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Alltagsgifte
Lösen Pflanzenschutzmittel Entwicklungsstörungen aus?

Alltagsgifte: Lösen Pflanzenschutzmittel Entwicklungsstörungen aus?
Forscher warnen vor Chemikalien in Pestiziden, Feinstaub und Lösungsmitteln, weil sie auf das Gehirn wirken können. FOTO: 360b/Shutterstock.com
Düsseldorf. Neurowissenschaftler schlagen Alarm. Sie warnen vor einer stillen Pandemie, ausgelöst durch Umweltchemikalien aus Pestiziden, Abgasen und Lösungsmitteln. Ihre entwicklungsschädigenden Einflüsse auf das Hirn zeigen sich schon im Kindesalter. Von Tanja Walter

Diese sollen an der zunehmenden Zahl von Verhaltens- und Entwicklungsstörungen bei Kindern schuld sein. Neurotoxin heißt die Gefahr, die im Feinteilchen daherkommt. Forscher warnen vor chemischen Stoffen wie Blei, Mangan, Quecksilber und Chlor- sowie Fluorverbindungen, die in Autoabgasen, Pflanzenschutzmitteln, Lösungsmitteln und anderen Industriechemikalien stecken. Als Mikroteilchen werden sie eingeatmet oder auch über die Nahrung aufgenommen und sorgen für bleibende Schäden, die schon bei Kindern messbar seien.

Schon seit einigen Jahren beobachten Mediziner und Wissenschaftler die Zunahme von ADHS- und Autismus-Erkrankungen. Millionen Kinder weltweit leiden unter diesen oder anderen kognitiven Störungen. Doch nur zum Teil lassen sich diese durch verbesserte Test- und Diagnosemöglichkeiten erklären. In 30 bis 40 Prozent der Fälle werden die auch als Modeerkrankungen wahr genommenen Einschränkungen durch genetische Faktoren erklärt. Doch was ist mit den restlichen Fällen?

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Agressives Verhalten und Legasthenie durch Chemikalien

Neurowissenschaftler führen die steigende Zahl von kognitiven Störungen, Aggression, Störungen im Sozialverhalten und Entwicklungsverzögerungen auf die Einflüsse verschiedener Umweltchemikalien zurück, denen die Menschen ausgesetzt seien. Sie warnen darum vor einer schleichenden Vergiftungsgefahr, die zu Konzentrationsstörungen, Legasthenie, ADHS, Autismus und Parkinson führe.

Bereits jedes zehnte Kind zeige von Geburt an Verhaltens- oder Entwicklungsauffälligkeiten. In einer Studie führen die beiden Neurowissenschaftler Philip Landrigan von der Mount Sinai School of Medicine und Philippe Grandjean von der Harvard School of Public Health über 200 Chemikalien auf, die in Nabelschnurblut nachgewiesen werden konnten und für solche neurologischen Fehlentwicklungen verantwortlich sein könnten.

Schon lange ist bekannt, wie empfindlich das kindliche Hirn auf Einflüsse von außen reagiert. Im Mutterleib fließen der mütterliche und kindliche Blutkreislauf in der Plazenta zusammen. Diese blockiert die Aufnahme von Umweltgiften nicht. Ungehindert können sie in den kindlichen Organismus gelangen. Einige Chemikalien konnten sogar in der Muttermilch nachgewiesen werden.

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Zwar dient die Blut-Hirn-Schranke als gut funktionierende Barriere zwischen Blutstrom und Hirn, doch können einige Substanzen – wie zum Beispiel auch Alkohol, Nikotin oder auch Narkosemittel – diese Hürde problemlos passieren. Ebenso gelingt dies auch einigen chemischen Substanzen. Sie können auf diesem Wege das zentrale Nervensystem erreichen und dort Schäden an Nervenzellen verursachen.

Störungen durch Blei, Quecksilber und Arsen?

In einer vorangegangenen Studie aus dem Jahr 2006 zeigten Landrigan und Grandjean, dass mehrere Umweltgifte messbar Einfluss auf die kindliche Hirnentwicklung haben. Im Fokus standen damals unter anderem die Auswirkungen von Blei, Quecksilber, Arsen und das Lösungsmittel Tuluol. Sie hatten Auswirkungen auf das Hirnvolumen der untersuchten Kinder und führten zu Defiziten im sozialen Verhalten, geistiger Entwicklungsstörung, geringerer Intelligenz und motorischen Problemen.

Auch Joel Nigg, Psychologe an der Oregon Health & Science University belegte in einer Untersuchung den Zusammenhang zwischen der Wirkung des Umweltgifts Blei und ADHS. Die Bleibelastung führt demnach zu Auswirkungen im präfrontalen Kortex und anderen Schaltstellen im Gehirn, die unter anderem bei ADHS eine entscheidende Rolle spielen. 

Die Gesundheitsgefahr im Plastik

Daneben warnen die Forscher vor den Auswirkungen, die sogenannte Phthalate und Bisphenol A haben können. Die sind in einigen Kunststoffen sowie auch in einigen Kosmetika enthalten. "Diese pränatale Exposition gegenüber Phthalaten wird zu neurologischen Entwicklungsdefiziten und Verhaltensauffälligkeiten wie verkürzter Aufmerksamkeit und der Beeinträchtigung sozialer Interaktionen in Verbindung gebracht", schreiben die Wissenschaftler in ihrer Studie.Wenn Sie mehr über die schädigende Wirkung von Bisphenol A wissen wollen, lesen Sie hier weiter.

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Studien aus Bangladesch und Kanada belegen, dass Mangan die mathematischen Leistungen beeinträchtigen kann und zudem Hyperaktivität fördert. In den USA und Frankreich fanden Wissenschaftler Hinweise darauf, dass Inhaltsstoffe von Lösungsmitteln zu aggressivem Verhalten, Hyperaktivität und psychischen Krankheiten führen können. In drei Kohortenstudien wiesen Kinder, die vor ihrer Geburt in Kontakt mit Pestiziden kamen, einen kleineren Kopfumfang auf als andere Kinder. Sie zeigten Entwicklungsverzögerungen und waren in ihrer geistigen wie auch sozialen Entwicklung gestört.

Altersdemenz durch Feinstaub

Neben den Auswirkungen, die Neurotoxine auf die kindliche Entwicklung haben, sehen die Forscher Zusammenhänge zu neurodegenerativen Erkrankungen im Erwachsenenalter. Experimentelle Untersuchungen geben Hinweise darauf, dass zum Beispiel Mangan und Pflanzenschutzmittel als Umwelteinflüsse das Risiko für Nerven-Erkrankungen wie Parkinson erhöhen können. Blei und Feinstaub können Altersdemenz auslösen.

Neurowissenschaftler fordern eine internationale Clearingstelle, die mit bessere Tests auch die bereits im Einsatz befindliche Chemikalien und neue Chemikalien auf schädigende Wirkung untersucht. Nicht vertretbar ist für die Wissenschaftler, dass bislang eher nach dem Unschuldsprinzip gehandelt werde: Neue Chemikalien gelten ihrer Auffassung nach so lange als ungefährlich, bis das Gegenteil nachgewiesen werde. 

 

 
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