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Diagnos Krebs
Wie Bewegung die Nebenwirkungen der Chemo lindert

Krebs in Deutschland in Zahlen
Krebs in Deutschland in Zahlen FOTO: Radowski
Düsseldorf. Wer krank ist, hat den Reflex, sich zu schonen. Studien zeigen: Bewegung hilft Krebspatienten während der Chemo und wirkt als Krebs-Prophylaxe. Von Susanne Hamann und Tanja Walter

Krebs ist eine Krankheit, die Angst hervorruft und mit vielen Einschränkungen verbunden ist. Ab sofort ist der Alltag ein anderer. Viele sind müde, kraftlos und kämpfen mit den Nebenwirkungen von Chemotherapie und Bestrahlung wie Übelkeit, Taubheitsgefühlen in Händen und Füßen oder depressiven Phasen. Sich auszuruhen ist deshalb für viele die instinktive Reaktion.

Doch auch wenn es widersinnig erscheint: Mit einem individuellen Sportprogramm lassen sich diese Probleme in Angriff nehmen, teilweise sogar lösen. Das bestätigen immer mehr Studien. "Inaktivität ist das Schlimmste, das man einem Krebspatienten antun kann, denn sie generiert weitere Symptome", sagt Freerk Baumann, Leiter der Arbeitsgemeinschaft "Bewegung Sport und Krebs" an der Deutschen Sporthochschule Köln. "Nach fünf Tagen Bettlägerigkeit hat der Krebskranke 20 bis 30 Prozent seiner Kraft verloren. Erst ein Training von zwölf Wochen würde sie zurückbringen", sagt er.

FOTO: Ferl

Das Problem: Kraftlose Patienten können weder einer schweren Erkrankung noch einer intensiven Therapieform wie Chemotherapie und Bestrahlung etwas entgegensetzen. Denn Bettlägerigkeit führt dazu, dass das Herzvolumen nach nur neun Tagen um zehn Prozent abnimmt. Der Körper wird weniger mit Sauerstoff versorgt, wodurch das Herz-Kreislauf-System geschwächt wird. Auch die Blutproduktion nimmt ab. Das Immunsystem wird schwächer, das Thromboserisiko und der Knochen- und Knorpelabbau steigen an.

Oft sorgt die Behandlung einer Krebserkrankung dafür, dass Muskelzellen nicht mehr genügend Sauerstoff bekommen. Das zeigt sich für die Betroffenen in Blutarmut, Muskelveränderungen und damit verbundenen Fehlhaltungen. Folgen wie verringerte Lungenfunktion und körperliche Leistungsunfähigkeit drücken auf die Seele. Manchmal wird eine Depression daraus. "So entsteht ein Teufelskreis der Inaktivität: Wer sich schont, provoziert eine Verschlimmerung der Nebenwirkungen und eine Verschlechterung seiner Situation", sagt Baumann. Umgedreht zeigen Studien, dass durch regelmäßige Bewegung so gut wie alle Nebenwirkungen der Chemotherapie reduziert werden können - inklusive der Schmerzen und der Übelkeit.

"Dafür ist ein moderates Sportprogramm nötig, das an die jeweilige Situation angepasst ist", sagt Baumann. Betroffene sollten deswegen auch nicht einfach loslegen, sondern ihr Sportprogramm mit Sporttherapeuten absprechen. Grundsätzlich gelten aber auch für Krebspatienten die Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Demnach unterstützen 150 Minuten Sport pro Woche die Gesundheit optimal. Das entspricht etwa 30 Minuten Bewegung an fünf von sieben Tagen. Körperlich eingeschränkte Menschen können in dieser Zeit auch spazieren gehen; wichtig ist, sich überhaupt zu bewegen.

Besonders gute Studien zur Wirkung von Sport für Krebspatienten gibt es für das sogenannte "Fatigue-Syndrom". Fast 80 Prozent der Patienten sind davon betroffen, und für viele ist es neben der Übelkeit die belastendste Nebenwirkung der Krebstherapien. "Bei Fatigue erleben die Patienten eine extrem starke Erschöpfung, die teilweise noch über Jahre nach der Krebsbehandlung anhält - selbst, wenn der Krebs geheilt wurde", sagt Karen Steindorf, Leiterin der Abteilung Bewegung und Präventionsforschung des Deutschen Krebsforschungszentrums. Steindorf konnte in Studien mit knapp 300 Krebspatienten zeigen, dass das Fatigue-Syndrom bei Patienten, die zeitgleich zur Chemotherapie ein Bewegungsprogramm durchführen, gar nicht oder deutlich reduziert auftritt.

"Es ist sogar so, dass Bewegung noch mehr Linderung erzielt als Entspannungsprogramme, die bislang als bestes Hilfsmittel gegen Fatigue galten." In der Studie absolvierten Brustkrebspatientinnen parallel zur Chemo zwölf Wochen lang zwei mal pro Woche Krafttraining. "Natürlich ist das erstmal eine anstrengende Botschaft", sagt die Forscherin. "Jeder von uns kennt den inneren Schweinehund und weiß, dass es schwer ist, sich zum Sport zu motivieren, wenn es einem nicht gutgeht." Auf der anderen Seite bestätigt auch Steindorf: "Wer sich nicht bewegt, verschlimmert das Fatigue-Syndrom. Irgendwann sind die Betroffenen schon nach wenigen Metern Laufen erschöpft." Mit Sport ließen sich solche Zustände auch langfristig verhindern und somit die Lebensqualität deutlich steigern.

Warum Sport solch positive Effekte bei Krebserkrankungen hat, können die Wissenschaftler nicht genau sagen. Vermutet wird ein Zusammenspiel aus verschiedenen Faktoren, darunter etwa, dass durch Bewegung die Toxine der Chemotherapie schneller aus dem Körper ausgeschwemmt werden. Außerdem konnten Forscher zeigen, dass das Immunsystem fitter Patienten mehr natürliche Killerzellen aufweist, die die Krebsabwehr verstärken. In der Folge erkranken sportliche Menschen auch seltener an Krebs, und regelmäßige Bewegung verringert das Risiko eines Rückfalls nach einer ausgeheilten Krebserkrankung. "Bei Brustkrebs, Prostata-Karzinom und Darmkrebs kann das Risiko um 20 bis 30 Prozent reduziert werden", sagt der Experte von der Sporthochschule Köln.

Doch das Gegenteil ist meist der Fall. Lange Krankenhausaufenthalte und Komplikationen führen dazu, dass sich Betroffene fast gar nicht mehr bewegen. "Rund 30 Prozent aller onkologischen Patienten bewegen sich nach einer Krebstherapie weniger als vorher, obwohl es medizinisch dafür keine Indikation gibt", weiß Baumann. In Köln wurde deshalb 2012 das Projekt "Onkologische Trainingstherapie" ins Leben gerufen. Eine Kooperation zwischen der Uniklinik und der Deutschen Sporthochschule, die dafür sorgt, dass Krebspatienten kostenlos und unter individueller Anleitung sportlich aktiv werden. "Sie sollten unter niedriger Belastung trainieren, und Methode und Ziel müssen aufeinander abgestimmt sein", empfiehlt Baumann. Nach Informationen der Deutschen Krebshilfe können sich dabei bestimmte Sportarten für bestimmte Krebsarten eignen. Brustkrebspatientinnen etwa sollten nach einer OP keine ruckartigen Bewegungen machen, aber an ihrer Mobilität arbeiten, weshalb sanftes Yoga und Wassergymnastik sinnvoll sind.

Patienten mit Prostatakrebs sollten mit Gymnastik die Beckenbodenmuskulatur trainieren, um der Inkontinenz entgegenzuwirken. So können Medikamente vermieden werden, die Nebenwirkungen lindern sollen. Nur eine Reduktion der Chemo selbst lässt sich durch Sport bislang nicht erzielen; wer krank ist, muss umfassend medizinisch behandelt werden. "In der Zukunft wird es darum gehen, Sportprogramme für Krebspatienten so aufzulegen, dass sie die optimale Dosis Chemo bekommen können - selbst, wenn es eine sehr hohe Dosis ist - und ein optimales Therapieergebnis erreicht werden kann."

Quelle: RP
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