Seltsame Krankheit
Zeckenbisse lösen Fleischallergie aus

Vegetarier Zecke: Fleischallergie durch Zeckenbiss
Ein Biss der Lone-Star-Zecke verursachte auch schon hierzulande bei Menschen eine Fleischallergie. FOTO: CDC
Düsseldorf. Wer von einer Zecke gebissen wird, der denkt gleich mit Sorge an gefährliche Krankheiten wie Borreliose oder FSME. Doch nun macht eine neue Erkrankung von sich reden, die die meisten ins Reich der Märchen verbannen würden: Zecken können eine Fleischallergie auslösen. Von Tanja Walter

Das bizarre Problem wurde erst vor wenigen Jahren entdeckt: Rund 200 Menschen in den USA fallen plötzlich durch eine merkwürde Erkrankung auf. Sie reagieren auf saftige Steaks, Burger oder Roastbeef allergisch. In Deutschland beobachtete der Dermatologe Prof. Tilo Biedermann, heute am Klinikum der TU München tätig, schon 2005 einen ersten Fall der seltsamen Fleischallergie. Allerdings fanden erst Jahre später Wissenschaftler in den USA den Zusammenhang.

Eine Zecke verwandelt gesunde Menschen über Nacht zwangsweise in Vegetarier. Stunden nach dem Verzehr von rotem Fleisch zeigen sie schwerste allergische Reaktionen, mit denen sie im Krankenhaus vorstellig werden.

Schwellungen und Atemnot nach Fleischgenuss

So wie die 63-jährige Krankenschwester Louise Danzig, die bei NBC New York von den seltsamen Symptomen erzählt, die sich plötzlich bei ihr einstellen: Stunden nach dem Verzehr eines Burgers wacht sie mit geschwollenen Händen auf, die wahnsinnig jucken. Auch die Zunge und die Lippen sind geschwollen.

Als sie versucht, über das Telefon Hilfe zu rufen, ist sie kaum mehr in der Lage zu atmen. Andere berichten über juckende Quaddeln oder dicke Blasen auf der Haut. Ausgelöst sind sie durch den Biss einer Zecke der Spezies Amblyomma americanum, auch Lone-Star-Zecke genannt.

In Amerika beobachtet man im Südwesten die ersten Fälle, doch dann dehnen sie sich in den Osten aus und auch aus anderen Teilen hört man von Menschen, die nach dem Fleischgenuss den Allergiehorror erleben. Besonders rätselhaft zeigt sich die neue Allergie allerdings nicht wie andere Nahrungsmittelallergien unmittelbar nach der Mahlzeit.

Kein Prickeln oder Jucken im Mund, keine Quaddeln oder Symptome wie geschwollene Schleimhäute. Erst drei bis sechs Stunden später machen sich erste Symptome bemerkbar. Vollkommen unverhofft kommen sie und können dann so heftig werden, dass sie für die Betroffenen durch Atemnot oder einen Kreislaufzusammenbruch lebensbedrohlich werden.

Was durch den Zeckenbiss passiert

Hervorgerufen sind die durch einen Antikörper, den der menschliche Organismus auf das Kohlenhydrat Alpha als Antwort auf den Zeckenbiss bildet. Auslöser für die schwere Reaktion ist nicht wie bei anderen Nahrungsmittelallergien ein Protein, sondern ein Zuckermolekül, das Zecken besitzen und Menschen nicht. Auf dieses sogenannte Alpha-Gal-Molekül bildet der menschliche Organismus ausgelöst durch den Zeckenbiss Antikörper. Da das Molekül nur in tierischen Zellen vorkommt und dem Menschlichen Körper fremd ist, reagiert er künftig darauf, wenn der Betroffene Fleisch isst. Forscher vermuten, dass das Alpha-Gal-Molekül danach erst durch die Verdauung frei gelegt werden muss und die Betroffenen aus diesem Grund zunächst keine Symptome spüren.

Der zeitliche Versatz erster spürbarer Reaktionen erschwert die Aufklärung der Erkrankung besonders. Besonders vor dem Hintergrund dessen, dass ganze 30 Prozent der normalen Zeckenbisse unentdeckt bleiben, kann man sich leicht vorstellen wie kompliziert die Diagnose in solch speziellen Fällen ausfällt. Nach bisherigen Erkenntnissen könnten Sport, Infektionen, Alkohol oder Aspirin die Allergie begünstigen. Häufig gehe die Überempfindlichkeit gegen Fleisch auch mit einer Allergie auf Milch und Tierhaare einher, berichtet die Ärztezeitung.

Wo bereits Fälle auftraten

Bei den herkömmlichen Prick-Tests auf Fleisch und Nahrungsmittel bleiben die Testergebnisse negativ. Erst seitdem amerikanische Allergieforscher einen neueren Test entwickelt haben, der das auslösende Kohlenhydrat nachweisen kann, ist es etwas einfacher geworden, die Fleischallergie, die durch die Vegetarier-Zecke ausgelöst wird zu diagnostizieren. Seitdem konnten hierzulande vereinzelte Fälle diagnostiziert werden. Weitere sind aus Australien, Frankreich, Schweden, Spanien, Japan und Korea bekannt.

Vor allem Kinder reagieren nach einer Fleischmahlzeit mit dem alpha-Gal-Syndrom und lebensbedrohlichen Zuständen, wie in der Fachzeitschrift Jounal of Pediatrics berichtet wird.

Noch sind sich die Forscher nicht sicher, ob der durch den Zeckenbiss entstandene Zwangsvegetarimus ein Leben lang anhält, oder ob die Betroffenen irgendwann wieder ohne um ihr Leben fürchten zu müssen in Steak und Co. beißen können. Möglicherweise aber müssen sie lebenslang darauf verzichten. Wie auch Louise Danzig. Ihr blieb nichts anderes übrig, als nach dem verheerenden Biss rotes Fleisch von ihrem Speisezettel zu streichen, und auf Fisch und Hähnchenfleisch umzusteigen. Das immerhin kann sie noch vertragen.

 
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