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EMDR als neue Schmerztherapie
Augen links, Augen rechts, Rückenschmerzen weg

EMDR als neue Schmerztherapie: Augen links, Augen rechts, Rückenschmerzen weg
Augenbewegungen helfen in der EMDR-Therapie, schwierige Erlebnisse und Schmerzen zu verarbeiten. Symbolbild). FOTO: Shutterstock/triocean
Düsseldorf/Heidelberg. Es klingt seltsam: Mithilfe von schnellen Augenbewegungen sollen sich chronische Schmerzen lindern lassen. EMDR nennt sich die Therapiemethode, deren Wirksamkeit jetzt in einer Studie bestätigt wurde. Wie sie funktioniert und für wen sie sich eignet. Von Tanja Walter

Seit mehr als 40 Jahren lebt Andreas B. (Name der Redaktion bekannt) in der Schmerzhölle. In regelmäßigen Abständen überkommen ihn vom Rücken ausgehende Schmerzattacken, die sich durch nichts mildern lassen. Er hat unzählige Therapien ausprobiert: "Schmerzmedikamente über Wochen, mehrere am Tag, Spritzen, Stoßwellentherapie, Fango und Krankengymnastik", sagt er. Vieles davon musste er aus eigener Tasche bezahlen.

Als er zum ersten Mal Kontakt zu Jonas Tesarz von der Uniklinik Heidelberg hat, glaubt er nicht, dass ihm die Therapie, helfen kann, die dort innerhalb eines Studienprojekts angeboten wird. "Ich habe es für Hokuspokus gehalten", sagt der 64-Jährige. Doch seine Verzweiflung war groß genug, auch diese Behandlungsmethode auszuprobieren: EMDR. Die vier Buchstaben stehen als Abkürzung für "Eye Movement Desensitization and Reprocessing".

Wie ein Schmerzgedächtnis entsteht. FOTO: Zörner

Die Bezeichnung beschreibt den Ablauf der ungewöhnlichen Therapie: Indem der Patient den Bewegungen eines Fingers von links nach rechts vor seinen Augen folgt, entstehen schnelle Augenbewegungen, die etwas im Gehirn auslösen. "Wie es genau funktioniert, wissen wir noch nicht", sagt Tesarz. Man geht jedoch davon aus, dass durch die Augenbewegungen die Gehirnhälften, ähnlich wie auch in der REM-Schlafphase, synchronisiert werden.

Für Andreas B. ist es einen Versuch wert. Nach einer körperlichen Untersuchung, MRT und Hirnstrommessungen findet er sich darum im Uniklinikum Heidelberg skeptisch seinem Therapeuten Jonas Tesarz gegenüber. Seine Augen folgen den Fingerbewegungen seines Arztes. Dabei soll er an seine chronischen Rückenschmerzen denken.

Schmerzen werden im Hirn falsch abgespeichert

Ziel der Prozedur: "Man versetzt sich gedanklich in eine Belastungssituation zurück, um sie wieder zu normalisieren", sagt Psychosomatiker Tesarz. Denn bei chronischen Schmerzpatienten ist die Verarbeitung von Schmerzempfindungen im Hirn gestört. Bei lange andauernden Schmerzzuständen speichert das Gehirn die Information "Schmerz" im emotionalen Gedächtnis ab. Sie jedoch hätte jedoch in einer ganz anderen Hirnregion – dem Thalamus – verarbeitet werden sollen.

Ein solcher "emotionaler" Shift ist nach Auffassung des Heidelberger Psychosomatikers dafür verantwortlich, dass sich ein Schmerz – ähnlich wie das dauernde innerliche Wiedererleben eines schlimmen Ereignisses bei einer posttraumatischen Belastungsstörung – im Gedächtnis festsetzt. Durch EMDR soll es gelingen, Schmerz und Emotion wieder voneinander zu trennen.

Rückenschmerzen, obwohl der Rücken gesund ist

Genau so war bei Andreas B.. Immer wieder kämpft er über Wochen gegen unerträgliche Rückenschmerzen an, für die keine körperliche Ursache gefunden werden können. "Ich war in diesen Phasen kaum in der Lage zu sitzen, zu stehen oder zu liegen", sagt er. Das belastete ihn zusehends emotional. Auch die Unvorhersehbarkeit nagte an ihm: "Ich erinnere mich daran, dass ich eine Waschbeckenarmatur wechseln musste. Am Vorabend habe ich darüber nachgedacht, ob ich das wirklich selbst machen soll", sagt der 64-Jährige. Am nächsten Tag nahm er die Arbeit in Angriff. Es dauerte keine zehn Minuten, bis ihm der Schmerz ins Kreuz schoss und beinahe bewegungsunfähig machte.

Für Mediziner Jonas Tesarz, der seit mehr als zehn Jahren an Schmerzauslösern forscht und nach Mitteln gegen die Pein sucht, ist klar: Das Schmerzempfinden wird in solchen Fällen durch Emotionen ausgelöst, die mit einem bestimmten Ereignis in der Vergangenheit der Betroffenen verbunden sind. In solch emotional ähnlichen Situationen greift das Gehirn auf die damit verknüpfte Schmerzinformation zu. Darum durchfährt auch Andreas B. trotz eines gesunden Rückens ein unerträglicher Kreuzschmerz.

Emotionale Auslöser für die Qualen suchen

Die dafür verantwortlichen Ereignisse aufzuspüren, ist die detektivische Arbeit, der sich Patient und Therapeut beim EMDR stellen müssen. Andreas B. hat für sich herausgefunden, welche Ursachen bei ihm dafür verantwortlich waren. "Ich kann mich beispielsweise an eine Straßenbahnfahrt in jungen Jahren erinnern. Mir ging es sehr schlecht." Vom Schmerz gequält rutschte er auf dem Straßenbahnsitz hin und her. Das beobachtete eine Frau und fuhr ihn an, er solle endlich ruhig sitzen bleiben. Andreas B. steigt an der nächsten Haltestelle aus. Er fühlte sich gedemütigt, missverstanden und ausgegrenzt.

Während der 64-Jährige in den EMDR-Sitzungen seinen Blick im Rhythmus des pendelnden Fingers seines Therapeuten hin und her schweifen lässt, erinnert er sich bewusst an solche Ereignisse. Immer wieder soll er beurteilen, wie er den erinnerten Schmerz einstuft. Zunächst gibt er auf einer Zehnerskala den Wert neun an. Doch im Verlauf der Behandlung spürt Andreas B. wie die Intensität abnimmt. "Sie liegt jetzt bei eins bis zwei", sagt er.

Nach der zehnten Sitzung war der Schmerz weg

Nach der zehnten Sitzung merkt er beim Verlassen der Uniklinik, dass sich etwas verändert hat: "Die Angst vor dem Schmerz war plötzlich weg. Ich wusste, dass ich mich ruhig strecken kann und keine Schmerzen mehr bekommen würde." Es war ihm offenbar gelungen im Kopf Schmerz und Emotion wieder voneinander zu trennen. Noch am gleichen Tag rief er Tesarz an. Seine Botschaft: "Ich komme nicht mehr. Wir haben meinen Fehler gefunden." Seitdem ist der Schmerz nie wieder gekommen. Drei Jahre ist das jetzt her.

Neben Studienteilnehmer Andreas B. ging es vielen Menschen so, die sich auf den Versuch eingelassen haben. In klinischen Studien berichten 50 Prozent der Betroffenen von einer starken Besserung, 20 Prozent der chronischen Schmerzpatienten sogar von einer Heilung der Beschwerden, sagt Experte Tesarz. Für die Wirkung von EMDR bei chronischen Rückenbeschwerden hat er in einer gerade publizierten Studie gemeinsam mit Wissenschaftlern (zu denen auch Internist und Psychosomatik-Experte Wolfgang Eich sowie der Psychotraumatologe Günter H. Seidler gehörten) Belege gefunden.

Dennoch ist die Wissenschaft nicht am Ziel. "Es müssen weitere Untersuchungen stattfinden. Es ist kein Wunderheilmittel und zeigt nicht bei allen Effekte", sagt er. Doch deute vieles darauf hin, dass sich mit EMDR eine Alternative zu anderen Ansätzen wie einer Verhaltenstherapie ergebe. Vorteil der neuen Behandlungsmethode: Sie braucht nicht viel Zeit, es sind in der Regel nur zwischen fünf und zehn Sitzungen notwendig und der Betroffene muss im Vergleich zur Verhaltenstherapie wenig auf biografische belastende Ereignisse eingehen. "Es ist also ein niederschwelliges Angebot", sagt Tesarz. Diese Stärke nutzt man auch in der Traumatherapie.

In der Behandlung traumatisierter Menschen ist EMDR bereits gut erforscht, wird von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlen und seit 2015 sogar von den Krankenkassen übernommen. Eingesetzt wird das Verfahren auch bei Menschen, die unter Phantomschmerzen an amputierten Gliedmaßen leiden. Auch bei Migräne und anderen Schmerzsyndromen kann EMDR helfen. Allerdings ohne Beteiligung der Kasse.

Für wen ist EMDR geeignet?

EMDR scheint nach derzeitigem Erkenntnisstand besonders geeignet für Patienten mit einer langjährigen Schmerzerfahrung sowie solche mit einer hohen emotionalen Belastung. Als effizient zeige sie sich in der Behandlung von Kopfschmerzen. Bei Patienten mit einer sehr komplexen Traumatisierung, schätzt der Experte, sei die Behandlungsmethode vermutlich weniger erfolgreich.

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