| 18.44 Uhr
Interview
„Nach drei Zigaretten ist man süchtig“
Zehn Mittel zur Rauchentwöhnung
Zehn Mittel zur Rauchentwöhnung FOTO: NGZ
Düsseldorf. Lungenarzt Andreas Meyer weiß: Viele Menschen sind mit dem Vorsatz ins neue Jahr gestartet, nicht mehr zu rauchen. Manche schaffen es, manche nicht. Wer das Thema professionell angehen will, besucht einen Raucherentwöhnungskursus.

Sie sehen täglich Patienten, die sich ihre schweren, zum Teil tödlichen Erkrankungen durch das Rauchen eingehandelt haben. Obwohl sie um die Gefahren wissen, rauchen viele Leute trotzdem weiter. Warum?

Meyer Zuerst aus Neugier, dann aus Sucht. Die setzt nämlich relativ schnell ein, das ist das Problem. Diverse Untersuchungen haben zweifelsfrei gezeigt: Nach drei Zigaretten ist man süchtig.

Was macht die Zigarette genau?

Meyer Zunächst erhöht sie die Aufmerksamkeit, im zweiten Schritt wirkt sie entspannend. Diese psychischen Wirkungen werden als positiv erlebt. Auch das Hungergefühl wird unterdrückt. Doch die biochemische Abhängigkeit erhöht sich, weil das Gehirn eines Rauchers automatisch mehr Nikotinrezeptoren bereitstellt.

Was passiert, wenn die Zigarette erloschen ist?

Meyer Das Gefühl, Anspannung und Entspannung zu erleben, schreit nach einer Wiederholung. Nikotin ist deshalb so tückisch, weil es ein hohes Abhängigkeitspotenzial besitzt und im Gehirn auch an den Regionen wirkt, die wir das Belohnungssystem nennen.

Es gibt Leute, die sagen, sie rauchten nur abends oder gelegentlich ein paar Zigaretten und könnten jederzeit aufhören. Sind das Selbstbetrüger?

Meyer Diese Menschen gibt es, zahlenmäßig fallen sie aber kaum ins Gewicht. Die meisten Menschen rauchen im Schnitt eine Packung pro Tag oder mehrere. Die große Gefahr für diejenigen, die weniger rauchen, liegt darin, dass sie unter bestimmten Umständen diese Disziplin nicht aufrechterhalten können.

Sind Nichtraucherprogramme wirklich effektiv? Gibt es denn Erfolgsstatistiken?

Meyer Ja, gibt es. 30 Prozent sind nach einem Jahr noch rauchfrei.

Ist das viel oder wenig?

Meyer Angesichts einer Substanz mit so hohem Suchtpotenzial ist das viel.

Was passiert bei einem Raucherentwöhnungsprogramm genau?

Meyer Zunächst werden in der Gruppe mit maximal zehn Teilnehmern die Rauchgewohnheiten analysiert. Dann wird der Grad der Abhängigkeit bestimmt, und schließlich werden Strategien erarbeitet, um das Rauchen zu einem festgelegten Zeitpunkt zu beenden. Natürlich wird auch über Medikamente informiert, die bei der Raucherentwöhnung helfen können.

Nikotinpflaster?

Meyer Klar, Nikotinersatzpräparate gehören dazu. Daneben gibt es Medikamente, welche die Sucht direkt verringern.

Bekommt man psychologische Unterstützung?

Meyer Ja, denn die Grundlage des Kurses ist ja eine Anleitung zur Verhaltensänderung. Zusätzlich kann auch professionelle Hilfe bei Psychologen und Psychotherapeuten in Anspruch genommen werden.

Was zahlt die Krankenkasse?

Meyer Die Kosten betragen bei uns etwa 100 Euro pro Person für sechs Abende, davon trägt die Kasse etwa 80 Euro. Die Kosten für eine eventuelle Psychotherapie werden komplett übernommen.

Was sagen die Teilnehmer der Kurse hinterher? Harte Arbeit?

Meyer Ja, aber auch eine große Erleichterung. Vielen Teilnehmern wird erst hinterher klar, wie stark das Rauchen ihr Leben im Griff hatte.

Was spürt der Körper, wenn er keine Zigaretten mehr bekommt?

Meyer Man schmeckt und riecht viel intensiver, schon bestehender Husten und Atemnot lassen deutlich nach. Man fühlt sich körperlich viel wohler und leistungsfähiger. Man gewinnt Unabhängigkeit, die Zigarette bestimmt nicht mehr das Leben. Der Appetit nimmt zwar leicht zu – damit verbunden ist eine Gewichtszunahme von zwei bis fünf Kilo, die aber allmählich wieder abgenommen werden. Hilfreich ist natürlich, dass neue Nichtraucher wieder mehr Spaß am Sport haben.

Manche sind frustriert, wenn sie nach dem Entwöhnungsprogramm rückfällig werden. Ist das auch ein Misserfolg für den Therapeuten?

Meyer Ja, für beide ist das ein negatives Erlebnis, zeigt aber auch, welche Kraft das Nikotin hat. Man sollte es als Gegner nicht unterschätzen.

Und wenn es beim ersten Mal nicht klappt – soll man schon verzweifeln?

Meyer Nein. Mancher schafft es eben erst mit mehreren Anläufen.

Trotzdem bleibt man offenbar lebenslang anfällig, weil das Suchtgedächtnis durch das Rauchen stark konditioniert wurde. Stimmt das?

Meyer Ja, das stimmt.

Unter Alkohol raucht mancher mehr als ohne Alkohol. Warum?

Meyer Ein Grund ist sicher der Kontrollverlust unter Alkohol. Aber die Menschen entwickeln auch Rituale – und eines ist die Kombination von Alkohol und Nikotin.

Man liest immer, dass es kein Alter gebe, um aufzuhören. Stimmt das?

Meyer Es stimmt. Selbst wenn man an einem Tumor erkrankt ist, zeigen Studien, dass die Therapie besser wirkt, wenn man nicht mehr raucht.

Haben Sie jemals geraucht?

Meyer Ja, als Jugendlicher. Aber es hat mir nicht geschmeckt, und deshalb habe ich Glück gehabt, dass ich nicht abhängig geworden bin.

Quelle: anch
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