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Sprechstunde mit Dr. Tim Niehues
Ist viel Bewegung nach Infekten gesund für ein Kind?

Sprechstunde mit Dr. Tim Niehues: Ist viel Bewegung nach Infekten gesund für ein Kind?
FOTO: Endermann, Andreas (end)
Unsere Leserin Julia F. aus Velbert fragt: "Mein 13-jähriger Sohn ist ein talentierter Fußballer und trainiert viel. Im Winter hatte er aber einige Infekte. Ist jetzt die viele Bewegung hilfreich oder schädlich fürs Immunsystem?

Tim Niehues Der menschliche Organismus hat sich in vielen Jahrtausenden auf Bewegung ausgerichtet. Früher galt: ohne Bewegung wie etwa Jagen keine Ernährung. Für das zentrale Nervensystem (ZNS) bedeutet Bewegung Stress. Es reagiert mit einer Stressantwort auf mehreren Ebenen, auch im Immunsystem. Das Wort Stress ist negativ belegt. Stress macht aber im Kontext der Evolution Sinn. Bei Konfrontation mit Gefahr (Raubtier, Verwundung) entscheidet eine gute Stressantwort über das Überleben: Die stressbedingte Erhöhung der Herzfrequenz und des Schlagvolumens sowie die Ausschüttung von Stresshormonen (Adrenalin, körpereigenes Kortison) mobilisieren Immunzellen (Leukozyten) von den Gefäßwänden in die Gewebe und lassen eine Wunde schneller heilen.

Solch kurzfristige Aktivierungen des Immunsystems haben für den Körper einen positiven Effekt (den sogenannten Eustress). Bei Aktivierung der Muskulatur werden Hormone gebildet, die sich günstig auf den Abbau von Körperfett auswirken. Ein regelmäßiges Training führt zu verbesserter Schleimhautdurchblutung und zu mehr schützenden Antikörpern auf den Schleimhäuten. Dauernder psychologischer oder körperlicher Stress ohne Erholung (sogenannter Distress) und Lifestyle-bedingter Bewegungsmangel ("Couch-Potato") begünstigen die Ausbildung von Fettgewebe mit Folge unterschwelliger, dauerhaft schädlicher Aktivierung des Immunsystems. Ein Erklärungsansatz für den Anstieg entzündlicher, durch das Immunsystem vermittelter Volkserkrankungen wie Diabetes oder Arteriosklerose in den letzten Jahrzehnten.

Kann der Arzt diesen Effekt der Bewegung im Labor messen? Ein echter Defekt des Immunsystems wird erst beim Menschen sichtbar, wenn einer seiner Bestandteile fehlt oder zumindest ein Großteil der Immunzellen zerstört ist. Kleinere Veränderungen machen sich zwar im Labor nicht unbedingt bemerkbar, sind aber über lange Zeit schädlich.

Kann übermäßige Bewegung dem Immunsystem schädigen? Bei Eliteathleten mit extremem Pensum wird ein sogenanntes OTS ("Overtraining-Syndrom") beobachtet (Infekthäufung, übermäßige Müdigkeit, muskuläre Schmerzen). Ihr Sohn ist sicher weit davon entfernt: Regelmäßige Bewegung draußen wird sein Immunsystem verbessern, verstärkt durch positive Effekte des Lichts auf die Vitamin-D-Bildung im Körper - und natürlich auf die Psyche.

Quelle: RP
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