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Jeder Zwanzigste ist betroffen
Das sind die häufigsten Erkrankungen der Schilddrüse

Schilddrüse - kleines Organ mit großer Wirkung
FOTO: RP/Schnettler
Schilddrüsenerkrankungen sind zu einem Volksleiden geworden. Besonders Frauen sind davon betroffen. Über die Ernährung lässt sich gut gegensteuern. Welche die häufigsten Erkrankungen des Organs sind, und woran Sie sie erkennen, lesen Sie hier. Von Susanne Hamann

Sie ist geformt wie ein Schmetterling, sitzt im Hals direkt unterhalb des Kehlkopfes und wiegt im Normalzustand gerade mal 20 bis 30 Gramm: die Schilddrüse.

Probleme mit dem kleinen Organ sind in den vergangenen Jahren immer häufiger ein Grund für Arztbesuche: "30 Prozent der Bevölkerung haben eine vergrößerte Schilddrüse, 20 Prozent haben knotige Anteile darin", sagt Professor Lutz Schomburg vom Institut für experimentelle Endokrinologie der Charité Berlin.

Oftmals wissen die Betroffenen nicht, dass sie an einer Erkrankung der Schilddrüse leiden. Sie - und auch ihr Umfeld - beobachten aber deutliche Veränderungen im Wohlbefinden. Dauermüdigkeit, Antriebslosigkeit und lästiges Übergewicht auf der Waage können ebenso zu chronischen Symptomen werden wie Schweißausbrüche, Herzrhythmusstörungen und Untergewicht. "Weil die Schilddrüse so stark auf die Psyche wirkt, wurden die Patienten früher manchmal fälschlicherweise zum Psychologen überwiesen. Heute wissen die meisten Ärzte und Psychotherapeuten aber besser Bescheid und ordnen entsprechend einen Schilddrüsentest an", so Schomburg.

Der Einfluss der Schilddrüse

Denn tatsächlich haben solche Symptome häufig eine rein körperliche Ursache. Die Schilddrüse stellt die Hormone Trijodthyronin (T3) sowie Thyroxin (T4) her und gibt sie an den Blutkreislauf ab. Dort gelangen sie in die verschiedenen Körperzellen und beeinflussen deren Aktivitäten. "Beim Erwachsenen reguliert die Schilddrüse den gesamten Energiehaushalt und die Geschwindigkeit der meisten Stoffwechselprozesse", sagt Schomburg. Das bedeutet, sie ist maßgeblich an der Regulierung von Körpertemperatur und Verdauungsprozessen beteiligt sowie auch an Hormonkreisläufen wie etwa dem für die Fruchtbarkeit. Kaum ein körperlicher Prozess wird nicht durch die Schilddrüse mitbestimmt, entsprechend ist ihre Gesundheit für die Leistungsfähigkeit und die Stimmung des Menschen verantwortlich.

Die häufigsten Krankheiten

Das kleine Organ ist anfällig. Allzuleicht gerät es in eine Unter- oder Überfunktion. Ein frühes Anzeichen dafür ist die Vergrößerung der Schilddrüse, auch Struma oder Kropf genannt. "Autoimmunkrankheiten der Schilddrüse sind eine häufige Ursache für ihre Fehlfunktion", erklärt Schomburg. "Dazu zählen Hashimoto Thyreoiditis und Morbus Basedow."

Hashimoto ist eine Krankheit, bei der die weißen Blutkörperchen des Immunsystems nach und nach die Schilddrüse zerstören. Mit der Zeit entsteht dadurch ein deutlicher Mangel an T3 und T4 im Körper, die Betroffenen fühlen sich schlapp und oft niedergedrückt - fast schon, als litten sie an einer Depression. "Schätzungen zufolge ist inzwischen jede zwanzigste Frau von Hashimoto betroffen, das ist eine besorgniserregende Entwicklung", sagt der Experte.

Bei Morbus Basedow dagegen handelt es sich um eine mitunter starke Überreaktion der Schilddrüse, ebenfalls ausgelöst durch das Immunsystem. Am Anfang von Basedow stehen Symptome wie Gereiztheit, Schwitzen, Schlafmangel und Untergewicht.

Mit der Zeit kommt es zu einer Erweiterung der Augen und dadurch oftmals zu starken Sehstörungen. Warum die Schilddrüsenerkrankungen so zugenommen haben, können Wissenschaftler nicht genau sagen. Bisherige Untersuchungen legen nahe, dass es mit zu viel Hygiene in der Kindheit und modernen Umweltgiften - wie sie etwa in Plastik vorkommen können - zu tun hat.

Welche Bedeutung Jod hat

Hinlänglich bekannt ist dagegen, dass Jod eine wichtige Rolle für die Schilddrüse spielt. Weil das Organ seine Hormone nur nach der Aufnahme des Spurenelementes produzieren kann, wurde eine Verordnung zum Zusatz von Jod in Tafelsalz ermöglicht. "Damit haben wir den Jodmangel auch beinahe in den Griff bekommen", sagt Schomburg. "Weil die Böden in Deutschland und Europa aber jodarm bleiben, ist das Problem längst nicht beseitigt." Die Vergrößerung der Schilddrüse ist die erste Reaktion auf Jodmangel. Damit versucht sie die verringerte Thyroxin-Produktion auszugleichen.

Ein ähnlicher Zusammenhang wurde mit dem Spurenelement Selen festgestellt, das in deutschen Böden ebenfalls selten vorkommt. Daher lässt sich mit der Ernährung sehr viel gegensteuern. "Fleisch, Eier, Milch und Fisch enthalten viel Jod und auch Selen, weil beides in der Tiernahrung speziell angereichert wird", sagt Schomburg. "Schwieriger haben es Vegetarier und Veganer, die können nur gezielt mit Paranüssen, Algen oder einzelnen Mineralien ihr Risiko reduzieren."

Die häufigsten Therapiemethoden

Ist die Schilddrüsenerkrankung sehr fortgeschritten oder gar ein Tumor vorhanden, gibt es nur wenige Möglichkeiten: Tabletten können eine Unterfunktion ausgleichen, bei einer Operation wird zerstörtes oder überschüssiges Gewebe entfernt. Dann gibt es noch die Radiojodtherapie. Dabei wird Jod mit radioaktiven Partikeln versehen, die in die Schilddrüse eindringen und dort krankhaftes Gewebe zerstören. Vor allem bei Schilddrüsenkrebs und -überfunktion hat sich dieses wenig schmerzhafte Verfahren als äußerst wirksam erwiesen.

Wichtig für eine gute Therapie ist eine frühzeitige Diagnose. Es lohnt sich deshalb, außergewöhnlich anstrengende psychische Zustände oder Schluckbeschwerden vom Arzt abklären zu lassen.

Quelle: RP
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