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Schwangerschaft
Wie in Genlaboren Designerbabys entstehen könnten

Schwangerschaft: Wie in Genlaboren Designerbabys entstehen könnten
Vererbt für alle Zeiten wären Merkmale, die Labore mit dem CRISPR-Verfahren Keimzellen künstlich geben können. FOTO: Shutterstock/Chris Harvey
Düsseldorf. Wie ein Lauffeuer breitet sich ein Verfahren in den Laboren der Biowissenschaftler aus, mit dem sich unerwünschte Gene zielgenau ausschalten lassen. Eingesetzt wird es bereits in der Pflanzenzucht und bei Nutztieren. Denkbar ist es aber auch, in absehbarer Zukunft menschliche Embryonen zu designen. Von Tanja Walter

Es ist ein biotechnisches Werkzeug mit dem kryptischen Namen CRISPR-Cas (Clustered Regularly Spaced Short Interspaced Palindromic Repeats), das Biotechnologen seit einigen Jahren in Wallung versetzt. Denn mit ihm lassen sich Gene im Erbgut verändern. Sie werden mit einer Art molekularer Schere eingefügt oder umgeschrieben. Emmanuelle Charpentier vom Helmholtz-Zentrum in Braunschweig und Jennifer Doudna von der University of California sind die Forscherinnen, die im Jahr 2012 erstmals in der Fachpublikation "Science" über die Möglichkeit des Eingriffs in das Erbgut von Pflanzen, Tieren und humanen Zellen berichteten. Das trat eine Welle von Publikationen los, denn die Methode ist vergleichsweise günstig, effektiv und leicht zu handhaben und damit in vielen Bereichen einsetzbar.

Als ein Forscherteam um Eric Landers vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) im Jahr 2013 mit CRISPR Pflanzen und Mäusen manipulierte, sprachen die Wissenschaftler offen das an, was hinter anderen Labortüren schon geschah: Man könne das Verfahren auch auf humane Zellen anwenden.

Das unterscheidet PID und CRISPR

Demnach ist es denkbar, bei der künstlichen Zeugung von Babys so einzugreifen, dass unerwünschte Eigenschaften abgestellt werden könnten. Neu ist die Idee nicht, denn ähnliches kann theoretisch auch die Präimplantationsdiagnostik (PID). Und doch erreicht die ethische Diskussion nun einen neuen Höhepunkt. Denn neben der Möglichkeit, defekte Gene in normalen Körperzelle zu manipulieren ist die Aussicht darauf, direkt an der Ei- oder Samenzelle – also der Keimbahn – Veränderungen vorzunehmen, weitreichender. Weil diese Veränderungen nicht nur wirksam für das jeweilige Individuum sind, sondern für alle aus ihm hervorgehenden nachfolgenden Generationen.

Schon in Anbetracht der Möglichkeiten, die die Präimplantationsdiagnostik eröffnete reichten die Visionen mancher Wissenschaftler bis hin zu Designerbabys, deren Erbanlagen so weit verändert werden könnten, dass genetisch bedingte psychische Erkrankungen oder Alzheimer der Vergangenheit angehören könnten. Da bereits durch die PID ein Erbgutcheck bei Embryonen und eine damit verbundene Selektion bei der künstlichen Befruchtung möglich machten, dass mit hohem Risiko für Erbkrankheiten belastete Embryonen ausselektiert werden dürfen, sei ein weiteres genetisches Design nur eine natürliche Folge, argumentierte der Direktor des Oxford Center of Neuroethic, Julian Savulescu.

Horrorvorstellung: Gezielt den Menschen aufwerten

Medizinethiker wie er befürworten ein wie sie es nennen "rationales Design", weil sie auf diese Weise den Weg zu einer besseren Gesellschaft ebnen wollen. Savulescu hält es darum sogar nicht nur für zulässig, sondern sogar geboten, bestimmte genetische Merkmale wie Neigung, Intelligenz und Geschlecht im Vorfeld festzulegen. Embryonen, bei denen durch die PID erkannt werde, dass sie über unerwünschte Eigenschaften verfügen, sollten erst gar nicht in den Uterus eingesetzt werden oder im anderen Falle abgetrieben werden. Sehr kontrovers diskutiert ist auch seine Auffassung, es sein eine moralische Verpflichtung, schlechte Eigenschaften wie mangelnde Intelligenz oder Gewaltbereitschaft wegzuselektieren.

In Deutschland wurde im März 2014 ein erstes PID-Zentrum in Lübeck zugelassen. Hierzulande ist es allerdings nur Anlaufstelle für Paare, die in ihren Erbanlagen das Risiko für schwere Krankheiten in sich tragen und darum eine Vorauswahl der Embryonen durchführen lassen möchten, bevor diese in die Gebärmutter eingesetzt werden.

Das ist mit der molekularen Schere möglich

Das alles und noch viel mehr kann auch durch eine Manipulation der DNA per CRISPR erreicht werden. Wie leicht das ist, testeten auch Wissenschaftler der Max-Planck-Gesellschaft. Ihnen gelang es, strukturelle Mutationen des Menschen schnell und einfach in Mäusen nachzubauen. Dabei ist es kein Problem, entweder nur einzelne Buchstaben des genetischen Codes durch einen anderen zu ersetzen oder größere Umbauten ganzer DNA-Abschnitte vorzunehmen, indem man Erbmaterial einfügt oder auslässt.

Verheißungsvoll preisen Biologen die Möglichkeit an, Familien von Erkrankungen wie Mukoviszidose befreien zu können, weil sie vererbt wird. Menschen, die darunter leiden haben im Vergleich zu gesunden Menschen eine kürzere Lebenserwartung. Niederländischen Wissenschaftlern ist es gelungen, eine mit dieser unheilbaren Stoffwechselkrankheit in Zusammenhang gebrachte Mutation zu eliminieren. Sogar einen Schutz gegen Alzheimer hofft man so installieren zu können oder den gegen Infektionen. Diese Verfahren könnten die Medizingeschichte ebenso revolutionieren wie die Impfungen dieses Jahrhundert.

Unkontrollierbar, was Frankensteins Genlabor entkrabbelt

Was in Anbetracht der Aussicht, schwere erblich bedingte Krankheiten beherrschbar zu machen gut klingt, ruft jetzt allerdings kritische Forscher wie den Experten wie Edward Lanphier auf den Plan. Denn klar ist, dass mit Verfahren wie CRISPR nicht nur die Hoffnung für neue Therapiemöglichkeiten in der Medizin steigen oder körperlich unerwünschte Merkmale durch genetische Veränderung getilgt werden können. Zugleich steigt auch die Gefahr Babys zu schaffen, die genetisch modifiziert, sozusagen "verbessert" ihr Erbgut als Erwachsene mit unabsehbaren Folgen in Umlauf bringen könnten.

Im Magazin "Nature" schreiben Lanphier und Co-Autoren: "Aus unserer Sicht könnte die Bearbeitung von Genomen menschlicher Embryonen mit aktuellen Technologien unvorhersehbare Auswirkungen auf zukünftige Generationen haben." Die Forscher halten das für gefährlich und ethisch nicht vertretbar. Fiktion und Wirklichkeit scheinen zu verschmelzen, denn während die einen mahnend die Zukunft ausmalen, erscheinen die ersten Studien, die von Erfahrungen mit dem Verändern der DNA menschlicher Embryonen zeugen. Es sind chinesische Wissenschaftler, die auf diese Weise versuchten, eine Blutkrankheit zu korrigieren. Noch waren sie damit allerdings erfolglos.

Davor fürchten sich die Kritiker

Dennoch ist damit wissenschaftlich der Weg zur genetischen Optimierung des Menschen beschritten, deren ethische und sicherheitsrelevante Auswirkung nach Auffassung kritischer Geister nicht überschaubar seien. Nicht absehbar sei zudem, welche Folgen eine solche Genom-Bearbeitung auf nicht reproduktive Zellen haben könne und welche Auswirkungen der Eingriff in die Natur auf künftige Generationen haben werde. Denn die gefürchtete zweite Schöpfung könnte immer neue Möglichkeiten der Manipulation eröffnen. Kritiker befürchten ähnlich der Idee des Neuroethikers Julian Savulescu, dass immer weiter verbesserte Supermenschen die Erde besiedeln könnten, die über bessere geistige und körperliche Fähigkeiten verfügen und denen selbst Krankheiten nichts mehr anhaben können.

In der Diskussion rund um gute und schlechte Erbanlagen ließe sich die berechtigte Frage stellen, welche Eigenschaften dann auf dem Wunschzettel der Menschheit stehen werden: vielleicht Menschen mit einer Ellbogenmentalität, solche ohne Emotionen, solche mit einer bestimmten Augenfarbe oder einer bestimmten Größe?

In diesen Laboren wird an Keimbahnen manipuliert

Derzeit ist die Keimbahntherapie in den meisten Ländern verboten und gilt als unethisch. Doch tun sich bereits jetzt Länder hervor, die ihr Forschungspotential dort sehen. So berichtet der Journalist Antonio Regalado unter anderem über amerikanische Wissenschaftsteams in Boston und Cambridge, die eifrig an menschlichen Keimbahnen herummanipulieren, einer Zusammenarbeit verschiedener Laboratorien und auch von Fachaufsätzen, die in China erscheinen sollen.

Dieser Zeit voraus verabschiedete der Kongress der Europäischen Union im Jahr 2009 eine gemeinsame Konvention, die festhält: "Eine Intervention die nach Möglichkeiten sucht, das menschliche Genom zu verändern, darf nur zu präventiven, diagnostischen oder therapeutischen Zwecken durchgeführt werden und nur dann, wenn sie nicht darauf abzielt, eine Veränderung des Genoms von Nachkommen herbeizuführen." Nötig wäre jetzt eine Diskussion, die daran anknüpft.

 

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