fragt eine Krankenschwester an diesem Mittag um 12.18 Uhr. Dem Patienten geht es seit vergangener Nacht entsetzlich, er leidet an einem Bronchialkarzinom, ihn würgt schwere Atemnot, nichts hilft mehr. Jetzt driftet der Fall in eine medizinische Grenzsituation ab, in der das Team mit sich ringt und eine schwere, aber richtige Entscheidung fällt: für die palliative Sedierung. Das ist eine medikamentös kontrollierte Narkose, die andere Patienten von einer Darmspiegelung kennen. Herr Simmler, kaum ist er palliativ sediert, empfindet keine Schmerzen mehr, keine Luftnot - er schläft. "Aber es ist kein ärztlich assistierter Suizid", mahnt die leitende Oberärztin Andrea Schmitz, "sondern das Gegenteil: Der Patient stirbt mit der Sedierung, nicht an der Sedierung. Wir sind nicht in der Schweiz und nicht in den Niederlanden."

Und wenn er dann gekommen ist, der seit Tagen immer weniger gefürchtete Tod, wenn zugleich die Trauer der Angehörigen noch groß ist, weil niemand das Sterben und das Zurückbleiben gelernt hat - dann gibt es diesen kostbaren, fast rituellen Raum am Ende des Flurs, den Verabschiedungsraum. Dort können Angehörige und Freunde dem Toten nahe sein, und sie können die imaginäre Grenze, die sie von dem erkaltenden Körper zu trennen scheint, auf lebenspraktische Weise überwinden. Wenn sie es möchten, können sie den Toten bis zu 48 Stunden lang betrachten, können ihn mit dem Pflegepersonal gemeinsam waschen, kleiden, schminken, sie übernehmen sozusagen einen heiligen Teil seiner Bestattung. Und beim Wachen lernen sie das Loslassen.

Während Herr Simmler nun, um 15.48 Uhr, in der Tat unauffällig, ohne Kampf im Beisein von Frau und Kindern gestorben ist und in diesem Verabschiedungsraum liegt, hat Frau Krüger genug von der Sonne. Sie rollt im Bett zurück in ihr Zimmer. Bevor es in den langen Flur geht, flüstert sie zu ihrem Pfleger: "Ihr müsst gucken, dass die Blumen im Garten Wasser kriegen!" Der Pfleger nickt, alle wissen, wie wichtig der Garten ist, den Spender großzügig finanziert haben. Er ist ein Symbol des Lebens, mit dem sich die Patienten hier ein letztes Mal verbünden. Sein Grün ist zwar die Farbe der Hoffnung, der Garten ist aber auch ein Schirm, der über allen Patienten aufgespannt ist.

Pallium ist Latein und heißt Mantel. Hier, auf der Palliativstation, spendet er Wärme und Geborgenheit; dem Tod, der unausweichlich kommt, raubt er den Schrecken. Und er nimmt ihm seine Kälte.

(*Alle Patientennamen geändert.)

Quelle: RP
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