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Hirntumor
Wenn Kinder an Krebs erkranken

Fakten: Die zehn größten Krebs-Mythen und ihre Wahrheit
Fakten: Die zehn größten Krebs-Mythen und ihre Wahrheit FOTO: Shutterstock/ Juan Gaertner
Homburg. Im vergangenen Jahr starben 91 Kinder bundesweit an einem Hirntumor - diese Krebsart war damit die häufigste Todesursache in der Kinderonkologie. 33 Todesfälle gingen auf das Konto der Leukämie, einer Krebskrankheit, die aber häufiger geheilt werden kann. Von Christine Maack

In Deutschland erkranken pro Jahr durchschnittlich 1800 Kinder im Alter bis zu 15 Jahren an Krebs. Das ist schlimm. Doch in absoluten Zahlen ist Krebs bei Kindern zum Glück in Deutschland selten. Das Deutsche Zentrum für Krebsregisterdaten hat errechnet, dass die Wahrscheinlichkeit für ein neugeborenes Kind, innerhalb der ersten 15 Lebensjahre eine bösartige Erkrankung zu erleiden, bei 0,2 Prozent liegt. Wie das Statistische Bundesamt ermittelt hat, starben im vergangenen Jahr 91 Kinder zwischen einem und 15 Jahren an einem Hirntumor - diese Krebsart war damit die häufigste Todesursache. An fünfter Stelle der Todesursachen-Statistik erscheint die nächste Krebsart: 33 Todesfälle bundesweit gehen auf das Konto der Leukämie.

Den vergleichsweise seltenen Krebserkrankungen kommt jedoch eine hohe öffentliche Aufmerksamkeit zu. Dies hat unter anderem zur Gründung von Elternvereinen geführt, der medizinischen Versorgung im psychosozialen Bereich und der Forschung reichlich Mittel beschert und dazu geführt, dass die Mediziner heute sehr vielen kleinen Patienten sehr gut helfen können.

Was kaum bekannt ist: Über 80 von 100 an Krebs erkrankten Kinder können heute geheilt werden, bei einer Krebserkrankung im Nierenbereich sind es sogar 90 Prozent. Für Norbert Graf, Professor für Pädiatrie am Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg und Leiter der Klinik für pädiatrische Onkologie und Hämatologie, ist dies der Verdienst klinischer Studien: "95 Prozent aller an Krebs erkrankten Kinder werden nach den Erkenntnissen klinischer Studien behandelt." Das garantiere eine Behandlung auf dem neuesten Stand der Wissenschaft. So haben sich die Prognosen seit den 70er Jahren, als die ersten Studien erstellt wurden, stetig verbessert.

Norbert Graf, der bei vielen Studien mitarbeitet und selbst eine Studie über kindliche Nierentumoren leitet, schätzt die internationale Vernetzung: "Wir haben Mediziner aus Südamerika und aus Osteuropa ebenso im Boot wie aus den USA und natürlich Westeuropa. Wir arbeiten alle nach demselben Schema." Damit sei gewährleistet, dass ein an Krebs erkranktes Kind in Moskau oder in Buenos Aires genauso behandelt werde wie in Düsseldorf oder in Paris - und auch die gleichen Chancen habe, die Krankheit zu überleben. Das betreffe nicht nur die Art der Behandlung, sondern auch die Dosierung der Medikamente oder der Strahlentherapie. "Es geht natürlich in erster Linie ums Überleben. Aber wir wollen die Behandlung für die Kinder so schonend wie nur möglich gestalten. Auch darüber gibt es einen internationalen Austausch in den so genannten Therapieoptimierungsstudien".

Die häufigste Krebsart bei Kindern sind Leukämien. Sie machen nach Angaben des Kinderkrebsregisters in Mainz mehr als ein Drittel aller Krebserkrankungen bei unter 15-Jährigen aus, Jungen erkranken häufiger als Mädchen. Warum das so ist, ist nicht bekannt. Dank intensiver medizinischer Forschung steigt die positive Prognose bei Leukämien im Kindesalter ständig und liegt bei der häufigsten Form, der akuten lymphatischen Leukämie, derzeit bei fast 90 Prozent. Die zweithäufigste Krebserkrankung sind Hirntumore, gefolgt von Lymphomen (Lymphknotentumoren), Tumoren in der Niere oder Nebenniere und Sarkomen (Tumore in Knochen oder Weichteilen). Im Unterschied zu Erwachsenen, bei denen sich Karzinome bevorzugt in der Haut oder der Schleimhaut ausbreiten, ist diese Art bei Kindern äußerst selten, erklärt Norbert Graf. Warum ein Kind an Krebs erkranke, sei bis heute nicht geklärt: "Man weiß es nicht, auch eine genetische Anlage lässt sich in den meisten Fällen nicht feststellen." Es sei denn, in einer Familie tritt beispielsweise ein vererbbarer Tumor, zum Beispiel ein Retinoblastom (Tumor der Netzhaut des Auges) oder eine besondere Form eines Schilddrüsenkarzinoms (medullärer Typ) auf: "Das kommt selten vor, aber wenn es der Fall ist, handeln wir sofort und untersuchen auch die Geschwister, um einer Erkrankung vorzubeugen."

Ungeklärt ist bisher, warum bestimmte Krebserkrankungen bei Kindern in unterschiedlichem Alter vermehrt auftreten: "Abhängig von der Erkrankung zeigen sich unterschiedliche Altersgipfel. So treten Nierentumoren oder Nebennierentumoren häufiger bei Kindern unter fünf Jahren auf, während Sarkome und Lymphome bei Schulkindern und Jugendlichen am häufigsten sind". Die Behandlung erfolgt abhängig von der Diagnose über Chemotherapie, Bestrahlung sowie über die operative Entfernung von Tumoren. Die psychosoziale Betreuung des Kindes und der Familie ist dabei immer Bestandteil der Therapie.

Und wie sieht die Zukunft aus? "Wir sind bei unseren Studien inzwischen auf einem Plateau angekommen, wo eine weitere Verbesserung mit herkömmlichen Therapien kaum noch möglich erscheint", erklärt Graf. Den nächsten großen Schritt in der Krebsforschung erwartet der Kinderonkologe in Möglichkeiten der Molekularbiologie: "Es werden ja schon Medikamente hergestellt, die Tumoren gezielt angreifen und zerstören. Wir kommen in die Richtung einer personalisierten Medizin."

Quelle: RP
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