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Interview mit einem Onkologen
"Positive Bewältigungsstrategien wichtig, um Krebs zu bekämpfen"

Zehn Fakten über Leukämie
Zehn Fakten über Leukämie FOTO: DAK/Scholz
Köln. Der Kölner Mediziner gilt als einer der führenden Krebsexperten in Deutschland. Zwei Jahre behandelte er den Politiker Guido Westerwelle. Er erlebt viel Leid - aber auch das Glück, schwer kranke Menschen heilen zu können. Von Wolfram Goertz

Der Medizinprofessor Michael Hallek (57) ist Internist und arbeitet als Hämatologe und Onkologe an der Uniklinik Köln. Der aus Hof in Bayern stammende Arzt gilt auch als renommierter Forscher. Sein Spezialgebiet ist die chronische lymphatische Leukämie (CLL). Bekannt wurde er als behandelnder Arzt von Guido Westerwelle. Hallek betreute Westerwelle, der an der akuten myeloischen Leukämie (AML) litt, zwei Jahre lang. Als der Politiker das erste Mal aus der Klinik entlassen wurde, gab Hallek ihm den Rat: "Leben Sie!"

Haben Sie es jemals bereut, dass Sie nicht Augenarzt, sondern Onkologe geworden sind?

Hallek Nie. Einer der wesentlichen Gründe dafür ist, dass ich in meinem beruflichen Alltag zum Teil sehr tiefe Beziehungen zu meinen Patienten aufbauen kann. Der Grund dafür ist, dass die meisten Patienten Krebs zunächst als Lebenskrise erleben. Sie fühlen sich mit dem Sterben konfrontiert. Dabei ist dies oft nicht richtig; denn zum Beispiel führt eine fortgeschrittene, chronische Herzschwäche meist schneller zum Tode. Die Diagnose "Krebs" ist aber emotional stigmatisiert. Dabei gibt es heute tatsächlich nicht wenige Krebserkrankungen, die äußerst langfristig verlaufen und gut zu behandeln sind. Andere dagegen sind unmittelbar lebensbedrohlich. In jeder Situation ist unsere Unterstützung gefragt.

Und immer schwebt die Angst durch den Raum, oder nicht?

Hallek Ja, das tut sie, aber als Arzt kann ich sie mit dem Patienten oft sehr gut bearbeiten. Der Patient öffnet sich uns, und aus diesem Vertrauen kann er Zuversicht schöpfen.

Michael Hallek ist Direktor des Centrujms für Integrierte Onkologie Köln-Bonn und Vorsitzender der CLL-Studiengruppe, die die chronische lymphatische Leukämie erforscht. FOTO: UK Köln

Wie wichtig ist das Klima des Arzt-Patienten-Gesprächs für den Erfolg der Therapie?

Hallek Es ist extrem wichtig. In einer vertrauensvollen Beziehung sind ja alle Fragen erlaubt, auch diejenige, wie lange man als Patient noch zu leben hat. Je präziser der Patient weiß, was als nächstes kommt, desto besser kann er mit der Situation umgehen. Wenn er weiß, dass die Schmerzen bis zum Beginn der Behandlung anhalten werden, dann aber höchstwahrscheinlich schwächer werden oder verschwinden, entwickelt er daraus neue Energien und kann die Nebenwirkungen der Therapie besser vertragen.

Von Krebs zu Krebs ist es in der Onkologie ja leider immer ein Zickzack, was die Prognosen betrifft.

Hallek Allerdings. Bei einem Hodgkin-Lymphom, also einem Lymphdrüsenkrebs, ist auch in einem fortgeschrittenen Stadium die Heilung die Regel. Beim Krebs der Bauchspeicheldrüse sind die Heilungsaussichten schlechter.

Wie will man da optimistisch mit den Patienten umgehen?

Hallek Zunächst eine psychologische und auch ein bisschen selbstironische Antwort: Ohne Optimismus kann man kein Onkologe sein. Eine gewisse Verdrängungstechnik muss man als Arzt, der auch viel Leid gesehen hat, erlernen, damit man nicht trauriger ist als der Patient, den man behandelt. Diese optimistische Haltung kommt aber nicht nur aus dem Bauch oder aus einem emotionalen Bedürfnis. Sie ist oft auch durch Fakten begründet. Es geschieht ja tatsächlich immer häufiger, dass wir die Patienten heute gut behandeln können. Wir haben bei bestimmten Krebsarten wirklich gute Ergebnisse. Außerdem: Wenn ein Patient noch Monate oder gar Jahre länger lebt, als die Statistik es vorhergesagt hat, dann kann das im Angesicht einer lebensverkürzenden Krankheit tatsächlich für den Betroffenen sehr wertvoll sein.

Aber irgendwann muss man als Onkologe auch das Unausweichliche gewähren lassen, oder nicht?

Hallek Natürlich. Alles soll klug entschieden sein. Die Onkologen denken derzeit sehr intensiv darüber nach, wie häufig sie einen Patienten zu lange oder zu viel therapieren. Darüber müssen auch wir verstärkt nachdenken - etwa über die Frage, ob wir nach der dritten oder gar vierten erfolglosen Chemotherapie wirklich noch eine fünfte ansetzen sollten, die meist nichts mehr bringt.

Was halten Sie vom "Fighting spirit", also dem Kämpferherzen eines Krebspatienten? Wie wichtig ist es?

Hallek Positive Bewältigungsstrategien sind ungeheuer wichtig, um den Krebs zu bekämpfen. Man muss bereit sein, Nebenwirkungen und auch Schmerzen zu überwinden. Es ist gut, Sport zu treiben, während man sich der Behandlung unterzieht. Wichtig ist auch die Psychoonkologie, eine zentrale Disziplin, die den Patient und seine Angehörigen unterstützt und dafür sorgen kann, dass sie sich auch emotional begleitet und getragen fühlen.

Wie früh sollte bei einem Krebspatienten das Thema Palliativmedizin angesprochen werden?

Hallek Schon früh. Der Patient mit einer nicht kurativ zu behandelnden Krebserkrankung sollte möglichst früh erfahren, dass es für ihn in jedem Moment seines Weges eine Unterstützung gibt. Dass er heute in der Regel keine schweren Schmerzen erleiden muss. Dass Ängste oder Atemnot wirkungsvoll behandelt werden können. Und diese Botschaft sollten wir diesen Patienten sehr früh mitgeben.

Können Sie sich in Ihrer Freizeit überhaupt gut erholen?

Hallek Ja, sehr gut.

Wie funktioniert das?

Hallek Unter der Woche ist das Thema am Abend nicht vorüber, ich bin ja oft 14 Stunden pro Tag in der Klinik und dazu oft unterwegs. Am Samstag fällt dann die emotionale Belastung langsam ab, am Sonntag erhole ich mich. Besonders gut und umfassend abschalten kann ich im Urlaub. Der ist wichtig, um die Energiespeicher wieder zu füllen.

Wohin führte Sie Ihr jüngster Urlaub?

Hallek Nach Frankreich, in die Nähe von Bordeaux. Es war herrlich. Köln war ganz weit weg.

Sie haben also vermutlich nicht darüber nachgedacht, doch noch Augenarzt zu werden?

Hallek Nein, warum sollte ich? Ich kann sagen, dass ich meine Arbeit liebe. Wenn man einem Menschen in einer sehr kritischen Situation gut und professionell weiterhelfen kann, erlebe ich dies als sehr sinnstiftend, als ein Privileg. Ich bin wirklich Onkologe aus Leidenschaft.

Quelle: RP
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