| 11.39 Uhr

Debatte um Prävention
Kinder-Impfung ist Eltern-Pflicht

Politiker scheuen sich vor Impfpflicht in Deutschland
Eine mögliche Impfpflicht in Deutschland gilt als umstritten. FOTO: Adam Gregor /Shutterstock.com
Düsseldorf. In Frankreich müssen Eltern ihre Kinder jetzt gegen elf Krankheiten impfen lassen. In Deutschland scheuen sich die Politiker noch vor der Impfpflicht. Dabei zeigt der jüngste Masern-Ausbruch in NRW, wie nötig das ist. Von Antje Höning

Manche halten Masern für eine lästige Kinderkrankheit, für andere enden sie tödlich. Und wer gehofft hatte, die moderne Medizin werde den Virus schon besiegen, sieht sich enttäuscht. Jüngst erlebt Nordrhein-Westfalen einen Ausbruch der Krankheit. Seit Jahresanfang meldeten die Ärzte dem Landeszentrum Gesundheit (LZG) 483 Masernfälle. Zum Vergleich: 2016 gab es nur 28 Fälle - im gesamten Jahr. "2017 wurde uns ein Todesfall gemeldet", so die LZG-Sprecherin.

Besonders hat es Duisburg erwischt. Hier sind seit Jahresanfang 321 Menschen erkrankt, im Vorjahr keiner. Der Schwerpunkt liegt in Wohngebieten, in dem vor allem Bulgaren und Rumänen leben. Aber auch in Köln, Düsseldorf und Wesel wurden Masernfälle gemeldet.

Masern gehören zu den häufigsten Infektionskrankheiten in der Welt und sind wegen ihrer Komplikationen wie Lungen- und schlimmer noch Gehirnentzündung gefürchtet. In Deutschland sind sie seit 2001 meldepflichtig. Eine Impfpflicht gibt es nicht. Anders in Frankreich. Dort will die neue Regierung, dass Eltern ihre Kinder ab 2018 gegen Masern und zehn weitere Krankheiten impfen lassen. Das kündigte Premierminister Edouard Philippe an. "Noch immer sterben Kinder an Masern, das ist in der Heimat von Pasteur nicht annehmbar", zitiert ihn die "Welt".

Ausland als Vorbild

Der französische Mikrobiologe Louis Pasteur gehörte zu den Pionieren der Impfstoff-Entwicklung. Bisher waren in Frankreich Impfungen gegen Diphtherie, Tetanus und Kinderlähmung Pflicht. Nun kommen solche gegen Masern, Mumps, Röteln, Meningokokken, Pneumokokken, Keuchhusten, Hepatitis B und Haemophilus Influenza B hinzu. Auch Italien setzt auf Pflicht. Andernfalls können Kinder vom Besuch von Kitas und Schulen ausgeschlossen werden, den Eltern drohen Bußgelder.

Der Vorstoß heizt die Debatte in Deutschland an. Die FDP fordert eine Pflicht. Auf dem Parteitag im April beschloss sie die Forderung, dass Kinder bis 14 Jahre zu impfen sind. Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) setzt dagegen auf Aufklärung. Auch Frank Bergmann, Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, setzt auf Freiwilligkeit. "Über die Einführung einer 'Impfpflicht' - insbesondere für Kleinkinder in Betreuungseinrichtungen - kann man sicher streiten.

Diese Impfungen braucht man wirklich FOTO: dapd, dapd

Aus meiner Sicht sollte es nach Möglichkeit keine Zwänge geben", sagte Bergmann unserer Redaktion. "Die Stärke unseres Gesundheitssystems liegt in der offenen Aufklärung sowie dem engen Arzt-Patienten-Verhältnis. Wir erreichen langfristig mehr, wenn wir diese Form der Qualität erhalten und ausbauen - ohne staatliche Eingriffe."

Es gibt drei Gruppen von Muffeln: Zuwanderer, in deren Heimat Impfen nicht verbreitet ist. Kinder, bei denen der zweite Piks vergessen wurde. Und hartnäckige Gegner. In Kreisen militanter Eltern werden schon mal Masernpartys zur sicheren Infektion der Kinder veranstaltet und Vorurteile gepflegt:

Masern-Impfungen helfen nicht Richtig ist: Keine Impfung garantiert eine 100-prozentige Wirksamkeit, wie auch das Robert-Koch-Institut (RKI) einräumt. So gäbe es einzelne Fälle, in denen Patienten keine Immunität entwickeln oder bei denen die Immunität im Laufe der Zeit nachlasse. Auch Fehler bei der Impfstoff-Lagerung könnten zum Versagen führen. Wichtiger als die Ausnahme ist aber die Regel: "Die zweifache Impfung verhindert bei 93 bis 99 Prozent der Geimpften den Ausbruch einer Erkrankung und führt bei diesen erfolgreich Geimpften in der Regel zu lebenslanger Immunität", betonen die Forscher des RKI.

Impfungen verursachen Autismus Diese These geht auf den britischen Arzt Andrew Wakefield zurück, der 1998 in einem medizinischen Artikel einen möglichen Zusammenhang behauptet hat. Später wurde sein Artikel widerrufen: So waren nur zwölf Kinder untersucht worden, deren Auswahl nicht mal zufällig erfolgte. Später gingen andere Forscher dem Verdacht nach, unter anderem in einer Studie aus Dänemark, in der mehr als 530.000 Kinder über einen längeren Zeitraum beobachtet wurden. Klarer Befund: "Zahlreiche wissenschaftliche Studien konnten belegen, dass es keinen Zusammenhang zwischen der Impfung und autistischen Störungen gibt", so die RKI-Experten.

Bei Allergien kann man nicht impfen Auch das eine Fabel. Nur wenige Impfstoffe werden in Hühnerembryos produziert und wenn doch, enthalten sie nur Spuren des Eiweiß, die selbst bei Menschen mit Hühnereiweiß-Allergie kein Problem sind. "Internationale Studien belegen, dass auch Kinder mit Hühnereiweiß-Allergie problemlos und gefahrlos mit MMR-Impfstoff geimpft werden können", so das RKI. Mit dieser Standard-Impfung wird gegen Masern-Mumps und Röteln (MMR) geimpft.

Impfpflicht wäre grundgesetzwidrig Die Frage, ob der Staat so tief in die Freiheit seiner Bürger eingreifen kann, ist berechtigt und hat auch den wissenschaftlichen Dienst des Bundestages beschäftigt. Und der kam 2016 zu einem differenzierten Schluss. Eine generelle Impfpflicht könne zwar helfen, eine Krankheit auszurotten. Doch sei zu prüfen, ob eine solche Verpflichtung mit dem Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit (Artikel 29 vereinbar sei.

Auch sei zu fragen, ob das Ziel, eine Krankheit auszurotten, nicht ebenso durch freiwillige Maßnahmen erreicht werden könne und die Impfung verhältnismäßig sei. Diese Argumentation bedeutet aber auch: Je mehr Impfmuffel es gibt, desto größer werden die Chancen für eine Pflicht. Im Fall einer epidemischen Ausbreitung ("Seuchenfall") sieht der wissenschaftliche Dienst ohnehin kein Problem für den Staat, eine Impfpflicht zu verhängen.

Ärzte-Chef Bergmann setzt vor allem darauf, dass die Eltern einsehen, dass der Piks lebensrettend sein kann. "Impfungen bieten nach wie vor den besten Schutz vor gefährlichen Erkrankungen. Wer sich selbst oder seine Kinder impfen lässt, schützt nicht nur seine Familie, sondern auch seine Mitmenschen."

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Politiker scheuen sich vor Impfpflicht in Deutschland


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.