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"Schnüffel-Sucht"
Wenn der Tod aus der Deo-Spraydose kommt

Schnüffeln an Deos: Immer mehr Jugendliche sterben in NRW
Viele Jugendliche schnüffeln an Deos - mit lebensgefährlichen Folgen. FOTO: Shutterstock.com/ Joe Belanger
Düsseldorf. Im März starb in Kiel eine 13-Jährige, weil sie absichtlich Deo eingeatmet hatte. Der Landtag in Schleswig-Holstein fordert nun Warnhinweise auf Deo- und Haarspray. Auch in NRW nimmt man die Gefahren von "Schnüffelstoffen" ernst. Von Henriette Westphal

Als ihre Mutter sie fand, lag Judith leblos neben ihrem Schreibtisch. Sie hatte eine Plastiktüte vor dem Gesicht, neben ihr befand sich eine Deo-Dose. Einige Wochen später hätte das Mädchen seinen 14. Geburtstag gefeiert. Der Tod der Schülerin aus Schleswig-Holstein ist kein Einzelfall. Immer wieder atmen Kinder und Jugendliche absichtlich die giftigen Gase von Deodorants, Klebstoff oder Haarspray ein, um sich zu berauschen. Die darin enthaltenen Chemikalien können aber auch zu Herzversagen und zum Tod führen.

Die Eltern von Judith haben jetzt Warnhinweise auf Deo-Sprays gefordert. In den USA und in Großbritannien sind diese Hinweise schon seit Jahren aufgedruckt. Im Landtag in Kiel wird darüber diskutiert, ob eine Bundesratsinitiative angestoßen werden soll. Dann muss in Berlin darüber entschieden werden, ob auf Spraydosen und Klebstoff vor der tödlichen Gefahr gewarnt wird.

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Auch in NRW sind die Schnüffelstoffe eine bekannte Gefahr. "Das gibt es bei Jugendlichen immer mal wieder", sagt Hans-Jürgen Hallmann, Leiter der Landeskoordinierungsstelle Suchtvorbeugung NRW (Ginko Stiftung). "Wir wissen nicht, wie hoch die Dunkelziffer ist." In den Suchtpräventionsstunden, die die Ginko Stiftung organisiert, sprechen Schüler das Thema durchaus an, so Hallmann. Die Drogenhilfe Düsseldorf gibt dagegen Entwarnung: "Bei uns spielt das Schnüffeln keine Rolle", sagt Leiter Joachim Alxnat. Einzelfälle von Missbrauch seien ihm aus den 90ern bekannt.

In NRW gibt es schätzungsweise vier Millionen Suchtkranke. In diesen Statistiken tauchen die Opfer des Schnüffelns nicht auf. Fälle beziehungsweise Unfälle mit Schnüffelstoffen landen nicht in den Beratungsstellen: Bei Vergiftungen werden vielmehr Ärzte in Krankenhäusern oder Notfallpraxen konsultiert.

Doch wie wirkt das Schnüffeln auf den Körper? "Im Gehirn entsteht ein Sauerstoffmangel", erklärt Carola Seidel, stellvertretende Leiterin der Informationszentrale gegen Vergiftungen am Uniklinikum Bonn. Die Gefahr von Herzrhythmusstörungen sei groß. Vergiftungen mit Deo kämen immer wieder vor, sagt die Ärztin. In der jährlich veröffentlichten Statistik der Zentrale werden Deo- und Haarspray als Kosmetika eingeordnet. 2013 verzeichnete die Bonner Zentrale 1835 Vergiftungsfälle mit Kosmetikartikeln.

"Das Land nimmt die vom Schnüffeln ausgehenden gesundheitlichen Gefahren sehr ernst", heißt es beim NRW-Gesundheitsministerium in Düsseldorf. Die wichtigste Maßnahme zur Eindämmung der mit dem Schnüffeln verbundenen Risiken sei die frühzeitige Aufklärung durch Eltern und Schulen. Oft wissen Eltern oder andere Bezugspersonen nichts von dem Einatmen der Gase. Im Fall von Judith wollen auch die Freunde nichts bemerkt haben. "So etwas verbreitet sich meistens in Gruppen", sagt allerdings Joachim Alxnat von der Düsseldorfer Drogenhilfe. Was in einer Schule verpönt sei, könne an einer anderen schon wieder angesagt sein.

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Warnhinweise auf den Deo-Sprays sieht man beim NRW-Verbraucherministerium eher skeptisch. "Deos und Haarsprays sind Alltagsprodukte, die nicht zum Einatmen bestimmt sind. Wenn diese Produkte wie vorgesehen verwendet werden, stellen sie keine Gefahr für die Gesundheit dar", heißt es in einer Stellungnahme. Gegen eine bewusste missbräuchliche Anwendung helfen demnach keine Warnhinweise, zumal sie in der Regel auch nicht hinreichend wahrgenommen werden, heißt es. Auch Hallmann könne sich kaum vorstellen, "dass die gelesen werden". Vielmehr würden sie die Jugendlichen noch zum Ausprobieren anregen.

In der Drogenprävention in Schulen und anderen Institutionen wird das Thema Sucht mit Kindern und Jugendlichen oft nur ganz allgemein besprochen - ohne zu große Neugier auf eine bestimmte Droge zu wecken. "Achtet auf eure Kinder, redet mit ihnen", appelliert Hallmann an die Eltern. Guter Kontakt und Kommunikation in einer Familie seien wichtiger als aufgedruckte Warnhinweise.

Quelle: RP
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