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Medikamentenabhängig
So entsteht Sucht auf Rezept

Medikamentenabhängig: Symptome, Therapie und Hilfsangebote
Medikamentenabhängigkeit ist in Deutschland beinahe häufiger als Alkoholabhängigkeit. FOTO: Shutterstock.com/ love work 51
Düsseldorf . Bei Sucht denken die meisten an Drogenabhängigkeit oder Alkohol. Doch viele Menschen stillen ihre Sucht in der Apotheke  – sie sind medikamentenabhängig. Wir erkären, welche Mittel kritisch sind und wie man eine Abhängigkeit feststellt. Von Tanja Walter

Für Simone W. war das Beruhigungsmittel, das ihr der Arzt aufschrieb, ein Rettungsanker. Ihr Mann hatte sie gerade verlassen. Mit einem Mal trug sie im täglichen Leben alleine die Verantwortung für die beiden zwei und fünf Jahre alten Söhne. Nachts quälten sie Gedanken der Überforderung und die Angst vor der Zukunft. Würde sie das alles alleine auch finanziell stemmen können? Nach schlaflosen Nächten fühlte sie sich auch tagsüber immer kraftloser. Also ging die 32-Jährige zum Arzt. Der verstand schnell und verordnete ihr ein sogenanntes Benzodiazepin. Ein Beruhigungsmittel, das zur kurzfristigen Behandlung von Schlafproblemen, Ängsten oder auch Depressionen verschrieben wird.

Es half schnell. Wie verordnet, nahm sie es in niedriger Dosierung eine Woche, eine zweite und weil es ihr so gut half auch darüber hinaus. Die schwere Zeit wurde leichter. Doch Simone W. merkt nach einiger Zeit, dass sie Angst hat, das Mittel abzusetzen. Sie ist abhängig geworden.

Abhängig nach vier Wochen

"Vielen Patienten und auch manchen Ärzten und Apothekern ist nicht bewusst, dass sich bereits nach vier- bis sechswöchiger Einnahme eine Abhängigkeit entwickeln kann", sagt Raphael Gaßmann, Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS). In Deutschland sind zwischen 1,5 Millionen und 1,9 Millionen Menschen medikamentenabhängig – fast ebenso viele wie alkoholabhängig. Im Vergleich erscheint hingegen die Zahl der Kokain- und Heroinabhängigen beinahe gering: Rund 319.000 Menschen können nicht von harten Drogen lassen.

Die Folgen des Missbrauchs von Tabletten jedoch sind ebenso gravierend wie die anderer Süchte. Zum psychischen Druck, ohne das Mittel nicht sein zu können, kommen körperliche Symptome. Nach Informationen der Bundesapothekerkammer kann beispielsweise der Missbrauch von opioidhaltigen Schmerzmitteln zu chronischen Vergiftungen führen, die hirnorganische Auswirkungen bis hin zu Wahnideen haben können. Als mögliche Folgeschäden sind zudem Magen-Darm-Störungen bekannt, Nierenschäden oder Potenzstörungen. Was es besonders gefährlich macht: Viele wissen weit weniger darüber als über Alkohol- oder klassische Drogensucht.

Diese Arzneimittel machen abhängig

Von etwa 50.000 verschiedenen Arzneimitteln auf dem Markt haben etwa vier bis fünf Prozent Suchtpotential. An erster Stelle stehen Schlaf- und Beruhigungsmittel, gefolgt von zentral wirkenden Schmerzmitteln, codeinhaltigen Medikamenten oder auch Psychostimulantien. Sie alle sind rezeptpflichtig. Der Arzt verordnet sie, sie werden eingenommen und sie zeigen Wirkung. "Den Betroffenen geht es gut. Darum wollen viele es weiter nehmen – wie verordnet in niedriger Dosis, aber über lange Zeit. So entsteht zunächst eine Niedrigdosisabhängigkeit", sagt Suchtexperte Raiser.

Das sind die Suchtmittel vom Arzt

Mittel wie Lorazepam, Diazepam enthalten Benzodiazepine oder ähnliche Wirkstoffe, die Angst dämpfen, Muskeln entspannen und Krämpfe lösen. Ebenso wie Zolpidem, Zopiclon und andere sogenannte Z-Drugs werden sie gegen Schlafprobleme oder Spannungszustände verschrieben, um aus kurzzeitigen Krisen zu helfen. "Als Verbraucher sollte man sich im Klaren darüber sein, dass das nichts auf Dauer ist, und mit dem Arzt sprechen", warnt Raiser. Oft aber geschieht das nicht. Der Grund: "Viele rechnen nicht damit, von einem Mittel abhängig werden zu können, das sie vom Arzt verschrieben bekommen", sagt der DHS-Experte.

Was anfänglich die akute Situation linderte, wird bequem. Wie auch bei Susanne W.: Sie funktionierte wieder. Also nahm sie das Mittel weiter ein, ohne das aufzuarbeiten, was ihre Schlafstörungen verursachte. Irgendwann merkte sie jedoch, dass sie das Medikament nicht mehr einfach weglassen konnte.

Vom Missbrauch zur Abhängigkeit

Der Übergang vom Missbrauch zur Sucht ist fließend. Typischer Missbrauch: Ein Medikament wird beispielsweise zu Beginn gegen Schlafstörungen eingenommen, später dann aber gegen aufsteigende Ängste. "Statt es nur nachts zu nehmen, nehmen Betroffene es dann zusätzlich am Tag ein", sagt Raiser über den beginnenden Sucht-Teufelskreis. Die Gedanken kreisen immer intensiver um das Medikament und die Möglichkeiten, es zu beschaffen. Die Dosis wird weiter erhöht, um den gewünschten Effekt noch zu erzielen. Es kommen Heimlichkeiten dazu. Man sagt dem Arzt nichts von der Dosiserhöhung, besorgt sich das Mittel zusätzlich bei einem anderen Mediziner, kauft es in verschiedenen Apotheken. Typisch auch: Die Betroffenen beginnen, einen Vorrat anzulegen. Hier lesen Sie mehr über die Tricks, mit denen Betroffene Ihre Abhängigkeit vertuschen.

Ein großer Anteil – schätzungsweise ein Drittel bis die Hälfte – der Schlaf-, Beruhigungs- und Schmerzmittel werden nach Einschätzung des Pharmakologen Gerd Glaeske nicht wegen akut medizinischer Probleme, sondern langfristig zur Suchterhaltung und zur Vermeidung von Entzugserscheinungen verordnet.

Bekannt sind solche Suchtkreisläufe zum Beispiel auch bei Migräne-Patienten. Wird das Schmerzmittel im Übermaß genommen, kann sich ein Dauerkopfschmerz entwickeln, der nicht durch die Migräne verursacht wird, sondern durch den zu hohen Gebrauch des Schmerzmittels. Mehr dazu, wann eine Medikamentensucht vorliegt, finden Sie hier.

Die Regel zur Suchtvorbeugung

Um die Grenze zwischen lindernder Wirkung, Missbrauch und Abhängigkeit nicht zu überschreiten, raten die Suchtexperten bei kritischen Medikamenten wie Schmerz- oder Beruhigungsmittel zum Einhalten der sogenannten 4-K-Regel:

  • Klare Indikation – Lassen Sie den Grund für die Einnahme des Medikamentes immer wieder durch den Arzt überprüfen.
     
  • Kleinste notwendige Dosis – Fragen Sie den Arzt nach der geringsten Dosierung.
     
  • Kurze Anwendung – Achten Sie selbst mit darauf, dass Sie das Medikament nur über kurze Zeit einnehmen. Benzodiazepine können beispielsweise bereits nach drei bis sechs Wochen abhängig machen.
     
  • Kein schlagartiges Absetzen des Medikaments, sondern langsames Ausschleichen.

Hilfe bei Medikamentensucht

Sollte es dennoch zu einer Medikamentenabhängigkeit kommen, ist es wichtig, sich Hilfe zu holen. Im Internet findet man Ansprechpartner und Informationen rund um das Thema Medikamentensucht (www.medikamente-und-sucht.de).Erste Anlaufstelle kann dann die Suchtberatung sein, eine Selbsthilfegruppe, ein Hausarzt oder ein Psychiater.  Gemeinsam kann man dort eine individuelle Möglichkeit zur Entwöhnung suchen. Manchmal ist das mit festgelegten Entwöhnungsschemata möglich, in ernsteren Fällen stehen spezielle Suchtkliniken zur Verfügung, die beim allmählichen Absetzen der  Medikamente helfen.

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